MEDIZIN: Diskussion
Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer zur Xenotransplantation: Sprache als Wegbereiterin des Wünschbaren
Dtsch Arztebl 2000; 97(6): A-320 / B-256 / C-244
Zu dem Beitrag des Wissenschaftlichen Beirates in Heft 28-29/1999


Wenn wissenschaftliche Grenzüberschreitungen anstehen, ist es besonders wichtig, die sprachlichen
Mittel zu überprüfen, mit denen Ziele des Forschens benannt und begründet werden. Die Stellungnahme der
BÄK zur Xenotransplantation gibt ein Beispiel, wie Sprache planend eingesetzt wird, um Akzeptanz für eine
neue Forschungsrichtung jenseits bisheriger Handlungsnormen zu schaffen. Kennzeichnend sind sprachliche
Inkongruenz, euphemistische Tendenzen durch den häufigen Gebrauch des Konjunktivs, inadäquate Bewertung
oder Weglassen von Risiken, fehlende Erwähnung ethisch relevanter Probleme und eine unpräzise verbleibende
Darstellung von Sachverhalten.
Sprachliche Inkongruenz
Bezogen auf das Spendertier (Organquelle) scheint in der Bekanntmachung keine Übereinstimmung vorzuliegen.
In Punkt 2 (Präklinische Untersuchungen zur Xenotransplantation) heißt es: "Für die Xenotransplantation kommt
in erster Linie das Hausschwein in Betracht." Diese Aussage wird relativiert in Punkt 7 (Ethische Aspekte) durch
"sollte sich das Schwein als geeignetes Spendertier herausstellen" . . . In der abschließenden Beurteilung der
Xenotransplantation (Punkt 9) wird festgestellt: "Kriterien für die Auswahl der für die Erfüllung von
physiologischen Transplantatfunktionen geeigneten Spendertiere liegen noch nicht vor."
Zu Punkt 3.1.2 (Physiologische/biochemische Unterschiede zwischen Mensch und Schwein): "Hinweise darauf,
ob Tierorgane im Menschen funktionieren, gibt es nur aus wenigen Versuchen: Auf Primaten übertragene
Herzen und Nieren transgener Schweine überleben mehrere Monate. Wenn es sich um Schweine handelt, denen
ein menschliches Gen in das eigene Genom integriert wurde bevor die Organübertragung auf Primaten erfolgt,
dann ist dies kein Hinweis darauf, dass ein Tierorgan im Menschen funktionieren kann, sondern lediglich, dass
ein transgenes Tierorgan in einer anderen Tierspezies kurzfristig überleben kann.
Gebrauch des Konjunktivs
Der häufige Gebrauch der Möglichkeitsform wird gewählt, um Erwartungen darzustellen und Risiken sprachlich
zu minimieren beziehungsweise inadäquat zu bewerten. Hierzu folgende Beispiele:
3.1.1 (anatomische Unterschiede): Speziesspezifische anatomische Form, Struktur und Gewebeeigenschaften . . .
könnten tierische Organe für eine Xenotransplantation ungeeignet machen.
Punkt 9 (abschließende Beurteilung der Xenotransplantation): "Die Erfolge der Forschung haben die
Möglichkeit der Transplantation lebender Zellen . . . in greifbare Nähe gerückt. . . . dass derzeit die
Voraussetzungen für eine hinreichend risikoarme Durchführung von Xenotransplantationen noch nicht gegeben
sind.
Nichterwähnung von Risiken
In der Bekanntmachung des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer wird nicht erwähnt, dass das
biologische Alter einer Spezies und seiner Organe genetisch festgelegt ist (Mensch ~ 80 Jahre, Hausschwein ~
12 Jahre) und sich dem Empfängerorganismus nicht anpasst. Organe eines Schweines wachsen und altern
schneller als die eines Menschen.
Ebenso unerwähnt bleiben grundsätzliche, nicht überwindbare physiologisch-biochemische Unterschiede wie die
höhere Viskosität des menschlichen Blutes, die abweichende Größe und unterschiedliche
Sauerstofftransportkapazität der Erythrozyten und Komplikationen die sich aufgrund unterschiedlicher
Blutgruppenmerkmale ergeben. Risiken für die Gesundheit Dritter durch vom Tier übertragene Virusinfektionen
finden Erwähnung, nicht jedoch die Maßnahmen, die erforderlich sind, um diese Gefahr abzuwehren.
Transplantatempfänger müssten auf unbestimmte Zeit in postoperativer Quarantäne verbleiben, da
erwartungsgemäß neue, bisher unbekannte Infektionen mit unbekannten Erregern sehr lange Inkubationszeiten
haben können (wie beispielsweise HIV, Prionen).
Unpräzise Sprache
Ein unpräziser Sprachgebrauch lässt sich an folgenden Stellen belegen. Punkt 3.1.2.1 (Eignung einzelner Organe
und Zellen): "Die Ausscheidungsfunktionen der Nieren vom Mensch und Schwein scheinen fast gleich zu sein."
Eine Aussage über messbare Parameter muss präzise sein. Das Wort "scheinen" gibt eine Vermutung wieder.
Punkt 5.3.2. (Maskierte Viren aus Organen . . .): "Porcine endogene Retroviren (PERV) wachsen in den bisher
untersuchten humanen Zellen nur zu relativ niedrigen Titern an. Der Titer ist kein Wachstumsparameter. Er ist
ein serologischer Maßstab.
Ethische Aspekte (7)
Die ethische Beurteilung von in die Zukunft weisenden Handlungen impliziert komplexe geistige Szenarien. Der
Übergang vom Gegenwärtigen zum Seinsollenden muss daher das Ergebnis eines langen Prozesses sein, an
dessen Endpunkt eine soziale Vereinbarungsskala steht, mit der sich die Gesellschaft identifizieren kann; das
heißt die Ergebnisse müssen für alle nützlich und zu rechtfertigen sein.
Für den Bereich der Xenotransplantationen gehört hierzu auch die Frage der Makroallokation. Ist es
gerechtfertigt, mit großem finanziellen und logistischen Aufwand an Verfahren zu arbeiten, deren Nutzen und
Anwendung ungewiss ist; und die - wenn überhaupt - nur wenigen Menschen zugute kommen? Verschärft
würde die Problematik der gerechten Zuteilung noch, wenn die Möglichkeit anstände, ein Tierherz transplantiert
zu bekommen. Wer bekäme das gespendete menschliche Herz, dessen Transplantation mit relativ wenigen
Komplikationen verbunden ist und wem sollte das biologisch minderwertige mit höchsten Risiken für sein Leben
verbundene Schweineherz implantiert werden?
Die unter ethischen Aspekten (7) gemachten Ausführungen "Eine Xenotransplantation kann dem Menschen
daher nicht seine Identität als Mensch nehmen, sondern sie kann im Prinzip in diese integriert werden", sind
unverständlich. Vermutlich wollen die Autoren damit ausdrücken, dass die Xenotransplantation (als Verfahren)
Teil der menschlichen Identität werden kann. Dem steht aber die Evolutionsbiologie entgegen. Die komplexen
Baupläne allen Lebens verdanken ihre Entstehung dem Algorithmus der natürlichen Auslese, denn alle
Lebewesen sind als biologische Form aus dem Prozess der Evolution hervorgegangen und bergen in sich den
Ganzheitscharakter der jeweiligen Spezies, der sich in ihrer Positionalität - und beim Menschen in seiner
lebensgeschichtlich gewordenen Einzigartigkeit - ausprägt.
Xenotransplantationsforschung beinhaltet den Überschritt über die naturgegebene Artgrenze; sie ist, wie unter
acht (Juristische Aspekte) aufgeführt - als Versuch am Menschen zu betrachten.
Dr. med. Gerhard Stübner
Mitglied der AEM
Institut für Medizinische
Mikrobiologie und Hygiene
Klinikum Hannover
Holtenhoffstraße 41
30167 Hannover
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