Supplement: Reisemagazin
Kreta/Griechenland: Die Götterinsel
Dtsch Arztebl 2000; 97(10): [12]


Grell ertönt die Trillerpfeife. "He, kommen Sie von dem Kulthorn runter, aber dalli!" Der energische
Wärter in Knossós ist in Deutschland aufgewachsen. Jetzt sorgt er erst einmal dafür, dass sich die gelbbehoste Touristin einen anderen Fotohintergrund wählt und schimpft sie energisch aus. "Wenn jeder der Tausenden
von Touristen, die täglich im Sommer durch den rekonstruierten Palast des Königs Minos geschleust werden, auf
dem antiken Mauerwerk herumklettert, bleibt bald nichts übrig!", macht er der Frau klar.
Mit sehr viel Sorgfalt hat vor fast hundert Jahren der englische Archäologe Arthur Evans aufgrund der
Fundamente und Wandmalereien einige Teile des so genannten Palastes so wieder rekonstruieren lassen, wie wir
es heute sehen. Spätere Ausgrabungen, Reliefs, weitere Malereien und sogar das vollständig erhaltene
Tonmodell eines herrschaftlichen Hauses geben ihm Recht. Auch die Farben Rot und Schwarz der Säulen
stimmen. So hat jeder Besucher eine Vorstellung davon, wie es hier vor dreieinhalbtausend Jahren ausgesehen
hat. Im Museum in Iráklion gehen einem die Augen über von all den kostbaren Funden der vielen Ausgrabungen
auf Kreta.
Nach diesem kulturbeflissenen Tag genießen wir am Abend in der "Fressgasse" im Zentrum Iráklions, wo eine kleine Taverne neben der anderen ist,
typisch kretisches Essen wie Stifádo, Kaninchenragout mit kleinen süßlichen Zwiebeln. Dazu einen Choriátiki,
den Bauernsalat mit Schafskäse und Wein vom Fass. Später holt ein alter Kreter mit typischem Moustáki, dem
langen, gezwirbelten Schnurrbart, schwarzen Stiefeln und der Pumphose seine Lyra hervor. Sein Bogen fliegt
behende über die Saiten. Kurz darauf beginnt der Kreter neben ihm, zwischen den eng stehenden Tischen zu
tanzen. Alle rücken zusammen, machen Platz. Bald wirbeln seine Beine ein Stakkato. Er vollführt die
elegantesten Sprünge, wird angefeuert durch Pfiffe und Zurufe der anderen. Es ist wie eine Szene aus "Alexis
Zorbas". Eine Kupferkanne Wein nach der anderen kommt auf den Tisch, sogar auf unseren. Es wird zwei Uhr
nachts, als wir verbrüdert mit dem Versprechen auseinander gehen, sie in den nächsten Tagen in ihrem Dorf in
den Bergen zu besuchen. Zunächst aber gehen wir noch zum schlichten Grab des kretischen Dichters Nikos
Kazantzákis auf der Nordbastion der venezianischen Stadtmauer, dem ein kirchliches Begräbnis verweigert
wurde.
Einen großen Teil der Insel lernen wir in den nächsten zwei Wochen kennen. Vom Hotel bei Iráklion aus sind
wir mit dem Mietwagen in einer Stunde im Ostteil der Insel im Hafenstädtchen Ágios Nikólaos, wo Fischer am
Kai sitzen und ihre Netze flicken. Von dort fahren wir nach
Süden quer durch die nur knapp zehn Kilometer schmale Landenge an die Südküste nach Ierápetra, dem südlichsten Ort Europas. Hier ist das Bananen-, Gurken- und
Tomatenanbaugebiet von Kreta. In großen Kühlwagen gehen die Früchte direkt vom Feld mit der Nachtfähre
nach Athen und nonstop auf die Großmärkte in München und Köln.
Wir fahren auch an den nordwestlichsten Punkt nach Vai mit dem einzigen Palmenstrand Kretas und weißen Sand. Asphaltstraßen wurden in den letzten Jahren entlang der Nordküste gebaut und quer durch das Land nach Süden, sodass man ziemlich schnell die schönsten
Punkte der Insel erreicht. Ins Land hinein und in die Berge allerdings muss man auch heute noch oft mit
Schotterstraßen vorlieb nehmen. Dafür entschädigt eine Landschaft, vor allem in der großen Lassithi-Hochebene
im Osten, wo noch heute im Frühjahr Windmühlen das Wasser auf die Felder pumpen und wo Zeus in einer geheimnisvollen Tropfsteinhöhle von einer
Ziege und von Bienen großgezogen wurde, erzählt der Mythos. Im Ida-Gebirge im Westen der Insel wurde er
geboren.
Ein Erlebnis ist die sechsstündige Wanderung durch die Samariá-Schlucht mit ihren gigantischen, steil
aufragenden Felswänden. Von Xylóskalo führen über 1 300 Meter Stufen hinab zum Beginn der 18 Kilometer
langen Schlucht. Kri-Kri, die kretischen Wildziegen, haben hier ihr Refugium. Ab und zu müssen wir über
kleine Wasserläufe springen oder hindurchwaten. Auf einem Picknickplatz stärken wir uns im Schatten
duftender Pinien vor der letzten Etappe mit der bedrohlichen Engstelle, bevor sich die Schlucht in ein weites Tal
öffnet und der Nationalpark endet.
Ein weiterer Ausflug geht über die antike Stätte Phaistós nach Mátala an der weit geschwungenen Messará-Bucht und den antiken Felshöhlen, wo einst die Hippies ihre Zeit totschlugen. Auf dem Rückweg von Mátala besuchen wir in einem winzigen Dorf bei Górtys unsere Freunde von Iráklion. Níkos, der Lyraspieler, melkt noch schnell seine Ziegen und sagt seinen Freunden Bescheid. Dann erleben wir echte kretische
Gastfreundschaft Und wir lernen: Kreter sind keine Griechen. Kreter sind Kreter. Basta. Renate V. Scheiper
Reise-tipps
Informationen: Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer Straße 22, 60311 Frankfurt/Main, Tel 0
69/23 65 61-63, Fax 0 69/23 65 76.
Empfehlenswert ist der Kunstreiseführer von DuMont (Köln), Kreta", 46 DM, und von Baedeker "Kreta", 29,80
DM; vom Bruckmann Verlag (München) aus der Reihe
Erlebnis/Wandern "Kreta", 39,80 DM; für Wasserfreunde: "Mittelmeer, die schönsten Tauchreviere", 68 DM;
Verlag Delius Klasing Edition Nagelschmid.
Kreta eignet sich gut zum Überwintern. Vor allem sind ganzjährig viele Hotels an der warmen, durch die Berge
geschützten Südküste geöffnet sowie das Luxus-Hotel Candia Maris bei Iráklion mit Thalassotherapie-Anlage.
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