MEDIZIN: Zur Fortbildung

Serie: Sexuelle Funktionsstörungen – Paartherapie bei sexuellen Funktionsstörungen

Dtsch Arztebl 2000; 97(12): A-776 / B-638 / C-596

Sigusch, Volkmar

Seit Jahren ist die von der klinischen Sexualwissenschaft entwickelte Paartherapie bei sexuellen Funktionsstörungen die erfolgreichste und folglich auch anerkannteste Sexualtherapie. Zugleich ist dieses auf Masters und Johnson zurückgehende Verfahren ein gelungenes Beispiel für den Versuch, Verhaltenstherapie und Psychoanalyse zu integrieren. Nach einleitenden Bemerkungen zur Ätiologie und zur gegenwärtigen medizinischen Diagnostik und Therapie werden das Konzept und die Regeln der Paartherapie dargestellt.
Schlüsselwörter: Paartherapie, sexuelle Funktionsstörungen, sexuelle Dysfunktionen, Ätiopathogenese


Couple Therapy in Sexual Disorders
Following introductory remarks upon etiology and medical therapy of sexual dysfunctions concepts and techniques of couple therapy are described. This type of psychotherapy inaugurated by Masters and Johnson has been further developed in Germany by clinical sex research over the past three decades. It is nowadays in sexual disorders the most successful and thus also the highest regarded form of sex therapy. This treatment is also a successful example of the endeavor to integrate behavioral therapy and psychoanalysis.
Key words: Sexual dysfunctions, couple therapy in sexual Disorders

So different die Perspektiven und Ergebnisse der großen therapeutischen Schulen auch sein mögen, sie gehören zusammen. Denn jede Schule greift eine, höchstens zwei ätiopathogenetisch relevante Dimensionen heraus: die unbewusst-psychische, die funktional-somatische, die paardynamische und so weiter. Dem erweiterten ätiologischen Blick aber sind alle epistemologisch denkbaren Dimensionen von Bedeutung, weil sie geeignet sind, Erhellendes beizutragen. Schließlich enthält in Wirklichkeit jede ätiopathogenetische Gleichung die Unbekannten, die dem Untersucher wegen seines eingeengten krankheitstheoretischen oder persönlichen Blicks oder aus prinzipiellen Gründen verschlossen bleiben.
Ätiologische Dimensionen
Alle Faktoren der wissenschaftstheoretisch getrennten Dimensionen, die im Textkasten Ätiopathogenetische Dimensionen aufgeführt sind, können, mehr oder weniger vermittelt, von pathogenetischer Bedeutung sein. Nur wenn ein Faktor sehr stark ausgeprägt ist, treten die anderen zwangsläufig oder auch notwendigerweise in den Hintergrund. Das gilt für existenzielle Bedingungen ebenso wie für körperliche. Befindet sich eine Frau mit Exzitationsstörungen auf der Flucht, kommt eine Sexualtherapie gar nicht infrage, weil die sexuelle Sphäre als etwas "Luxuriöses" ganz in den Hintergrund getreten ist. Werden die Nervi erigentes eines Mannes durchtrennt, bestimmen die Gesetze der Mechanik das Resultat und nicht die Bedeutungs- und Bedingungszusammenhänge des Lebendigen.
In erweiterter pragmatischer Hinsicht könnten wir uns jedoch die getrennt gehaltenen Dimensionen als Konstellationen benennbarer pathogenetischer Faktoren unterschiedlichen Gewichts konkret vorstellen. Welches Gewicht wir einem Faktor oder einem Faktorenbündel beimessen, hängt allerdings wiederum von unserer disziplinären und persönlichen Orientierung ab. Die einen werden sich auf die frühe Geschichte des Individuums beziehen. Die anderen werden die Störung am besten lerntheoretisch verstehen können. Wieder andere werden, wie der Verfasser in diesem Aufsatz, den Blick vor allem auf die Geschichte eines Paares und deren Dynamik richten. Noch andere werden an die soziale Lage des Patienten und des Paares oder gar an die allgemeine kulturelle Entwicklung denken. Dabei werden heutzutage einige auf der "gender difference" von Männern und Frauen insistieren. Ganz andere werden ihr Augenmerk auf den Körper richten, eher im Sinne früher Expositionen durch Beeinträchtigungen, Traumen und Erkrankungen oder ganz direkt.
Medizinische Diagnostik und Therapie
Weil sich körperliche Krankheiten seelisch niederschlagen und seelische Krankheiten körperlich, sollten sexuelle Störungen eigentlich nicht in psychogene und organogene aufgeteilt werden. Aus wissenschaftshistorischen, disziplinären und damit unabweisbar pragmatischen Gründen sind wir jedoch gezwungen, das, was eigentlich zusammengehört, getrennt zu betrachten und oft auch zu behandeln. Einen heute in der Medizin möglichen und durchaus üblichen Untersuchungsgang zeigt der Textkasten Medizinische Diagnostik, wobei die Methoden im Fortgang für den Patienten lästiger, schmerzhafter und am Ende riskant werden.
Wie eine invasive Diagnostik vermieden werden kann, indem "Silberne Erfahrungssätze" der klinischen Sexualwissenschaft berücksichtigt werden, wurde andernorts ausführlich dargestellt (4). Beispielsweise kann eine relevante Organogenese der Störung mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, wenn der beim Koitus impotente Patient rigide morgendliche Erektionen hat oder berichtet, bei der Masturbation sei "alles normal". Auch biografische Umstände und anamnestische Tatsachen erlauben es nicht selten, vorwiegend seelisch bedingte von vorwiegend körperlich bedingten Störungen differenzialdiagnostisch abzugrenzen. Welche körperlichen Erkrankungen und Noxen zu bedenken sind, wird im Textkasten Organische Faktoren und Erkrankungen dargestellt.
Schließlich kann dem Textkasten Organotherapien bei sexuellen Funktionsstörungen entnommen werden, welche medizinischen Therapien heute in der Praxis eine Rolle spielen. Wichtig ist, dass bei allen sexuellen Funktionsstörungen zuerst eine relevante Grunderkrankung behandelt wird. Eine Behandlung mit männlichen Sexualhormonen kommt bei der Erektionsstörung nur dann infrage, wenn ein pathologisch erniedrigter Testosteronwert im Serum mehrfach nachgewiesen und die Gefahr für die Entstehung eines Prostatakarzinoms so weit wie irgend möglich ausgeschlossen worden ist. Von den angeblich prosexuellen Substanzen spielt in der Praxis nur Yohimbin eine nennenswerte Rolle. Die arterien- und venenchirurgischen Eingriffe haben bisher nicht den Erfolg gebracht, den erste Mitteilungen versprochen hatten. Penisprothesenimplantationen sind heute wegen anderer Behandlungsmöglichkeiten kaum noch als Ultima-ratio-Eingriff zu rechtfertigen. Die SchwellkörperAutoinjektionstherapie (SKAT) und die Mechanotherapien, insbesondere mit Vakuum-Erektionssystemen, sind nach unserem Eindruck durch die Markteinführung von Sildenafil nicht nennenswert in ihrer praktischen Bedeutung reduziert worden.
Masters-Johnson-Therapie
Insgesamt sind heute die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten ungleich vielfältiger und sehr viel erfolgversprechender als vor 30 Jahren. Damals verfügten Somato- wie Psychotherapeuten kaum über geeignete Therapieverfahren. Allerdings veröffentlichten zu dieser Zeit die US-amerikanischen Sexualforscher William H. Masters und Virginia E. Johnson ein Behandlungsverfahren bei sexuellen Funktionsstörungen, das Therapiegeschichte machen sollte. Es war zwar theoretisch kaum begründet, schien aber erfahrungsgesättigt und überaus erfolgreich zu sein. Die Erfolgsrate betrug bei mehr als 500 behandelten Paaren rund 80 Prozent. Die Rückfallquote betrug fünf Jahre nach Abschluss einer erfolgreichen Therapie bei mehr als 300 Paaren rund fünf Prozent.
Von diesen Erfolgen der Masters-Johnson-Therapie konnten die Vertreter anderer Psychotherapieverfahren nur träumen. Der Erfolgsbericht der amerikanischen Kollegen kam also vielen wie gerufen. Auch hier begann man sofort, die neue Methode in die Praxis umzusetzen, nachdem das Buch von Masters und Johnson für eine deutsche Ausgabe (2) bearbeitet worden war. In einem umfangreichen Forschungsprojekt der Hamburger Universitätsabteilung für Sexualforschung wurde schließlich das Verfahren durchleuchtet, kontrolliert, theoretisch begründet, an die hiesigen Verhältnisse angepasst und mit dem Stück Psychologie des Unbewussten und des Paarkonflikts versehen, das unverzichtbar schien. Die von den Hamburger Kolleginnen und Kollegen im Verlauf von inzwischen 25 Jahren entwickelte und in vielen Weiterbildungskursen vermittelte Paartherapie haben Arentewicz und Schmidt (1) zusammenfassend dargestellt. Ihr Buch sei allen interessierten Ärzten empfohlen.
Wenn auch die Erfolgsraten, die Masters und Johnson in den 50er- und 60er-Jahren erreicht hatten, international von niemandem bestätigt werden konnten, so waren doch die meisten Forscher sehr zufrieden. Denn Erfolge stellten sich nach vielen Studien bei zwei Dritteln bis drei Vierteln der behandelten Paare ein. Und das, obgleich die Erfolge strikter kontrolliert und zunehmend Störungen wie die sexuelle Lustlosigkeit beklagt wurden, die schwer zu behandeln sind. Außerdem wurden nicht mehr eher unaufgeklärte und unerfahrene Patienten aus einer ländlichen Region behandelt, denen allein schon durch Informationen und Übungen geholfen werden konnte, wie es offensichtlich bei Masters und Johnson nicht selten der Fall war.
Konzept der Paartherapie
Wird nach der gegenwärtigen Theorie und Praxis der Paartherapie bei uns gefragt, müssen zunächst einige Grundannahmen erwähnt werden. Eine ist, dass sich ein befriedigendes Sexualverhalten nicht von alleine einstellt, sondern gelernt werden muss, wobei Sexualität nicht nur aus Vorstellungen und Gefühlen besteht, sondern auch aus Körpererfahrungen. Eine andere ist, dass am Entstehen und Aufrechterhalten eines sexuellen Symptoms beide Partner beteiligt sind, also nicht nur der so genannte Symptomträger.
So kann das sexuelle "Versagen" des einen Partners für den anderen die seelische "Funktion" haben, sich in dieser Beziehung sicher zu fühlen, eigene Ängste und eigenes sexuelles "Versagen" nicht erkennen zu müssen. Er wird folglich unbewusst dafür sorgen, dass das Symptom bestehen bleibt. In der konkreten Therapie gerät der "symptomfreie" Partner nicht selten dann in eine Krise, wenn diese Abwehr, wenn diese Kollusion außer Kraft gesetzt wird, weil der Partner mit der Ejaculatio praecox oder die Partnerin mit dem Vaginismus nicht mehr "versagt".
Die genannten Prämissen haben zu der Konzeption geführt, durch körperzentrierte Übungen einen Lernprozess zu ermöglichen und immer beide Partner gleichzeitig zu behandeln.
Entscheidend ist, dass die Patienten in einer festen Beziehung leben, dass beide Partner an einer Behandlung interessiert sind und sie die sexuelle Problematik als zentrales Hindernis für eine befriedigende Beziehung erleben. Indiziert ist die Paartherapie nach allgemeiner Auffassung bei chronischen Sexualstörungen, unabhängig von der Schwere der neurotischen und der Partnerschaftskonflikte und auch unabhängig von der Art der sexuellen Symptomatik. Als kontraindiziert wird diese Therapieform dann angesehen, wenn eine akute Psychose oder eine Suchtkrankheit vorliegt, unter Umständen auch bei vorausgegangenen schweren sexuellen Traumatisierungen. !
Wie sieht nun das Setting aus? Beim inzwischen klassischen Setting behandelte ein Therapeutenpaar, immer eine Frau und ein Mann, ein Paar "massiert", das heißt zwei bis drei Wochen lang jeden Tag. Das hatte sicher viele Vorteile. Die Paare konnten die Belastungen des Alltags von der Kinderbetreuung bis hin zum Stress bei der Arbeit einmal hinter sich lassen und fanden auf der Therapeutenseite ein geschlechtsspezifisches Gehör. Heute ist das Setting sehr viel variabler. Es gibt Paartherapien mit nur einem Therapeuten in "verteilter" Praxis, das heißt es finden ein- oder zweimal wöchentlich Sitzungen statt, insgesamt 20 bis 40. Es gibt aber auch Paargruppen, die von einem Therapeutenteam behandelt werden. Nach gegenwärtigem Forschungsstand sind die Erfolge, gemessen am Zurücktreten oder Verschwinden der Symptome, weitgehend unabhängig von der Art des Settings (3).
Regeln und Übungen
Bei den beiden ersten Sitzungen der Paartherapie handelt es sich um Einzelgespräche, in denen eine ausführliche biografische Partnerschafts- und Sexualanamnese erhoben wird. In der dritten Sitzung werden dann die Ergebnisse dieser Gespräche gemeinsam erörtert, wobei der Therapeut oder das Therapeutenteam damit beginnt, im Sinn der genannten Grundannahmen eine andere Sicht der Probleme zu vermitteln. Am Ende der dritten Sitzung erhält das Paar die erste "Hausaufgabe": Die Partner sollen sich bis zur nächsten Sitzung zweimal eine halbe bis eine Stunde lang Zeit nehmen, um einander abwechselnd zu streicheln. Masters und Johnson nannten diese Übung "Sensate Focus".
Im Verlauf der Behandlung werden dann von dem Paar nacheinander verschiedene Übungen absolviert, die hier nur kursorisch genannt werden können:
- Sensate Focus I: Mit dieser bereits erwähnten Übung wird begonnen, wobei die Brüste und die Genitalien nicht gestreichelt werden sollen.
- Sensate Focus II: Jetzt dürfen auch die Brüste und die Genitalien gestreichelt werden, allerdings soll eine sexuelle Erregung weder intendiert noch erwartet werden.
- Erkundendes Streicheln: Bei diesem Sensate Focus werden die Genitalien des Partners mit den Augen und anschließend mit den Händen exploriert, um sich vertraut zu machen.
- Stimulierendes Streicheln: Jetzt streicheln die Partner einander, bis sich Erregung einstellt, lassen diese aber wieder abklingen, um sie erneut hervorzurufen. Nach mehrmaligem Aufkommen und Abklingen der Lust dürfen sich die Partner durch nichtkoitale Praktiken bis zum Orgasmus reizen.
- Einführen des Penis: Der Mann liegt auf dem Rücken, die Frau führt in der Hockstellung den Penis ein und legt sich dann auf den Mann. Ohne Koitusbewegungen verharren die Partner in dieser Position, bis die Erektion abgeklungen ist.
- Erkundender und stimulierender Koitus: In der zuletzt genannten Stellung erkundet die Frau, immer wieder von Pausen unterbrochen, welche Beckenbewegungen lustvoll sind. Der Mann "spiegelt" in späteren Übungen diese Bewegungen. Wie beim stimulierenden Streicheln exploriert das Paar das Auf und Ab der Erregung. Nach einigen Übungen darf es beim Koitus zum Orgasmus kommen.
- Koitus in verschiedenen Stellungen: Das Paar erkundet andere Koituspositionen und weitere Möglichkeiten der Stimulation.
Neben den gemeinsamen Übungen gibt es auch Einzelübungen, die der körperlichen Selbsterfahrung dienen sollen. Ist das Leitsymptom Vaginismus oder Ejaculatio praecox, kommen spezielle Übungen hinzu. Immer werden die Erfahrungen mit den Übungen in der darauf folgenden Therapiestunde im Detail besprochen. Alle Übungen werden mehrfach wiederholt. Erst wenn eine Übung von beiden Partnern angstfrei erlebt wurde, wird weitergegangen. Dabei ist eine neue Übung stets in die bereits bekannten und als angenehm erlebten Erkundungen eingebettet.
Anweisung und Deutung
Das Geheimnis der Wirksamkeit der Paartherapie-Übungen besteht wahrscheinlich darin, dass die Therapeuten Regeln festsetzen und Anweisungen geben. So werden die sexuellen Begegnungen hinsichtlich Frequenz, Dauer, Praktik sowie Aktivität/Passivität vorgegeben, gilt eine Vetoregel, ein monatelanges Koitusverbot und so weiter.
Aus der Sicht der Lerntheorie können die Patienten im Schutz dieser Regeln notwendiges Lernen in kleinen Schritten nachholen, falsche und blockierende Vorstellungen abbauen, lustvolle Erfahrungen machen und Mut fassen. Durch den Aufbau der Therapie soll ein Teufelskreis, der so genannte Selbstverstärkungsmechanismus, durchbrochen werden. Er besteht darin, dass ein sexuelles Symptom, das vielleicht zunächst nur in einer bestimmten Situation, beispielsweise unter Alkoholeinfluss, aufgetreten ist, durch die nachfolgenden Erwartungsängste verfestigt wird.
Psychoanalytisch gesprochen, bewirken die Verhaltensanweisungen eine Über-Ich-Entlastung. Unbewusste Abwehrmechanismen, die zu dem sexuellen Symptom geführt haben, werden geschwächt oder außer Kraft gesetzt. Bei günstigem Verlauf können andere Abwehrvorgänge, die nicht mehr so störend sind, die Überhand gewinnen. Aus der Sicht der Psychoanalyse sind nicht Anweisung, Übung und bewusste Reflexion die Kernpunkte der Therapie, sondern die fokussierte deutende Arbeit am unbewussten Konflikt des Paares.
Analytisch orientierte Paartherapeuten werden also darauf achten, wie sich der Paarkonflikt am Umgang mit den Anweisungen zu erkennen gibt. Sie werden sich nicht auf das Ermutigen, den Abbau bewusster Ängste und das körperliche Funktionieren verlassen. Denn sie sind davon überzeugt, dass ein sexuelles Symptom einer unbewussten "Logik" folgt, gewissermaßen "im Recht" ist und einen "Sinn" hat, der nicht ungestraft missachtet werden darf. Folglich werden sie auf die Übertragungsangebote der Patienten eingehen. Das allerdings kann die "Masters-Johnson-Therapie" erheblich komplizieren, ja sogar um ihren Ruf bringen, in vielen Fällen anhaltend wirksam zu sein.
Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A-776-781
[Heft 12]


Literatur
1. Arentewicz G, Schmidt G (eds): Sexuell gestörte Beziehungen. Konzept und Technik der Paartherapie. 3. Auflage Stuttgart: Enke 1993.
2. Masters WH, Johnson VE: Impotenz und Anorgasmie. Wiss. Bearb. Sigusch V, Meyenburg B. Frankfurt a. M.: Goverts Krüger Stahlberg 1973.
3. Schmidt G: Paartherapie bei sexuellen Funktionsstörungen. In: Sigusch V (ed): Sexuelle Störungen und ihre Behandlung. 3., erweiterte Auflage. Stuttgart: Thieme; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000 (in Vorbereitung).
4. Sigusch V (ed): Sexuelle Störungen und ihre Behandlung. 3., erweiterte Auflage. Stuttgart: Thieme; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000 (in Vorbereitung).


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Volkmar Sigusch
Institut für Sexualwissenschaft
Klinikum der J. W. Goethe-Universität
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt am Main
E-Mail: Sigusch6em.uni-frankfurt.de


Institut für Sexualwissenschaft (Direktor: Prof. Dr. med. Volkmar Sigusch) des Klinikums der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main


Ätiopathogenetische Dimensionen sexueller Störungen
Körperliche Dimension
Labilisierung durch Fehlbildungen und Vorschädigungen, auslösende Traumen, Krankheiten und Substanzen, somatisches "Entgegenkommen" und "Körper-Selbst" im psychoanalytischen Sinn und anderes.
Bewusst-psychische Dimension
Angst vor Schwangerschaft, Sanktionen der Herkunftsfamilie, Geschlechtskrankheiten und anderes. Traumatisierung durch Übergriffe, persönliche und soziale Einbrüche, Leistungsanforderungen, Selbstbeobachtung und -kontrolle, Vermeidungsverhalten und anderes.
Unbewusst-psychische Dimension
Biografische Weichenstellungen, Traumen, Konflikte, Ängste, individuelles Trieb- und Abwehrgeschehen, Selbstverstärkungsmechanismen, unbewusste Partnerwahl und Partnerschaftskonflikte und anderes.
Disziplinäre Dimension
Verwissenschaftlichung und Disziplinierung von Geschlecht, Sexualität, offenes oder verdecktes Bild vom Menschen, Schulbildung, Regelung der fachlichen Zuständigkeiten, in den jeweiligen Methoden liegende Begrenzungen und Verzerrungen und anderes.
Therapeutische Dimension
Art und Ziel der verschiedenen Therapien, Ökonomie des Therapiemarktes, Versorgungsangebote, Ein- oder Ausschluss von Auffälligkeiten als Krankheit, iatrogene Störungen, "blinde Flecken" der Therapeuten und anderes.
Soziale Dimension
Einkommens-, Wohn-, Arbeits- und Freizeitverhältnisse, familiäre, partnerschaftliche oder freundschaftliche Einbindung, Erwartungshorizonte, Kommunikationsstrukturen, Informations- und Lerndefizite und anderes.
Kulturelle Dimension
Symbolische und nichtsymbolische Bedeutung von Normalität und Normativität, Privatheit und Öffentlichkeit, Intimität und Sexualität, Struktur von Generationen-, Geschlechter- und Sexualverhältnissen, Definition von Abweichungen und anderes.
Existenzielle Dimension
Krieg und Vertreibung, Flucht und Heimatlosigkeit, Folter und Todesurteil, maligne Erkrankung und Todesdrohung.

Medizinische Diagnostik, insbesondere bei chronischen Erektionsstörungen
I. Basisuntersuchung
- allgemeine Anamnese
- gezielte Anamnese (relevante Krankheiten, Operationen, Unfälle, Medikamente, Nikotin, Alkohol, Rauschdrogen, Kontakt mit Chemikalien und so weiter)
- allgemeine körperliche Untersuchung mit Inspektion der sekundären Geschlechtsmerkmale, Blutdruckmessung und Abdomen-Becken-Sonographie
- Untersuchung der Genitalien mit Ano-Rektalbefund
- Labordiagnostik (Blutbild, Blutzuckerprofil beziehungsweise Glukosetoleranztest, Leberstatus, Blutfette, Kreatinin und anderes)
- Hormonstatus (Testosteron, Prolaktin, LH, FSH, Östradiol und anderes)
II. Spezielle, physisch nichtinvasive Untersuchungen
- Messung der nächtlichen Penis-Tumeszenz (NPT) im Schlaflabor oder ambulant mit Erektiometer nach Jonas, Snap-gauge-band oder RigiScan
- Penis-Doppler-Sonographie mit Penis-Arm-Blutdruck-Index (PBPI)
- psychosexueller Fragebogen, Psychometrie (Minnesota multiphasic personality inventory, Freiburger Persönlichkeits-Inventar, Derogatis sexual functioning inventory)
III. Spezielle, physisch invasive Untersuchungen
- Schwellkörper-Injektionstest (SKIT) mit vasoaktiven Substanzen wie Papaverin und Phentolamin ("PapaverinTest") in ansteigender Dosis
- Messung der Bulbocavernosusreflex-(BCR-)Latenzzeit
- somatosensibel evozierte Potenziale (SSEP) des Nervus pudendus
- spezielle neurophysiologische Untersuchungen
- Urethrozystographie und Urethrozystometrie
- Arteriographie (beispielsweise selektive Pharmako-PenisArteriographie der A. dorsalis penis und der A. profunda penis)
- Kavernosographie und Kavernosometrie (beispielsweise Durchfluss-Kavernosographie über Dialysepumpe mit NaCl-Infusion zur Erzeugung einer artefiziellen Erektion)

Organotherapien bei sexuellen Funktionsstörungen
Behandlung der Grunderkrankung
Arzneimittel
Sexualhormone, prosexuelle Substanzen, insbesondere Yohimbin, Sildenafil, Absetzen/Ersetzen von induzierenden Arzneimitteln
Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT)
Chirurgische Eingriffe
Penisprothesenimplantation, arterienchirurgische Eingriffe, venenchirurgische Eingriffe
Mechanotherapien
Erektionsringe, Vibrationsgeräte, Vakuum-Erektionssysteme

Organische Faktoren und Erkrankungen, die beim Mann und/oder bei der Frau sexuelle Dysfunktionen bedingen und/oder eine Sexualstörung mitbedingen können
Schwere Allgemeinerkrankungen
Nervale Erkrankungen und Traumen
Schädel-Hirn-Traumen, Temporallappenerkrankungen, Zustand nach Hirntumoroperation, Schlaganfall, M. Parkinson, Tabes dorsalis, Multiple Sklerose, Spina bifida, Rückenmarkserkrankungen, Querschnittslähmungen, Bandscheibenvorfall, Conus-Cauda-Syndrom, Polyradikulitis, Polyneuropathie, Läsionen des autonomen oder somatischen Nervensystems und anderes.
Endokrine und metabolische Erkrankungen
Diabetes mellitus, chronische Hepatopathien, chronische Niereninsuffizienzen, primärer hypergonadotroper Hypogonadismus (beispielsweise Klinefelter-Syndrom), sekundärer hypogonadotroper Hypogonadismus (beispielsweise Hypophysenerkrankungen), Hyperprolaktinämie, Hypothyreose, Hyperthyreose, M. Cushing, M. Addison, feminisierende oder maskulinisierende Tumoren und anderes.
Kardiovaskuläre Erkrankungen
Arteriosklerotische, thrombotische und posttraumatische Prozesse sowie kongenitale Gefäßanomalien im Bereich der Becken- und Genitalarterien, koronare Herzkrankheit, Myokardinfarkt, Hypertonie, Pelvic-steal-Syndrom, undichte Schwellkörpervenen und anderes.
Urogenitale Fehlbildungen, Erkrankungen und Traumen
Beim Mann: Phimose, Paraphimose, Penisdeviationen, Hypospadie, Epispadie, Hydrozele, Induratio penis plastica, Entzündungen, Neoplasmen, Beckenfraktur, Penisfraktur, Zustand nach Priapismus und anderes; bei der Frau: vaginale Fehlbildungen, Entzündungen, Endometriose, Narbenbildungen, Neoplasmen und anderes.
Operative Eingriffe im Abdominal-, Becken- und Urogenitalbereich
Beim Mann: abdominale Aortenoperationen, lumbale Sympathektomien, retroperitoneale Lymphadenektomien, Prostatektomien, Blasen-, Kolon- und Rektumoperationen, Zustand nach Nierentransplantation, Zustand nach Penisprothesenoperation, Zustand nach Impotenz-Revaskularisationsoperation und anderes; bei der Frau: Episiotomien, Vulvektomien, Hysterektomien, Ovarektomien, Scheiden-, Blasen-, Kolon- und Rektumoperationen, Operationen bei Neoplasmen und anderes.
Arzneimittel
Antihypertensiva, Psychopharmaka, Hormone und Antihormone und anderes.
Alkohol
Straßendrogen
beispielsweise Amphetamine, Methaqualon, Heroin, Kokain
Chemikalien
beispielsweise Blei, Arsen, Tetrachlorkohlenstoff, Xylol

In der Serie "Sexuelle Funktionsstörungen" sind bisher erschienen:
(1) Editorial "Störungen der männlichen Sexualfunktion", Sökeland J, Tölle R: Dt Ärztebl 2000; 97: A-309-310 [Heft 6]
(2) Schopohl J, Haen E, Ullrich T, Gärtner R: "Sildenafil (Viagra)". Dt Ärztebl 2000; 97: A-311-315 [Heft 6]
(3) Stief C G, Truss, M C, Becker A J, Kuczyk M, Jonas U: "Pharmakologische Therapiemöglichkeiten der Erektionsstörung". Dt Ärztebl 2000; 97: A-457-460 [Heft 8]
(4) Hartmann U: "Psychosomatische Aspekte bei Erektionsstörungen". Dt Ärztebl 2000; 97: A-615-619 [Heft 10]

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