POLITIK: Aktuell
Radioaktive Substanzen: Stasi nahm Gefährdung von Menschen in Kauf
Dtsch Arztebl 2000; 97(13): A-816 / B-676 / C-632


Ein Bericht der Gauck-Behörde belegt: Das Ministerium für Staatssicherheit hat bei der Überwachung
von DDR-Oppositionellen auch radioaktives Material eingesetzt.
Oppositionelle in der DDR sind von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) nicht zielgerichtet
oder vorsätzlich durch Röntgenstrahlen beziehungsweise radioaktive Substanzen gesundheitlich geschädigt
worden. Die Stasi hat jedoch im Umgang mit radioaktiven Substanzen die gesundheitliche Gefährdung von
Menschen in Kauf genommen. Das geht aus einem Bericht hervor, den Mitarbeiter der Abteilung Bildung und
Forschung der so genannten Gauck-Behörde Mitte März vorgelegt haben.
Anlass dazu war der Verdacht, in Haftanstalten der DDR habe man Regimegegner durch Röntgen- oder
radioaktive Strahlung dauerhaft geschädigt. Diese Vermutung war nicht zuletzt aufgekommen, weil bekannte
Oppositionelle an Krebs gestorben waren: Rudolf Bahro 1997, Gerulf Pannach 1998, Jürgen Fuchs 1999.
Alte Geräte, Ausnahmeregelungen
Nach den Erkenntnissen der Gauck-Behörde wurden Häftlinge in Untersuchungshaft in der Regel zwei- mal
durchleuchtet. Dabei wurden "teilweise alte, nicht ordnungsgemäß eingestellte und gelegentlich auch defekte
Geräte" eingesetzt. Zugleich erteilte das MfS Ausnahmegenehmigungen mit der Folge, dass
Strahlenschutzbestimmungen der DDR umgangen wurden. Fazit der Wissenschaftler: "Es kann also durchaus
auf einen teilweise fahrlässigen Umgang mit Röntgenstrahlen bei der Behandlung politischer Häftlinge
geschlossen werden."
Beim Einsatz von radioaktiven Substanzen spielte das Zentralinstitut für Kernforschung Rossendorf der
Akademie der Wissenschaften eine entscheidende Rolle. Es war Versorger und Entsorger zugleich. Zwei der
zuständigen Mitarbeiter dort arbeiteten als Spitzel mit der Stasi zusammen. "Interne Regelungen des MfS
sorgten dafür, dass der Transport dieser hochgefährlichen Stoffe auf öffentlichen Straßen geheim blieb", heißt in
dem Bericht.
Die Stasi arbeitete seit den 70er-Jahren mit radioaktiven Markierungen. Ziel war eine höhere Effizienz bei der
Aufklärung und Überführung des "Feindes". Die Einsätze standen unter dem Decknamen "Wolke". Dafür
wurden Papiere, Dokumente und Geldscheine mit flüssigen radioaktiven Substanzen gekennzeichnet, um
"feindliche Verbindungen" oder Gelddiebstähle aufzudecken. So wurden einem Entwicklungsingenieur
radioaktiv markierte Dokumente zugespielt, die er später zu Hause einem Westberliner übergab. Die Markierung
war so stark, dass "auch von außen in der Wohnung" gearbeitet werden konnte, wie es in Notizen des MfS heißt.
"Wir müssen davon ausgehen, dass Manuskripte von Rudolf Bahro radioaktiv markiert wurden, um ihren
weiteren Umlauf nachvollziehen zu können. Diesen Fall untersucht derzeit die Staatsanwaltschaft", berichtete
Joachim Gauck, Bundesbeauftragter für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Welche
radioaktive Markierung vorgenommen wurde und ob Bahro damit in Berührung kam, ist nicht bekannt.
Zur "Kennzeichnung" von Personen verwendete man speziell präparierte Stecknadeln, zum Anheften gab es
spezielle Folien. Um Kraftfahrzeuge verfolgen zu können, wurden radioaktiv präparierte Magnete eingesetzt
oder Autoreifen mit Hilfe eines Geschosses markiert. Dem - fragmentarischen - Material zufolge wurden in den
70er-Jahren etwa 100 radioaktive Markierungen vorgenommen, 30 bis 50 in den 80ern. Im Prinzip sollten dabei
Personen nicht zu Schaden kommen, aber die gesundheitliche Schädigung sei billigend in Kauf genommen
worden, meinen die Wissenschaftler.
Nach Erkenntnissen des externen Gutachters Dr. Sebastian Pflugbeil ging das MfS bei seinen
Grenzwertfestlegungen über die zugelassenen Dosen für "Normalbürger" hinaus. Den Berechnungen des
Physikers zufolge hätten drei radioaktive Markierungseinsätze an einer "Zielperson" ausgereicht, die auf
50 Jahre festgelegten DDR-Grenzwerte für "Normalbürger" etwa um das Fünffache zu überschreiten. Setzt man
aktuelle Grenzwerte an, so wären diese allein bei einem "Markierungseinsatz" um mehr als das 250fache
überschritten worden.
Die Gauck-Behörde hat ihre Erkenntnisse an Staatsanwälte und die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs-
und Vereinigungskriminalität weitergeleitet. Offen ist, ob Frauen und Männer, die sich an den "Markierungen"
beteiligten, noch heute im staatlich organisierten Strahlenschutzbereich tätig sind. Joachim Gauck sagte:
"Deutlich wird auch, dass es in einer Diktatur eine wertneutrale Wissenschaft nicht gibt . . . Auch beim Einsatz
radioaktiver Substanzen war das MfS auf die Mithilfe von Wissenschaftlern, die zum Teil heute noch einen
guten Ruf besitzen, angewiesen." Sabine Rieser
Rudolf Bahro starb 1997 an Krebs.
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