MEDIZIN: Diskussion
Schutzimpfungen im Erwachsenenalter: Impfverweigerung unsozial
Dtsch Arztebl 2000; 97(15): A-1006 / B-857 / C-778
Zu dem Beitrag von Dr. med. Christina Jochims Prof. Dr. med. Wolfgang Stremmel in Heft 39/1999


Der Impfschutz gegen Erkrankungen wie Tetanus, Diphtherie oder Poliomyelitis ist in der
Bundesrepublik Deutschland auf einem erschreckend niedrigen Niveau angekommen. Als Arzt, der schon zu
DDR-Zeiten in der Medizin tätig war, sind mir die "Pflichtimpfungen" noch gut bekannt. Staatlich verordnete
Impfkampagnen sowie ein Impfkalender für Kinder und Jugendliche, die streng überwacht wurden, führten zu
einem weitgehenden Kollektivimpfschutz gegenüber den genannten und weiteren Erkrankungen. Mit der
Einführung der Selbstentscheidung des zu Impfenden im Zuge der Vereinigung 1990 ist dieser Impfschutz
deutlich ins Wanken gekommen. Staatliche Vorgaben mögen immer sehr kritisch betrachtet werden, das
erreichte gesellschaftlich-gesundheitliche Ziel sprach jedoch für sich. Aus der eigenen Praxis einer
Impfsprechstunde fallen heute mehr und mehr Impfverweigerer - trotz intensiver Aufklärung - auf, die zum Teil
nicht nachvollziehbare Argumente für ihre Entscheidung angeben. Kindern wird von den Eltern der notwendige
und empfohlene Impfschutz verweigert, sodass sich die Frage nach der elterlichen Kompetenz und fahrlässigen
Aufsichtsverhaltens stellen muss. Das Entscheidungsrecht des Individuums ist durch das Grundgesetz geschützt,
wie ist es aber mit dem Recht auf Gesundheit für alle (Kollektivimpfschutz) durch rechtzeitige Prävention
(Schutzimpfung) potenziell tödlicher Erkrankungen? Fällt das "Kind dann in den Brunnen, ist das Geschrei
groß" - sprich, bei Ausbruch einer verhinderbaren Erkrankung oder Epidemie ist die ganze Gesellschaft
gefordert, die Kosten zu tragen.
Bedeutsame Impfkomplikationen sind heute dank der modernen Impfstoffe so selten, dass die Argumentation
gegen die Impfung auf dieser Basis nicht nachvollziehbar ist.
Dr. med. Tom Ziegler
Sophien und Hufeland Klinikum Weimar
Klinik für Innere Medizin I
Henry-van-der-Velde-Straße 2
99425 Weimar
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