SPEKTRUM: Leserbriefe
Anatomie: Grenzen überschritten
Dtsch Arztebl 2000; 97(15): A-954 / B-798 / C-746
Zu dem Feuilleton-Beitrag "Ach, wenn?s mir nur gruselte" von Prof. Dr. phil. Robert Jütte in Heft 10/2000 und dem Beitrag "Anatomie für die Öffentlichkeit", Pro von Prof Dr. med. W. Kriz und Kontra von Prof. Dr. med. Dr. phil. K. Bergdolt in Heft 9/2000:


Menschen, die ihren Körper der Anatomie in Deutschland zur Ausbildung von
Medizinstudenten zur Verfügung stellen, haben sich ausnahmslos zu Lebzeiten damit einverstanden erklärt. Dies
ist insbesondere in vielen totalitären Staaten nicht so und wird zu Recht heftig kritisiert, obwohl mit dem
Studium dieser Körper immerhin Ärzte ausgebildet werden. Die Verstorbenen, deren Körper man in
"Körperwelten" zur Schau stellt, hat niemand gefragt, ob diese Darstellung ihrer Körper in ihrem Sinne ist. Darf
man sie mit Hinweis auf die künstlerische Freiheit oder auf ein Informationsbedürfnis medizinischer Laien
trotzdem ausstellen?
Es geht nicht darum, dass hier der mündige Bürger ein ihm lange verwehrtes "Recht auf Aufklärung" erhält,
denn anatomische Präparate lassen sich mit modernen Kunststoffen und anderen Materialien sehr realistisch
nachbilden. Mit so einer Ausstellung ließe sich aber nur wenig Aufsehen erregen. Der Reiz von "Körperwelten"
liegt darin, dass "echte" Leichen vorgeführt werden. "Körperwelten" ist ein Überschreiten ethischer Grenzen,
und nicht nur wir Ärzte sollten uns von dieser Ausstellung distanzieren.
Dr. med. Christiane Blass, Lönsweg 9, 38110 Braunschweig
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.