MEDIZIN: Diskussion

Moderne Physik und Grundfragen der Medizin: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2000; 97(46): A-3104 / B-2404 / C-2190

Schmahl, Friedrich W.; Weizsäcker, Carl Friedrich von

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Friedrich W. Schmahl Prof. Dr. phil. Carl Friedrich von Weizsäcker in Heft 4/2000
Wir danken für die Leserbriefe. Sie spiegeln das große Interesse an den von uns behandelten Fragen wider und geben Anregungen zur weiteren Arbeit an der Thematik.
Die Mehrzahl der Briefautoren stimmt der von uns geforderten, Soma und Psyche integrierenden ganzheitlichen Betreuung des Patienten zu. Diese setzt selbstverständlich, wie in unserem Beitrag betont, eine genaue Diagnostik mit Einsatz naturwissenschaftlicher Methoden voraus. Eine ganzheitliche Sicht des Menschen und die Anwendung reduktionistischer Prinzipien in der Prävention, Diagnostik und Therapie von Erkrankungen schließen sich somit keineswegs aus (3). Wir stimmen diesbezüglich den Ausführungen von W. Gerok zu dieser Thematik (2) und dem auf unseren Beitrag bezogenen Editorial von H.-P. Zenner (6) zu.
Im Folgenden nehmen wir zu einigen in den Leserbriefen angesprochenen Punkten in der gebotenen kurzen Form Stellung.
Wir weisen darauf hin, dass wir nicht, wie einige Briefautoren anzunehmen scheinen, Analogieschlüsse von der Unschärferelation der Quantenphysik auf „Unschärfen“ beziehungsweise Ungenauigkeiten in der medizinischen Diagnostik ziehen. Wir haben die Heisenbergsche Unschärferelation als wichtige Gleichung beziehungsweise „Ungleichung“ der Quantenphysik erwähnt, um an ihr zu erläutern, dass in der modernen Physik eine strikte durchgehende Trennung von Subjekt und Objekt nicht aufrecht erhalten wird.
Die Quantenphysik, welche die „klassische“ Physik als Grenzfall enthält, hat – entgegen der Auffassung einiger Briefautoren – auch für die
Biologie und Medizin große Bedeutung. Nach dem Erkenntnisstand der klassischen Physik wären die Atome und Moleküle instabil. Die nach
den damaligen Vorstellungen um den Atomkern kreisenden Elektronen müssten in diesen „hineinstürzen“. Erst die Quantenphysik lässt verstehen, dass Atome und Moleküle stabil sind. Dies gilt selbstverständlich auch für die Atome und Moleküle des menschlichen Körpers, beispielsweise die DNA als Träger der genetischen Information. Die Erkenntnisse der Quantenphysik sind deshalb auch für die Medizin sehr wichtig.
Bezug nehmend auf die in den Leserbriefen aufgeworfenen Fragen nach der Bedeutung der Physik für die Medizin sei hier noch einmal unser Hauptanliegen verdeutlicht:
Auch Ärzte, die stark in der Naturwissenschaft – und das ist fast immer die durch die klassische Physik geprägte Naturwissenschaft – verwurzelt sind, bejahen in aller Regel die Notwendigkeit der Einbeziehung von psychosozialen Faktoren in die Betreuung von Patienten. Sie glauben aber nach unserer Beobachtung oft, mit der Einbeziehung der Psyche eine Grenze zu einem weniger streng wissenschaftlichen Bereich zu überschreiten. Hier ist es hilfreich, über die durch die klassische Physik geprägte Naturwissenschaft hinaus die Erkenntnisse der modernen Physik in die Denkstrukturen der Medizin einzubeziehen. Wie in unserem Beitrag ausgeführt, wird hier eine strikte durchgehende Grenzziehung zwischen Subjekt und Objekt nicht aufrecht erhalten. Wir sind uns bewusst, dass damit keine abschließende Lösung der großen Frage Psyche: Soma, Subjekt: Objekt ermöglicht wird. Unser Beitrag will aber Mut machen zu einem neuen Nachdenken über diese Fragen und zu einem Sich-Loslösen von alten Denkgewohnheiten und Grenzziehungen.
Abschließend möchten wir Hinweise zu einigen weiteren in den Zuschriften angesprochenen Fragen geben:
Gedankliche Zusammenhänge, aber auch wesentliche Unterschiede bezüglich der Einbeziehung des Subjekts in der Quantenphysik und in der „anthropologischen Medizin“ Viktor von Weizsäckers sowie seine Auseinandersetzung mit der Physik wurden an anderer Stelle dargestellt (4, 5).
Der Titel der in einer Zuschrift zitierten Descartesschen „Meditationes“, die er 1641 veröffentlicht hat, lautet in der deutschen Übersetzung vollständig: „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, in denen das Dasein Gottes und die Verschiedenheit der menschlichen Seele vom Körper bewiesen werden“ (1). Aus dieser Formulierung des Titels und dem Gesamttext der „Meditationes“ ergibt sich: Die zentrale These von Descartes ist die substanzielle Verschiedenheit von res cogitans und res extensa, Seele und Körper. Erst in der sechsten und letzten Meditation bespricht er dann ihre wechselseitigen Beziehungen. – Zur Entwicklung der Auffassungen vom Zusammenhang von Psyche und Soma in der Philosophie nach Descartes, beispielsweise bei Spinoza, sei auf Ausführungen an anderer Stelle verwiesen (4, 5).
Die in den Leserbriefen angeschnittenen Fragen, die in diesem Schlusswort nur ausschnittsweise behandelt werden können, machen die Weite und Wichtigkeit der behandelten Thematik deutlich; diese bedarf weiterer intensiver Diskussion.

Literatur
1. Descartes R (lateinisch/deutsch): Meditationes de prima philosophia in quibus Dei existentia et animae humanae a corpore distinctio demonstrantur / Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, in denen das Dasein Gottes und die Verschiedenheit der menschlichen Seele vom Körper bewiesen werden. Hamburg: Felix Meiner, 3. Aufl. 1992.
2. Gerok W: Die Bedeutung von Philosophie, Biomathematik, Biometrie und Modelltheorie für die Medizin. Med Klin 1998; 93: 501–506.
3. Schmahl FW: Some theoretical remarks regarding the integration of somatic and psychosocial risk factors of coronary artery disease in preventive programmes in occupational medicine. Int J Occup Med Environ Health 1998; 11: 285–289.
4. Weizsäcker CF von: Gestaltkreis und Komplementarität. In: Vogel P (Hrsg): Viktor von Weizsäcker. Arzt im Irrsal der Zeit. Eine Freundesgabe zum siebzigsten Geburtstag am 21.4.1956. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1956: 21–53.
5. Weizsäcker CF von: Zeit und Wissen. München,
Wien: Carl Hanser 1992.
6. Zenner H-P: Die Physik und Grundfragen ärztli-
chen Handelns. Editorial. Dt Ärztebl 2000; 97:
A 164 [Heft 4].

Prof. Dr. med. Friedrich W. Schmahl
Institut für Arbeits- und Sozialmedizin
Wilhelmstraße 27
72074 Tübingen

Prof. Dr. phil. Carl Friedrich von Weizsäcker
Maximilianstraße 14c
82319 Starnberg

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