VARIA: Schlusspunkt
Aktienkredite: Übler Hebel
Dtsch Arztebl 2000; 97(49): [76] / [76] / [76]


An der Börse gibt es viele Leute, die sich für klüger und ausgebuffter halten als alle anderen Akteure auf dem glatten Parkett
zusammengenommen. Dabei handelt es sich in vielen Fällen um ein Konvolut von Geldgier und Größenwahn, ohne vernünftiges Basiswissen und ohne die Einsicht, dass auch an der Börse – wie überall – ohne harte Arbeit gar nichts läuft.
Die einen schwören auf irgendwelche Gurus und wundern sich, dass die selbst ernannten Auguren am Ende auch nicht wissen, wie es wirklich läuft. Andere sind überzeugte Anhänger der Chartanalyse und deuten wie jeck Kursverläufe (Kopf-Schulter-Formation, Untertasse, Ausbruchssignal et cetera) und haben per saldo doch nur Löcher in den Schuhen. Von den armen Daytradern ganz zu schweigen, die sich oft genug neben herben Verlusten auch noch eine harte Spielsucht einhandeln.
Die Crème dieser Spezies sind aber Börsianer, die mit gleichwohl mäßigen Kenntnissen Aktien auf Kredit kaufen. Das lässt sich wissenschaftlich toll deklarieren: „Verbesserung der Rendite des eingesetzten Eigenkapitals“ heißt das dann, oder auch „effektive Ausnutzung der Hebelwirkung“ (Leverage-Effekt).
Die Idee klingt prächtig, wie folgendes Beispiel trügerisch vermitteln mag. Mit einem Eigenkapital von 100 000 Euro und dem gleichen Kreditbetrag lassen sich Aktien für 200 000 Euro kaufen. Verkaufe ich die Werte einen Monat später für 240 000 Euro, ist die Gesamtrendite zwanzig Prozent, die Rendite auf das eingesetzte Eigenkapital jedoch 40 Prozent. Die Zinsen habe ich wegen der kurzen Dauer mal außer Acht gelassen. Bei dieser schönen Rechnung kann es also nur einen Schluss geben: je höher der Kredit, desto reicher werde ich.
Oder auch nicht. Die Börsenrealitäten sind härter und böser, als so mancher Reichrechner zu denken vermag. Wer sich mit eben diesen
200 000 Euro zu Jahresbeginn ein kleines Aktiendepot mit DaimlerChrysler, SAP und EM.TV (klang ja irgendwie durchdacht) zusammenkaufte, hat es heute mit einem ziemlich geschrumpften Depotwert zu tun. Verlust bis heute satte 50 Prozent. Und nun? Aussitzen? Abwarten?
Funktioniert alles nicht. Die Bank sorgt sich nämlich um ihr eigenes Wohl und schreitet munter zum Verkauf der Wertpapiere. Die aber bringen nur noch 100 000 Euro ein, also mit Mühe und Not gerade mal die Kreditsumme. Zinsen für neun Monate in Höhe von 7 500 Euro müssen Sie schon aus eigener Tasche abzweigen. Das eigene Geld ist definitiv futsch. Die Rendite des eingesetzten Eigenkapitals minus 100 Prozent.
Der genial gedachte Hebel kann einen also ohne weiteres erschlagen. Und das ist mehr die Regel denn die Ausnahme. Glücksritter werden – und bleiben – ist mithin ein schwerer Job. Börsebius.
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