THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland
Arbeit und Weiterbildung: Die USA – eine Perspektive für deutsche Ärzte
Dtsch Arztebl 1996; 93(5): A-241 / B-207 / C-193


Die amerikanische Medizin hat, ganz im Gegensatz zum amerikanischen Gesundheitswesen, einen
ausgezeichneten Ruf. Viele oder vielleicht sogar die meisten medizinischen Erfolge dieses Jahrhunderts
kommen aus den USA. Professor Dr. Peter Schlieper beschreibt in seinem Beitrag, welche Chancen und
Möglichkeiten sich deutschen Ärzten in den Vereinigten Staaten bieten.
Die Gründe für eine derartig erfolgreiche amerikanische Medizin sind vielfältig und können zum Teil darin
gesehen werden, daß die medizinische Forschung nicht nur von staatlichen Organisationen, sondern auch von
vielen privaten Stiftungen nach einem strengen Beurteilungsverfahren finanziell unterstützt wird. So können
unsere amerikanischen Kollegen immer über die neueste Technologie verfügen. Der bürokratische
Verwaltungsaufwand und die Hierarchie an amerikanischen Kliniken und Instituten sind wenig ausgeprägt,
was mehr Freiräume für Forschung und Lehre bietet.
Ein weiterer Grund ist darin zu sehen, daß die Zulassungskriterien zum Medizinstudium ausgesprochen streng
sind. Ohne einen ausgeprägten Willen zum Erfolg kann ein amerikanischer Medizinstudent kaum durch das
anstrengende und zudem sehr teure Studium kommen. Allein an Gebühren kostet das Medizinstudium im
Durchschnitt 20 000 US-Dollar (umgerechnet rund 30 000 DM) pro Jahr (Stand 1994).
An den renommiertesten Universitäten sind die Gebühren jedoch beträchtlich höher. So verlangt beispielsweise
die University of Colorado jährlich 40 000 US-Dollar an Studiengebühren. Medizinstudenten in den USA sind
daher bei Abschluß ihres Studiums in der Regel stark verschuldet.
Medizinstudium als gute Kapitalanlage
Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Arztes in den USA lag 1993 bei 160 000 US-Dollar. Detaillierte
Einkommensstatistiken liegen jedoch nicht vor. 1995 bot ein älterer HNO-Facharzt in Ohio seine Praxis mit
Belegrecht im regionalen Krankenhaus zum Verkauf an. Er erwähnte in der Annonce, daß seine Praxis ihm bei
Halbtags-Arbeit im Jahr 1994 240 000 US-Dollar eingebracht habe. Dies ist ein Beispiel dafür, daß der
amerikanische Arzt als unabhängiger und wohlhabender Unternehmer gilt.
"Fallorientierte" Lehre im Medizinstudium
Seit etwa zehn Jahren wird das Medizinstudium in den USA reformiert. Ziel ist, die sogenannten
Grundwissenschaften soweit wie möglich mit der klinischen Ausbildung zu verbinden. Der Vorteil der neuen
fallorientierten Lehrmethode besteht hauptsächlich darin, daß sich die Studenten den Lernstoff unter den
Augen eines Tutors selbst erarbeiten. Die vorgelegten Probleme sollen klinische Situationen möglichst
realistisch wiedergeben; die Prüfungsfragen sind in einer den Problemen entsprechenden Form abgefaßt. Ein
Tutor betreut meist eine kleine Gruppe von acht bis zehn Studenten. Dies ermöglicht intensives Lernen und
Diskutieren sowie die exakte Beurteilung der Leistungen.
Obwohl klinische und vorklinische Lehre zum Teil integriert sind, gibt es separate Examina. Amerikanische
Studenten müssen drei Teile des "United States Medical Licensing Exam" (USMLE) bestehen. An einigen
wenigen Universitäten werden sowohl der erste Teil dieses Examens (basic medical sciences) als auch der
zweite Teil (clinical sciences) als Abschlußexamen angeboten, womit der erfolgreiche Kandidat zum "medical
doctor" (MD) promoviert wird. Andere Universitäten verlangen nur den ersten Teil als Abschluß und
überlassen es der Initiative der Studenten, sich dem klinischen Examen zu stellen. Nur wer beide Teile der
Prüfung bestanden hat, kann eine Stelle zur Facharztweiterbildung (residency) antreten. Der dritte Teil des
USMLE prüft die klinische Erfahrung eines Kandidaten und kann frühestens nach einem Jahr
Krankenhausarbeit abgeleistet werden. Als letzte Prüfung steht das "State Board Exam" am Ende der zwei- bis
sechsjährigen Facharztweiterbildung. Es gibt in den USA im Gegensatz zu Deutschland Fachärzte in mehr als
70 Fächern (specialties).
Auch Nichtamerikaner können sich qualifizieren
Teil eins und zwei des USMLE (Step 1 und 2) können auch außerhalb der USA von Nichtamerikanern abgelegt
werden. Das Bestehen der Examina ist Voraussetzung für eine Zulassung als Arzt in den USA. Die AmerikaHäuser, von denen es insgesamt neun in Deutschland gibt, sowie die Marburger-Bund-Stiftung versenden auf
Anfrage Informationsbroschüren und Anmeldeformulare. Ein deutscher Arzt muß sich bei der "Educational
Commission for Foreign Graduates" in Philadelphia gegen eine Gebühr von derzeit 400 US-Dollar anmelden
und sich danach den beiden ersten Teilen des USML-Examens stellen, das zweimal im Jahr in Frankfurt
abgehalten wird. Mindestvoraussetzung für eine Anmeldung ist der erste Teil des deutschen Staatsexamens.
Nach Bestehen der beiden Examina und eines englischen Sprachtests kann sich der Kandidat eine Stelle in den
USA suchen. Er wird sie auch relativ leicht finden, da das Angebot sehr vielfältig ist. Im Gegensatz zu
Deutschland gibt es dort keine arbeitslosen Ärzte, sondern es besteht ein Defizit.
Harte Prüfung
Die Examina sind allerdings für deutsche Medizinstudenten erfahrungsgemäß sehr schwierig. Hier spielen
vielfach sprachliche Probleme mit der amerikanischen Fachterminologie eine Rolle. Das "Multiple-choice"Verfahren ist sehr hart. Letztlich legen die Amerikaner auch auf einige Fächer, wie beispielsweise
Immunologie, erheblich mehr Wert, als es die deutschen Hochschulen tun. Erfolgs- oder Durchfallquoten bei
diesen Examina werden seit etwa zehn Jahren nicht mehr veröffentlicht. Vor 1984 haben jedoch nur rund 30
Prozent der deutschen Bewerber die beiden ersten Teile des USMLE bestanden. Die Prüfung der "basic medical
sciences" wird als besonders schwierig eingestuft, weil die vorklinische Medizin für die meisten deutschen
Kandidaten zeitlich bereits weit zurückliegt.
Die Weiterbildung in den USA erfolgt im Rahmen eines "Residency Program". Voraussetzung für deutsche
Ärzte ist die Approbation und ebenfalls das bestandene USMLE (Step 1 und 2). Für die Weiterbildung in den
USA sind jedoch nur bestimmte Krankenhäuser zugelassen. Deutsche Ärzte können sich ausschließlich an
Universitäts-Kliniken oder angegliederten Lehrkrankenhäusern bewerben. Die Facharztweiterbildung in den
USA wird in der Regel in Deutschland anerkannt. Auch ohne deutsche Promotion ist der Arzt befugt, den Titel
"MD" in Deutschland zu führen. In einigen Bundesländern kann der Titel auf Antrag in ein "Dr. med."
umgewandelt werden.
Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. Peter Schlieper
Wiesenweg 7a
86938 Schondorf
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