MEDIZIN

Absinth – Neue Mode, alte Probleme

Dtsch Arztebl 2001; 98(42): A-2716 / B-2311 / C-2175

Hein, Jakob; Lobbedey, Lars; Neumärker, Klaus-Jürgen

Zusammenfassung
Das Syndrom des chronischen Absinthmissbrauchs ist aus historischen Beschreibungen bekannt. Gastrointestinale Probleme, visuelle und auditorische Halluzinationen, epileptiforme Anfälle und psychotische Erkrankungen wurden darauf zurückgeführt. Absinth war in Deutschland 75 Jahre lang verboten. Seit 1998 ist er wieder zugelassen und entwickelt sich zum Modegetränk, das über das Internet und in Bars erhältlich ist. Aktuell steht die Einführung einer Vielzahl von als „Absinth“ deklarierten Getränken in Deutschland bevor. Neuere Veröffentlichungen weisen auf eine neuro-, nephro- und gastrotoxische Wirksamkeit des im Absinth enthaltenen Thujons hin. Mit der Renaissance des Absinths in Deutschland sind daher künftig auch gesellschaftliche und gesundheitspolitische Probleme zu erwarten.

Schlüsselwörter: Absinth, Thujon, Neurotoxizität, Intoxikation, Porphyrie

Summary
Absinthe – New Fashion, Old Problems
The syndrome of chronic absinthe abuse is well-known from historical descriptions. Gastrointestinal problems, visual and auditory hallucinations, epileptiforme convulsions, and psychotic illnesses are some of its symptoms.
Absinthe has been prohibited in Germany for the past 75 years, but is now licensed again since 1998. It is currently developing into a
fashionable drink, available in bars or over the internet. A number of new “absinthes” will soon be introduced to the German market.
Absinthe characteristically contains thujone, a substance shown to be neuro-, nephro-, and gastrotoxic described even in recent publications. The renaissance of absinthe thus constitutes a significant matter of public health.

Key words: absinthe, thujone, neurotoxicity, intoxication, porphyria


Nach dem ersten Glas siehst Du die Dinge wie Du wünscht, dass sie wären. Nach dem zweiten, siehst Du die Dinge, wie sie nicht sind. Zum Schluss siehst Du die Dinge, wie sie wirklich sind, und dies ist das schrecklichste auf der Welt.“ So beschreibt der Dichter Oscar Wilde die ihm bekannte Wirkung des Absinth. Auch andere Künstler dieser Zeit waren Absinthtrinker, darunter herausragende Persönlichkeiten wie Picasso, Toulouse-Lautrec, Gauguin, Baudelaire, Rimbaud und Hemingway.
Absinth erlebt zurzeit eine Renaissance. Aufgrund veränderter gesetzlicher Bestimmungen ist der Verkauf dieses Getränks nach nahezu 80 Jahren des Verbots nunmehr in Deutschland zugelassen. Eine wichtige Rolle spielt auch das Internet. Hier kann man sich Absinth bestellen und gezielte Hinweise zu dessen psychoaktiven Substanzen erhalten.
Trotz des historisch bekannten Krankheitsbildes bei Absinthmissbrauch, steht die moderne Medizin dem Problem weitgehend ratlos gegenüber. Über die Auswirkungen des Konsums dieses Getränks gibt es wenig moderne Forschungsergebnisse, und es gibt, außer für Äthanol, kein Nachweisverfahren für dessen neurotoxischen Inhaltsstoffe. Die Rückkehr des Absinths ist in Fachkreisen noch weitgehend unbekannt, selbst die Vergiftungszentralen sind nicht ausreichend auf die damit einhergehende Problematik vorbereitet. Eine Stichwortsuche in der Datenbank medizinisch-wissenschaftlicher Veröffentlichungen „medline“ der Jahre 1966 bis 2000 wies 27 Veröffentlichungen zum englischen Stichwort „absinthe“ aus. Eine Internetsuche zum gleichen Stichwort ergab 26 808 relevante Treffer. Da die Wiedereinführung des Absinths in Deutschland einen gesellschaftlich und gesundheitspolitisch nicht zu unterschätzenden Risikofaktor darstellt, ist es aus medizinischer Sicht wichtig, alles für die Verringerung dieses Informationsungleichgewichts zu tun.
„Die grüne Fee“
Absinth ist ein alkoholisches Getränk, dessen Rezeptur im Wesentlichen durch alkoholische Auszüge aus Anis, Fenchel, Zitronenmelisse und Wermut geprägt ist. Die spezifische neurotoxische Wirkung des Getränks scheint vor allem auf seinen Gehalt an Thujon zurückzuführen zu sein, einem Inhaltsstoff aus den ätherischen Ölen der Wermutpflanze (Artemisia absinthum). Thujon kommt ebenfalls in Beifuß, Salbei, Rainfarn und dem Lebensbaum vor.
Absinth ist im Ausgangszustand aufgrund seines Chlorophyllgehalts smaragdgrün, was ihm den Beinamen „Die grüne Fee“, eingebracht hat. Wegen seines hohen Gehalts an pflanzlichen Bitterstoffen wird er zum Trinken in der Regel mit kaltem Wasser verdünnt. Dadurch werden die ätherischen Öle ausgefällt, und die entstandene kolloidale Lösung ergibt ein milchig-weißes Getränk.
In dem nach der Pflanze selbst benannten Wermutwein finden sich keine bedeutsamen Thujonkonzentrationen, da dieser im Gegensatz zum Absinth mit wässrigen Auszügen der Wermutpflanze versetzt wird, Thujon jedoch nicht wasserlöslich ist.
Historischer Aufstieg
Bereits Plinius d. Ä. (23 bis 79 n. Chr.) beschreibt den Beifuß als neutralisierendes Agens bei Opiatvergiftungen, was aufgrund der zentralnervösen Effekte des Thujons im Sinne der kompetitiven Hemmung nachvollziehbar erscheint. Ebenso waren eine anthelminthische und eine uterusstimulierende Wirkung thujonhaltiger Pflanzen bekannt. Bei Missbrauch größerer Mengen Salbei zu Abtreibungszwecken wurden Vergiftungserscheinungen beschrieben, die vor allem auf eine Thujonintoxikation zurückzuführen sein dürften (1).
Die „Blütezeit“ des Absinths wurde 1769 eingeleitet, als die Schwestern Henriod in einer Zeitungsannonce im Schweizerischen Neuchatel für einen „Bon Extrait d’Absinthe“ warben. Kurz vor der Jahrhundertwende kaufte Henri Dubied den Schwestern das Geheimrezept ab und errichtete mit seinem Schwiegersohn Henri-Louis Pernod eine Spirituosenfabrik im französischen Pontarlier, nahe der Schweizer Grenze, die 1805 ihre Produktion aufnahm. Zunächst wurde jedoch nur 400 Liter Absinth
jährlich produziert. Der kommerzielle Durchbruch kam mit dem französischen Algerienfeldzug. Den französischen Truppen stand eine Absinthration zu.
Ob diese Maßnahme wegen der anthelminthischen Wirksamkeit oder allein zur Steigerung der Kampfmoral durchgesetzt wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls konnte Pernod seine Absinthproduktion zur Mitte des Jahrhunderts auf 20 000 Liter steigern, und allein in Pontarlier entstanden 20 weitere Destillerien (5).
Absinth fand in der Folgezeit eine weltweite Verbreitung, besonders in den aufblühenden Großstädten. Da französische Soldaten dazu erheblich beitrugen, betraf dies vor allem französische Kolonien wie Indochina und Tahiti oder frankophile Städte wie Prag und New Orleans. Der Schwerpunkt des Absinthkonsums lag jedoch eindeutig in Frankreich. Zur Mittagsstunde wurde die „heure verte“, eine dem Absinth gewidmete „Grüne Stunde“, zelebriert. Zwischen 11 und 13 Uhr saßen die Pariser in den Straßencafés und tranken mit kleinen Schlucken die „Grüne Fee“ (Abbildung 1). Doch oftmals blieb es nicht bei einem Glas. Zum Ende des Jahrhunderts konnte Pernod die Absinthproduktion auf circa 100 000 Liter steigern. Die Destillerien setzten immer weniger Branntwein zur Herstellung des Getränks ein; sie griffen vielmehr auf den billigeren Industriealkohol zurück. Dadurch wurde Absinth für alle Schichten erschwinglich. Im Zusammenhang mit wiederholt schlechten Weinernten kam es so zu einem nochmaligen Anstieg der Produktion am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Historischer Niedergang
Infolge des massenhaften Konsums traten zunehmend auch die damit verbundenen medizinischen Probleme in den Blickpunkt. Das Syndrom des chronischen Missbrauchs, oder „Absinthismus“, wurde in Abgrenzung vom Alkoholismus beschrieben. Gastrointestinale Probleme, visuelle und auditorische Halluzinationen, epileptiforme Anfälle, Hirnschäden und ein erhöhtes Risiko für psychiatrische Erkrankungen sowie Selbstmord wurden mit chronischem Absinthgebrauch in Verbindung gebracht (5). Da Wein in Frankreich nicht als alkoholisches Getränk galt, wurden die Wirkungen des Äthanols jedoch noch wenig von den spezifischen Effekten des Absinths differenziert. Auch Tuberkulose, Syphilis, Kriminalität und der Verfall der Moral wurden auf Absinthismus zurückgeführt, was aus heutiger Sicht eher als Sekundärproblematik der Sucht zu verstehen ist.
Im damaligen Geist des Prohibitionismus wurden Gesetze gegen den Absinth beschlossen (Belgien 1905, Schweiz 1907, USA 1912, Italien 1913) (5). Andere Länder, in denen das Getränk nie in großen Mengen konsumiert wurde, verabschiedeten solche speziellen Gesetze nicht (Großbritannien, Tschechien, Spanien).
Wegen der hohen Steuereinnahmen aus dem Absinthverkauf konnten sich die Absinthgegner in Frankreich lange Zeit nicht durchsetzen. Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs drängte jedoch die militärische Führung auf ein Verbot, da sie die Verteidigungskraft Frankreichs in Gefahr sah. Unmittelbar nach Kriegsbeginn wurde von der Regierung ein solches Verbot ausgesprochen. Am 1. März 1915 trat in Frankreich ein Gesetz in Kraft, welches die Herstellung und den Verkauf von Absinth untersagte. Damit wurde die Hochkonjunktur eines Getränks durch die gleiche Macht beendet, die den Boom ausgelöst hatte: das französische Militär.
Pernod entfernte die Wermutpflanze aus der Rezeptur und brachte den noch heute bekannten „Pastis“ auf den Markt. Da dieses Getränk jedoch nicht die gleiche Wirkung hatte, konnte es nie die Popularität des Absinth erreichen (12).
Situation in Deutschland
Der Absinthkonsum spielte in Deutschland nie eine große Rolle. Dennoch wurde es mit In-Kraft-Treten des „Gesetzes über den Verkehr mit Absinth“ (AbsinthG) vom 27. April 1923 in Deutschland verboten, „den als Absinth bekannten Trinkbranntwein, ihm ähnliche Erzeugnisse oder die zur Herstellung solcher Getränke dienenden Grundstoffe einzuführen, herzustellen, zum Verkaufe vorrätig zu halten, anzukündigen, zu verkaufen oder sonst in den Verkehr zu bringen (...)“ Ferner wurde untersagt, „Wermutöl oder Thujon (Tanaceton) bei der Herstellung von Trinkbranntwein (...) zu verwenden (....)“ (Abbildung 2). Dieses Verbot erstreckte sich sogar auf die Erstellung einer Rezeptur.
Das AbsinthG trat Ende 1981 außer Kraft, die Rechtslage blieb aber beinahe unverändert, da die Aromenverordnung (AromenV) vom 2. April 1985 die Verwendung von Wermutöl und Thujon weiterhin untersagte. Eine grundlegende Änderung wurde erst mit In-Kraft-Treten der „Verordnung zur Änderung der AromenV und anderer lebensmittelrechtlicher Verordnungen“ vom 29. Oktober 1991 rechtsgültig. Diese Verordnung stellt die Umsetzung von EU-Richtlinien zur Angleichung europäischer Rechtsvorschriften dar. Die Verwendung thujonhaltiger Pflanzen und Pflanzenteile (Wermutkraut, Beifuß) sowie von Aromaextrakten aus solchen Pflanzen ist nunmehr gestattet. Obwohl das Verwendungsverbot von Thujon offiziell erhalten blieb, sind tatsächlich die Grenzwerte für Thujon in der fertigen Spirituose maßgeblich: 5 mg/l bei bis zu 25 Volumenprozent Alkohol, 10 mg/l bei darüber liegendem Alkoholgehalt und 35 mg/l in Bitterspirituosen. Die Grundannahme dieser Richtlinien ist, dass durch den Alkoholgehalt beziehungsweise die Bitterstoffe, keine größeren Mengen Thujon durch einen Menschen aufgenommen werden können.
Mit dem Wegfall der europäischen Handelsgrenzen begann so der Wiederaufstieg des Absinths. Anfangs wurde er in den Ländern hergestellt, in denen die Absinthproduktion nie untersagt war. Hier sind besonders Großbritannien und Tschechien zu nennen. Aus diesen Ländern wurde der Absinth importiert. Aktuell steht in Deutschland die Markteinführung einer Vielzahl von als „Absinth“ deklarierten Getränken bevor. Dabei wird vor allem die „halluzinogene Kraft“ der „psychoaktiven Substanzen“ beworben (10). Absinth entwickelt sich zunehmend zum „Mode-“ und „Szenegetränk“ (3), das über das Internet und in Bars der Großstädte erhältlich ist. Der Spiegel spricht von der „Rückkehr der Grünen Fee“ (7), in der Tagespresse und gastronomischen Fachzeitschrifen wird auf das neue Modegetränk und seine zunehmende Verbreitung hingewiesen (8, 11). Allein der Markführer Lohmann-Spirituosen vertreibt das Getränk an mehr als 200 Fachgeschäfte . Die Thujonkonzentration im Absinth ist dabei sehr unterschiedlich. Über die Deklaration als „Bitterspirituose“ wird teilweise gezielt versucht, die zulässige Thujonhöchstgrenze auszuschöpfen. Bei einigen der Produkte war bei einer lebensmittelchemischen Analyse kein Thujon nachweisbar, bei anderen lag der Thujongehalt bei 53,2 mg/l, also 50 Prozent über der zulässigen Höchstgrenze.
Interessant ist auch die Art des Konsums. Im Gegensatz zum historisch bekannten langsamen Trinken des verdünnten Absinths hat sich nun eine andere Methode verbreitet: Ein Löffel mit Zucker wird in den Absinth getaucht und über dem Glas angezündet. Der Alkohol verbrennt, und der Zucker tropft ins Glas. Wenn die Flamme verlischt, wird der restliche Zucker ins Glas gerührt und der Absinth schnell ausgetrunken. Inwieweit sich die Thujonkonzentration im Vergleich zum Äthanol durch diese Methode verändert, wird gerade durch die Arbeitsgruppe des Autors untersucht. Vermutlich kann auf diese Weise wesentlich mehr Thujon aufgenommen werden.
Thujon – eine toxische Substanz
Es besteht allgemein Übereinstimmung, dass es sich beim Inhaltsstoff Thujon um die Substanz handelt, die eine qualitative Unterscheidung des Absinths von anderen alkoholischen Getränken notwendig macht. Thujon ist ein bizyklisches Monoterpen aus der Reihe der Thujanderivate. Es wurde von Otto Wallach als Bestandteil des Thujaöls aus dem Lebensbaum (Thuja occidentale) entdeckt. Seine chemische Struktur wurde 1900 erstmals von Friedrich Wilhelm Semmler aus Greifswald korrekt beschrieben (2).
Die historischen Beschreibungen der Wirkungen von Thujon erfüllen oft nicht moderne wissenschaftliche Kriterien. Neuere Erkenntnisse liegen unter anderem zur Neurotoxizität und Nephrotoxizität von Thujon vor.
Neurotoxizität
Ratten, die chronisch mit Thujon behandelt wurden, zeigten eine erhöhte Spontanaktivität in ihrer Tagesrhythmik (14). Die Injektion von Thujon in höheren Dosierungen löst in Versuchstieren Krampfanfälle aus, die erst tonischen und dann klonischen Charakter haben. Die Wahrscheinlichkeit für solche Krampfanfälle steigt noch in Verbindung mit der Gabe von Nikotin (1). Diese experimentellen Beobachtungen stimmen mit den historisch beschriebenen Epilepsien der „Absinthisten“ überein.
Ähnlichkeiten bestehen in der molekularen Struktur von Thujon und Tetrahydrocannabinol (THC), dem Hauptwirkstoff der Cannabispflanze (6). Thujon bindet an den Cannaboidrezeptor des Gehirns. Eine biologische Wirksamkeit an diesem Rezeptor konnte experimentell nicht nachgewiesen werden. Da es jedoch viele Hinweise auf eine spezifische Wirkung des Thujons auf das Gehirn und ein eigenständiges Suchtpotenzial dieses Stoffes gibt (1, 12), muss davon ausgegangen werden, dass es sich hier um eine neurotoxisch wirksame Substanz handelt, möglicherweise mit einer spezifischen Wirksamkeit.
Nephrotoxizität
Thujon und andere Terpene erhöhen die Porphyrinproduktion der Leberzellen. Sie stellen damit Risikosubstanzen für Patienten mit einer fehlerhaften Hämsynthese dar (4). Hierbei ist besonders die akute intermittierende Porphyrie zu nennen, eine autosomal dominant vererbte Krankheit, die potenziell lebensbedrohlich ist. Während einer akuten Episode kommt es zu einem Anstieg von Porphyrinen im Körper mit so unterschiedlichen klinischen Manifestationen wie akuten Abdominalschmerzen, zerebralen Krampfanfällen, Extremitätenschmerzen oder Tachykardie. Die Differenzialdiagnose ist daher schwierig. Der Nachweis gelingt durch die Bestimmung abnorm hoher Porphobilinogen- und Aminolavulinsäurekonzentrationen im 24-Stunden-Urin (13).
Weisbord und Kollegen beschreiben den Fall eines sonst gesunden 31-jährigen Patienten. Dieser hatte im Internet über die Wirkung von Thujon erfahren, sich online Wermutöl bestellt und etwa zehn ml unverdünnt eingenommen. Es kam zu einer akuten Rhabdomyolyse mit Nierenversagen, und der Patient wurde intensivpflichtig. Durch den Einsatz maximaler Ressourcen des Gesundheitswesens konnte sein Zustand erfolgreich behandelt werden (15).
Vincent van Gogh: eine Kasuistik des Absinthismus
Wilfred Arnold hat sich intensiv mit dem Leben und der Krankheit von Vincent van Gogh beschäftigt (2). Sein Fall bietet unabhängig von seinem künstlerischen Schaffen einen wichtigen Einblick in die Vielschichtigkeit der Problematik eines Absinthmissbrauchs.
Van Gogh war abhängiger Absinthtrinker. Häufig erwähnte er den Absinthkonsum in seinen Briefen und setzte sich in Gemälden damit auseinander. Wohl dokumentiert ist seine lange Krankheitsgeschichte, die im dritten Lebensjahrzehnt begann. Van Gogh hatte psychopathologische Symptome wie auditorische und visuelle Halluzinationen, Stimmungsschwankungen und Bewusstseinsstörungen. Weniger bekannt sind seine häufigen gastrointestinalen Beschwerden wie Bauchschmerzen und hochgradige Verstopfung. Die akute Symptomatik setzte häufig nach Phasen übermäßiger Arbeit, starkem Absinthkonsum und mangelhafter Ernährung ein. Eine Krankenhausbehandlung mit Absinthabstinenz und verbesserter Ernährung brachte meist eine rasche Besserung. Aus seinen letzten zwei Lebensjahren wird berichtet, dass van Gogh Kampferöl und Terpentin konsumierte. Dies wurde als ein Zeichen des geistigen Verfalls interpretiert. Bedeutsam ist jedoch, dass beide Substanzen Pinen enthalten, ein mit dem Thujon chemisch eng verwandtes Terpen. Am 27. Juli 1890 schoss van Gogh auf sich selbst und verstarb an den Verletzungsfolgen in den frühen Morgenstunden des 29. Juli, im Alter von 37 Jahren (1).
Muss sich Geschichte wiederholen?
Es wird diskutiert, dass eine durch Absinthkonsum ausgelöste akute intermittierende Porphyrie die Hauptursache für van Goghs Symptomatik sein könnte. Dafür spricht auch seine Familienanamnese. Belegt ist zudem eine psychotische Störung des Malers, wobei die kausalen Zusammenhänge des Krankheitsbildes wohl nie endgültig geklärt werden können (9). Von größerer Bedeutung scheint jedoch das Zusammenspiel der verschiedenen Risikofaktoren zu sein. Die Rolle des Äthanolmissbrauchs und seiner Folgen ist mittlerweile bekannt. Eine Eiweißmangelernährung, nicht selten die Folge des Alkoholismus, ist ebenso wie Stress ein Risikofaktor der akuten intermittierenden Porphyrie, die nachweislich durch Thujongabe ausgelöst werden kann. Sowohl die Porphyrie als auch eine Thujonintoxikation können eine neuropsychiatrische Symptomatik auslösen. Dabei sind vor allem exogene Psychosen und Krampfanfälle zu nennen. Die Krampfbereitschaft wird durch Nikotinkonsum noch erhöht. Die Auswirkungen des Alkohols auf das Nervensystem werden also verstärkt. So entsteht ein komplexes, sich wechselseitig verstärkendes Netz gesundheitsgefährdender Faktoren für den Absinthtrinker (Grafik). Dies gilt in besonderem Maße, wenn eine defekte Hämsynthese vorliegt, die ohne die Exposition von Risikofaktoren häufig latent verläuft. Gleichsinnig wirkende toxische Substanzen addieren bei gleichzeitiger Einnahme ihre Wirkungen gegenseitig nicht nur, sondern potenzieren sie.
Müssen wir uns darauf vorbereiten, dass in Zukunft vermehrt Fälle akuten Nierenversagens und akuter intermittierender Porphyrie nach Absinthkonsum auftreten werden? Können wir Forschungsarbeiten zum „Van-Gogh-Syndrom“ erwarten? Sollen wir uns langfristig auf die besonderen gesundheitlichen Probleme chronischer Absinthisten einstellen? Welches sind die nächsten Modedrogen, die über das Internet entdeckt, und durch Gesetzeslücken hindurch auf unseren Markt drängen werden?

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 2716–2724 [Heft 42]

Literatur
 1. Arnold WN: Vincent van Gogh and the thujone connection. JAMA 1988; 260: 3042–3044.
 2. Arnold WN: Vincent van Gogh: Chemicals, crisis and creativity. Boston, Basel, Berlin: Birkhäuser Verlag 1992.
 3. Bolz A: Schlauer, schöner, stärker. Frankfurter Rundschau 31. 12. 1999.
 4. Bonkovsky HL, Cable EE, Cable JW et al.: Porphyrogenic properties of the terpenes camphor, pinene, and thujone (With a note on historic implications for absinthe and the illness of Vincent van Gogh). Biochem Pharm 1992; 43: 2359–2368.
 5. Conrad B: Absinthe: History in a bottle. San Francisco: Chronicle Books 1988.
 6. del Castillo J, Anderson M, Rubottom GM: Marijuana, absinthe and the central nervous system. Nature 1974; 253: 365–366.
 7. Die Rückkehr der Grünen Fee. Der Spiegel 1. 1. 2001; 1: 114.
 8. Kultgetränk mit bewegter Geschichte. Allgemeine Hotel & Gastgewerbe 23. 9. 2000, 39: 13.
 9. Leonhard K: Van Gogh vor und in seiner Angst-Glücks-Psychose. In: Bedeutende Persönlichkeiten in ihren psychischen Krankheiten. Berlin: Ullstein Mosby 1992; 35–64.
10. Licha M: 2000; http://www.absintheon.de.
11. Martin T: Die Aufhebung des Absinthverbots in der Weinmeisterstraße. FAZ 3. 6. 2000.
12. Meschler JP, Howlett AC: Thujone exhibits low affinity for cannabinoid receptors but fails to evoke cannabimetic responses. Pharm Biochem Behav 1998; 62: 473–480.
13. Petrides P: Die akute intermittierende Porphyrie. Dt Ärztebl 1997; 94: A-3407–3412 [Heft 50].
14. Pinto-Scognamiglio W: Effetti del tujone sull'attivita' spontanea e sul comportamento condizionato dell ratto. Boll Chim Farm 1968; 107: 780–791.
15. Weisbord SD, Soule JB, Kimmel PL: Poison on line – acute renal failure caused by oil of wormwood purchased through the internet. N Eng J Med 1997; 337: 825–827.

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Jakob Hein
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
des Kindes- und Jugendalters
Charité, Campus Mitte
Schumannstraße 20/21, 10117 Berlin
E-Mail: jakob.hein@charite.de


1 Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters (Direktor: Prof. Dr. med. Klaus-Jürgen Neumärker) der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, Charité, Campus Mitte
2 Versuchs- und Lehranstalt für Spiritusfabrikation und Fermentationstechnologie am Institut für Gärungsgewerbe und Biotechnologie

Abbildung 1: „Die grüne Muse“ von Albert Maignan aus dem Jahr 1895


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