THEMEN DER ZEIT

Alternative Berufsfelder: Was tun, Hippokrates?

Dtsch Arztebl 2002; 99(3): A-100 / B-84 / C-82

Bludau, Heike; Bludau, Hans-Bernd

Ärzteschwemme, Niederlassungssperren und
Karrierestau: Junge Ärztinnen und Ärzte suchen zunehmend nach neuen Perspektiven.


War es noch bis vor kurzem so, dass ein frisch approbierter Arzt beruflich sehr flexibel sein musste, hat sich die Situation inzwischen entscheidend geändert. Der Stellenmarkt in den Ärztezeitschriften spricht für sich. Jeder sechste Arzt arbeitet heute nach abgeschlossenem Studium in einem alternativen Berufsfeld – Tendenz steigend. Sei es im Krankenhausmanagement/-controlling, in der Medizininformatik, im Consulting oder in der Qualitätssicherung – Ärzte sind wieder gesucht, sofern sie sich nach ihrem Studium weiterqualifizieren.
Da es sich bei den genannten Bereichen um neue Berufsfelder handelt, die mit Blick auf die heutigen und künftigen Anforderungen des Gesundheitswesens entstanden sind, wird diese Entwicklung noch anhalten. Dem Jungarzt stehen somit gute Berufschancen offen; verschiedenste Anbieter – vom Arbeitsamt über die Universität bis hin zum privaten Bildungsinstitut – helfen, diese zu nutzen.
Informationsbedarf
Steigende Teilnehmerzahlen haben zu einem wachsenden Angebot von Kongressen und Seminaren zum Thema geführt. Dass sich vor allem die Medizininformatik zunehmender Beliebtheit erfreut, liegt am Einzug neuer Technologien in den Krankenhaus- und Praxisalltag. Doch neben dem Umgang mit Technik können Ärzte ihr Wissen auch in anderen Aufgabenbereichen einsetzen.
Beispiel Medizinjournalismus: Content – Inhalt – ist gefragt. Patienten wollen, Ärzte müssen immer besser informiert sein. Daher sind auch Medizinjournalisten heute mehr denn je gefragt. Ihre Arbeit besteht in der Hauptsache aus Informationsrecherche in Datenbanken und Bibliotheken, auf Kongressen und durch Interviews. Sie schreiben medizinisch-wissenschaftliche Artikel für Print- und Internet-Medien, erstellen Beiträge für Radio- und Fernsehsendungen oder publizieren Bücher. Arbeitet man für einen eher populärwissenschaftlichen Verlag, ist man Mittler zwischen Fachleuten und Laien, wohingegen in medizinischen Fachverlagen eine zielgruppengerechte Inhaltsvermittlung gefragt ist. Arbeitgeber sind zum Beispiel Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk oder Nachrichtenagenturen sowie Pressestellen in Behörden und Unternehmen. Es besteht die Möglichkeit des Voll- oder Teilzeitjobs sowie der Arbeit auf Honorarbasis.
Voraussetzung für die Tätigkeit als Medizinjournalist sind ein abgeschlossenes Studium, gute Allgemeinbildung, Fremdsprachenkenntnisse und Kommunikationsbereitschaft. Der Zugang erfolgt über ein viersemestriges Aufbaustudium Journalismus/Medienwissenschaften. Alternativ zählen Volontariate oder Praktika in Verlagen, Redaktionen, Presseagenturen oder Sendeanstalten. Wer sich für diesen Beruf interessiert, sollte möglichst früh – als freier Mitarbeiter oder Praktikant – mit dem Schreiben von Beiträgen beginnen. Diese Arbeitsproben sind bei der späteren Bewerbung große Pluspunkte.
Public Health ist die „Wissenschaft und Praxis der Krankheitsverhütung, der Lebensverlängerung und Förderung physischen und psychischen Wohlbefindens durch bevölkerungsbezogene Maßnahmen“, so lautet die Definition der WHO. Dieser Bereich der Medizin basiert – im Gegensatz zur individuellen Patientenversorgung – auf einem globalen Ansatz. Allgemeine Ziele sind unter anderen: die Minderung der Erkrankungsrisiken durch eine verbesserte Gesundheitsvorsorge, Verlängerung der Lebenszeit und Verbesserung der Lebensqualität der Gesamtbevölkerung. Hierzu zählt zum Beispiel auch die Präventivmedizin.
Im Bereich Public Health arbeitet der Arzt im interdisziplinären Team mit Psychologen, Pädagogen, Wirtschaftswissenschaftlern oder Juristen. Tätigkeitsfelder sind zum Beispiel die epidemiologische Forschung, die Entwicklung von Gesundheitsförderprogrammen für Betriebe und Schulen, die Gesundheitsberatung oder das Management von Entwicklungshilfeprojekten.
Der viersemestrige Zusatzstudiengang Public Health wird an neun deutschen Universitäten angeboten und setzt ein abgeschlossenes Medizinstudium sowie eine ein- bis zweijährige Berufserfahrung voraus. Mit erfolgreich bestandener Prüfung wird der „Master of Public Health“ (MPH) oder „Magister Sanitatis Publicae“ (MSP) erworben. Allerdings führen die Universitäten Auswahlverfahren durch, da sich dieser Studiengang in den zwölf Jahren seit seiner Einführung immer größerer Beliebtheit erfreut.
In Zeiten von Kostensenkung, allgemeiner Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention verwundert es nicht, dass die Absolventen gefragte Mitarbeiter im öffentlichen Gesundheitswesen sind.
Management und Wirtschaft
Medical Manager, Health Manager, Gesundheitsmanagement, Krankenhauscontrolling und anderes – die Liste der Begriffe, die zwei bisher verschiedene Disziplinen in einem Beruf vereinen, ließe sich noch verlängern. Ähnlich vielfältig sind die zeitlichen, finanziellen und inhaltlichen Aspekte der Kurse und Studiengänge zu diesem Thema. An ihrer hohen Zahl kann man den aktuellen Fachkräftebedarf mit entsprechender Zusatzqualifikation ermessen.
In diesen Kursen werden Grundlagen aus der Betriebswirtschaftslehre, wie beispielsweise Controlling, Qualitätsmanagement und Recht, vermittelt sowie Inhalte aus Management und Medizininformatik gelehrt. Der zeitliche Rahmen erstreckt sich von vier Seminarblöcken wöchentlich über sechs berufsbegleitende Semester bis hin zum zweijährigen Vollstudium mit Praxisanteilen. Die Kursgebühren betragen dabei zwischen 4 000 und 10 000 A.
Promovierte Mediziner können sich betriebswirtschaftliche Kenntnisse in sechs- bis 15-monatigen Kursen bei privaten Instituten aneignen, in wirt-schaftswissenschaftlichen Aufbaustudiengängen, durch ein BWL-Studium oder durch berufsbegleitende Fernstudien. Berufliche Perspektiven sind unter anderem Führungspositionen im Krankenhaus und dem dortigen Qualitätsmanagement, im Controlling und Consulting.
Medizinische Informatik
Durch die Verbreitung der Krankenhaus-Informationssysteme (KIS) und die rasante Entwicklung ins „e-health“-Zeitalter ist der Medizininformatiker (MI) aus dem Gesundheitsbereich nicht mehr wegzudenken.
Ebenso gefragt sind Ärzte mit der Zusatzqualifikation „medizinische Informatik“. Diese umfasst die Grundlagen der Informatik, des Datenschutzes und der Betriebswirtschaftslehre sowie Kenntnisse der gängigen Informationssysteme, der Bildverarbeitung, der Biometrie und wissensbasierter Systeme. Mindestens zwei Jahre klinische Tätigkeit und eineinhalb Jahre Arbeit in einer für die MI zugelassenen Weiterbildungsstätte sind Zulassungsvoraussetzungen.
Informatik-Berufe stehen auf dem Stellenmarkt immer noch hoch im Kurs. Ähnlich gut sieht es auch für Medizininformatiker beziehungsweise für Ärzte mit dieser Zusatzqualifikation in Kliniken, in der Pharmaindustrie sowie in Softwarefirmen und Unternehmensberatungen aus.
Ein Blick in die Zukunft der Telemedizin im Gesundheitswesen spricht für sich: Die Einführung der elektronischen Krankenblätter mit Einbindung von Bilddaten erfordert qualifizierte Kenntnisse in Medizin, Informatik, Organisation und Betriebswirtschaftslehre. Dass die Zusatzqualifikation „medizinische Informatik“ in den letzten Jahren eher zögerlich angestrebt wurde, liegt in erster Linie an den noch zu wenig vorhandenen Weiterbildungsstätten, Weiterbildungsbefugten und der mangelnden Infrastruktur.
Wer bildet aus?
Die Institute und Institutionen, die Ärzten Weiter- und Fortbildungsmöglichkeiten bieten, sind so zahlreich, dass die Interessenten die verschiedenen Angebote gut vergleichen sollten. Sowohl in der Qualität als auch im Preis-Leistungs-Verhältnis gibt es hier erhebliche Unterschiede.
Dem Bereich „Medizinische Informatik“ widmet sich die akadeMIe (Akademie Medizinische Informatik e.V., Heidelberg). Der Benefit für fortbildungswillige Mediziner liegt hier in den berufsbegleitenden Intensivkursen zum Thema, die eine verkürzte Studienzeit bei voller Anerkennung durch die Landesärztekammern bieten. Die enge Zusammenarbeit der akadeMIe mit dem Gesundheitsnetz Rhein-Neckar-Dreieck erleichtert den Kursteilnehmern, einen Platz in einer Klinik zu finden, die zur Weiterbildung in medizinischer Informatik zugelassen sind (www.akademie-mi.uni-hd.de). !
Die „Akademie für Weiterbildung an den Universitäten Heidelberg und Mannheim e.V.“ bietet bereits Ärzten im Praktikum die Möglichkeit, zu reduzierten Teilnahmegebühren an fachspezifischen und interdisziplinären Fortbildungsveranstaltungen teilzunehmen. Neben der fachlichen Qualität der Vorträge setzt die Akademie auf Kleingruppen, weil in diesem Rahmen fachspezifische Problemstellungen adäquat diskutiert werden können und ein persönlicher Kontakt zu Kollegen ermöglicht wird. Zudem können sich die Jungärzte schon früh in ihrer Karriere mit aktuellen Erkenntnissen befassen und sich an Diskussionen mit hochrangigen Dozenten beteiligen (www.akademie-fuer-weiterbildung.de).
Private Anbieter, wie zum Beispiel das „mibeg“-Institut für berufliche Weiterbildung (Köln), engagieren sich ebenfalls in diesem Bereich. Neben klinischen Kursen werden Hochschulabsolventen beim mibeg-Institut Medizin spezielle Fortbildungskurse angeboten, um sich mit Unterstützung durch Universitäten und Landesärztekammern zum Gesundheitsmanager, Medizininformatiker oder Medizincontroller ausbilden zu lassen (www.mibeg.de).
Regionale Kongresse für Ärzte, wie zum Beispiel der seit 1998 jährlich in Mannheim stattfindende „Via medici“, bieten darüber hinaus die Möglichkeit, sich bereits während des Studiums nach einem geeigneten Einstieg ins Berufsleben umzusehen (www.viamedici-kongress.de).
Wer sein ärztliches Wissen dennoch im Klinikalltag einsetzen möchte, sollte sich nicht entmutigen lassen. So ist Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes, der Ansicht, dass sich die Berufschancen und Arbeitsbedingungen für junge Ärzte im kurativen Bereich künftig verbessern werden (siehe „Nachgefragt“).

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 100–102 [Heft 3]

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Hans-Bernd Bludau
Universität Heidelberg
Ludolf-Krehl-Klinik, Innere Medizin, Abteilung II
Klinische und Psychosomatische Medizin
Bergheimer Straße 58
69115 Heidelberg
E-Mail: Hans-Bernd_bludau@med.uni-heidelberg.de
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