POLITIK: Medizinreport

Testosteronsubstitution: Wie „therapiert“ man den alternden Mann?

Dtsch Arztebl 2002; 99(11): A-690 / B-564 / C-530

Leinmüller, Renate

Immer mehr „Anti-Aging-Gesellschaften“ haben den Mann als „Kunden“ im Visier. Foto: Schering/Livingbridges 1/2001
Ein Konsensuspapier, das auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Andrologie vorgestellt wurde, zeigt auf, welche Hormonbestimmungen nicht zu empfehlen sind.

Nach erheblichen Geburtswehen ist es nun endlich da, das Konsensuspapier zur Testosteronsubstitution beim alternden Mann: Bei Androgenmangel-Symptomatik kann bei Blutwerten unter der Normgrenze (12 nmol/l) eine Hormonsubstitution erfolgen. Notwendig sind Kontrollen des PSA-Werts alle drei Monate, einmal jährlich ein Prostata-Check-up. Auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner haben sich die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Der alternde Mann“ der Deutschen Gesellschaft für Andrologie, der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie und der Deutschen Gesellschaft für Urologie geeinigt.
Prof. Wolfgang Weidner (Gießen) hat das Papier bei der 13. Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Andrologie bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit (www.isg-info.de) vorgestellt. Diese komplexe Kooperation war notwendig, nachdem die Zusatzbezeichnung „Andrologie“, die seit 1995 beantragt ist, zuerst aus Streitigkeiten um die Fachkompetenz und inzwischen aufgrund von Formalitäten von der Bundesärztekammer nicht „freigegeben“ wird – obwohl dies ganz erheblich zur Transparenz für Patienten beitragen würde.
Der Mann ist in der Praxis zum begehrten „Kunden“ geworden: Andrologen, Urologen, Endokrinologen, Internisten und selbst Gynäkologen bieten dem älteren Mann mit wohlgefülltem Portemonnaie unterschiedlich qualifizierte Strategien gegen das physiologische Altern an. Zu den „Hits“ auf dieser IGEL-Liste zählt neben PSA-Test und Sexualberatung schon seit einigen Jahren die Hormonersatztherapie. Dem lebhaften Interesse und der freizügigen Verordnung stehen hier allerdings beschränkte Studienergebnisse gegenüber, sowohl hinsichtlich der Fallzahlen als auch der Langzeitfolgen. Was allerdings nichts daran ändert, dass – nicht nur – Testosteron als Bremse des Alterungsprozesses beim älteren Mann propagiert wird. Dass das Geschäft ganz offensichtlich floriert, zeigt die steigende Zahl mehr oder weniger seriöser „Anti-Aging-Gesellschaften“.
Wochenendkurse und Fortbildungen sind ausgebucht, bezahlt wird freiwillig auch dann, wenn die Veranstaltung nicht wissenschaftlich anerkannt ist und die dargebotenen „professoralen“ Empfehlungen zur Therapie oder Prävention der realen Datenlage um Jahr(zehnt)e voraus sind. Das Konsensuspapier kommt deshalb zwar spät, aber es zeigt klar auf, welche Hormonbestimmungen sinnvoll und welche derzeit nicht zu empfehlen sind.
Zur Diagnostik eines Androgenmangels sind demnach zu bestimmen das Gesamt-Testosteron und das sexualhormonbindende Globulin (SHBG), woraus sich das freie Testosteron berechnen lässt. Eine Substitution sollte nur bei Unterschreitung des unteren Normwertes (12 nmol/l) und entsprechender Symptomatik erfolgen. Als Kontraindikationen sind ein manifestes Prostatakarzinom (rektale Untersuchung, PSA, transrektale Sonographie zur Volumetrie), ein viriles Mamma-karzinom und eine Schlafapnoe auszuschließen.
Da mit dem Alter klinisch okkulte Prostatakarzinome ansteigen und nicht klar ist, ob diese durch Testosteron vermehrt manifest werden, haben sich die eher vorsichtigen Kliniker mit dreimonatigen PSA-Kontrollen im ersten Jahr anstelle von jährlichen durchgesetzt. Ob dies in der täglichen Praxis der oftmals eher mutigen Niedergelassenen auf positive Resonanz stößt, darf ebenso bezweifelt werden wie die Umsetzung – nur an der Aufklärung führt jetzt kein Weg mehr vorbei. Denn nach Angaben von Prof. Manfred Wirth (Dresden) ist immerhin bei rund 30 Prozent der 50-jährigen und 45 Prozent der 80-jährigen Männer ein latentes Prostatakarzinom zu erwarten.
Eine routinemäßige Analyse von Prolaktin, Estradiol, FSH, GH oder Melatonin wird demgegenüber derzeit nicht empfohlen. DHEA(-S) sollte nach Auffassung von Prof. Hermann Behre (Halle) nur bei Verdacht auf eine Nebennieren-Insuffizienz erhoben werden. Hier lägen zwar epidemiologische Untersuchungen vor, wonach ein Mangel das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen steigern könnte; der Beweis für einen positiven Einfluss der Substitution fehle jedoch.
Dr. Renate Leinmüller

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige