THEMEN DER ZEIT

Wissenschaftliches Publizieren: Umstritten, aber etabliert – der Impact Factor

Dtsch Arztebl 2002; 99(22): A-1489 / B-1269 / C-1192

Lindner, Udo K.; Oehm, Victor

Co-Autor Lindner: Zweifel an der sinnvollen Anwendung des Impact Factor Foto: privat
Oder: Wie vermessen ist die Vermessung der Wissenschaft?

Victor Oehm, Udo K. Lindner

Auch in der Wissenschaft wird Wissen gemessen und bewertet. Das Gütesiegel wissenschaftlicher Publikationen heißt Impact Factor, und dieser steht für ein vergleichendes qualitatives Urteil wissenschaftlicher Zeitschriften, der Arbeit ihrer Boards, der Souveränität der sie tragenden Verlage und last not least auch der Qualifikation der Autoren, die hier zu Wort kommen.
Weil die hohe Zahl wissenschaftlicher Artikel in einem Meer von Zeitschriften nicht mehr überschaubar sind, hat sich der Impact Factor als Merkmal für die Qualität einer Arbeit etabliert. Damit wird ein Axiom der Kommunikationsgesellschaft unterstrichen: The Medium is the message. Weder Autoren noch Forschungsergebnisse stehen im Zentrum wissenschaftlicher Bewertung, sondern es sind die Zeitschriften, in denen sie publizieren.
Wie sich der Künstler durch seine Kunstwerke der Öffentlichkeit stellt, weist sich der Wissenschaftler durch seine Publikationen aus. Die Menge seiner Arbeiten allein kann nicht als Maß für die Bedeutung seiner Forschung herangezogen werden. Allerdings wird im Wettlauf um eine Professur so viel wie nur möglich publiziert. Publish or perish, lautet die Devise noch immer.
Je bedeutender das Journal, in dem eine Arbeit veröffentlicht werden kann, desto bedeutender scheint die Publikation selbst zu sein. Das Journal – und nicht die Publikation selbst – wird mittels des Impact Factor gemessen und seine Autoren mit diesem Mittel bewertet. Worum handelt es sich?
Der Impact Factor ist ein schlichter Quotient, der aus drei Zahlen ermittelt wird. Er nimmt Bezug auf die Zahl der Publikationen, die innerhalb von zwei Jahren in einer anerkannten wissenschaftlichen Zeitschrift erschienen sind. Das Verhältnis der Zahl der Zitationen innerhalb dieses Zeitfensters im Verhältnis zur Anzahl der publizierten Arbeiten – das ist der Impact Factor. Kein Messwert charakterisiert so dramatisch das Schicksal eines Wissenschaftlers wie diese schlichte Gleichung. Im Mittelpunkt jeder Herausgebersitzung einer Zeitschrift steht die Diskussion, wie der Impact Factor zu beeinflussen sein könnte. Denn – das steckt hinter solchen Debatten – ganz objektiv ist diese Größe nicht. Zeit spielt eine Rolle. Der Impact Factor ist eine aktuelle Variante der Mengenlehre mit Verfallsdatum.
Zweifel an der Objektivität
Aus der Berechnung ergibt sich, dass der Impact Factor einer Zeitschrift um- so höher liegt, je weniger Artikel erscheinen. Oder je weniger Ausgaben sie im Beurteilungszeitraum hat. Bevor ein Journal aber mit der Qualitätsmarke des Impact Factor ausgestattet wird, es also gelistet wird, muss es würdig genug sein, in den Scientific Citation Index aufgenommen zu werden. Heute, rund 50 Jahre nach seiner Erfindung durch Eugen Garfield in seinem Institute for Scientific Information (ISI), hat der Index das Format eines Telefonbuches einer Großstadt oder wird als CD-ROM im Abonnement geliefert.
Nicht alle Arbeiten, die in einer Zeitschrift publiziert werden, tragen zum Impact Factor bei. Hier zählen nur Reviewartikel und Originalarbeiten. Manchmal können auch short communications, technical notes oder begutachtete Kasuistiken in die Zählung aufgenommen werden. Diese Entscheidung liegt im Ermessen des ISI. Abstracts von Meetings und Letters to the Editor fallen unter den Tisch. Doch keine Regel ist ohne Ausnahme: Liegt hinter einer kurzen Mitteilung die Vermutung eines substantive research, so dürfen auch diese Informationen vom Umfang eines Absatzes zitiert werden und tragen zum Erblühen des Impact Factor bei. Der Verdacht, dass Wissenschaft der subjektiven Beurteilung ausgeliefert wird, ist nicht unbegründet. Im ISI geben sich die Editors der Zeitschriften die Klinke in die Hand. Dort, in Philadelphia, besteht die größte Chance, sich mit dem Herausgeber oder Editor-in-chief seiner Zeitschrift zu treffen.
Der Impact Factor ist eine vergleichende Größe. Nur – er vergleicht unterschiedliche Zeitschriften miteinander. Die Delikatessen unter den Zeitschriften sind die sourced journals, denn in diesen dürfen Eigenzitate verwandt werden. Wird einer Fachzeitschrift diese Auszeichnung zuteil, steigt durch diesen Heimvorteil ihr Impact Factor sofort an. Auch Wissenschaftler verhalten sich menschlich. Der höfliche Austausch von Freundlichkeiten wie „Zitierst du mich, zitier’ ich dich“ ist üblich und verwässert das objektive Urteil. Der Kreis wissenschaftlicher Autoren ist klein. Man kennt sich und trifft sich auf den internationalen Kongressen, wo die Verabredungen bezüglich der Zitationen getroffen werden.
Der Impact Factor ist eine internationale Größe. Das ist auch sein Problem. In Fächern mit Anspruch auf nationale Gültigkeit der Forschung und nationalen Rang der Forscher, wie dies zum Beispiel für die klinische Medizin und Zahnmedizin gilt, wird den wenigsten nationalen Zeitschriften der Zugang in den Citation Index erlaubt. Die Auswertung der Artikel erfolgt in den USA; dort wird englisch gelesen, und die meisten deutschsprachigen Zeitschriften und Artikel in deutscher Sprache, so qualifiziert sie auch sein mögen, werden von der internationalen Gemeinschaft der Forscher ignoriert.
Daten und Informationen, die der kurzen Halbwertszeit ihrer Gültigkeit wegen im Internet veröffentlicht werden, fielen bis vor kurzem durch das Raster. Die Peers, die gleich dem altenglischen Adel als Reviewer für die Richtigkeit der Arbeiten einstehen, haben sich seit Gründung der ersten wissenschaftlichen Zeitung, den Philosophical Transactions im 18. Jahrhundert, in ihrer Arbeitsmethode nicht wesentlich gewandelt. Wer publiziert, verfolgt einen Zweck.
Der Impact Factor dient hierzulande der Karriere des Wissenschaftlers. In einem Editorial von 1998 äußerte sich Eugen Garfield in scharfem Ton gegen den deutschen Missbrauch des Impact Factor zur persönlichen Beurteilung der Leistungen eines Forschers. In nahezu allen Berufungskommissionen an deutschen naturwissenschaftlichen Fakultäten werden die Kandidaten bezüglich ihrer Qualifikation an der Summe ihrer Impact Factors, die sie durch ihre Veröffentlichungen erreicht haben, gemessen. Diese Methode macht die Frage transparent, die getroffene Entscheidung in der Auswahl der Lehrstuhlinhaber wird so aber fragwürdig.
Sind die Bewertungen mittels des Impact Factor auch unanfechtbar, so wurde dieser doch auf der Grundlage subjektiver Beurteilung ermittelt. Das Institute for Scientific Information beherbergt die weltweit umfassendste multidisziplinäre Datenbank der Naturwissenschaften. Kürzlich erst ließ sein Gründer, Eugen Garfield, sein Lebenswerk vergolden und verkaufte das ISI an den Thomson-Konzern. Dieser Schritt erfolgte zum richtigen Zeitpunkt, denn die Kritik am Impact Factor und die Einsicht in seinen begrenzten Nutzen ziehen Kreise.
Vor allem die Konzentration des bisherigen Vergleichsparameters auf den angloamerikanischen Sprachbereich grenzte die europäischen Wissenschaftsgesellschaften, die auch durchaus in ihrer Landessprache untereinander kommunizieren, aus. Dem Vorbild des Impact Factor folgend, wird derzeit ein Eurofaktor für eine Auswahl europäischer Journals aus Medizin und Biomedizin erprobt. Urheber ist die Society of Viennese International Clinical Experimental Research und ihr Wortführer Roland Hofbauer. Klinisch-experimentale Forschung ist kompliziert und so auch die bibliometrische Berechnungsgrundlage; an der zukünftigen und sinnvollen Anwendung dieses Faktors dürfen Zweifel angebracht werden.
Der Eurofaktor (EF) errechnet sich durch die Zahl der Zitationen eines Journals, dividiert durch das Produkt aus dem EF-Koeffizienten mit der Quadratwurzel aus dieser Anzahl plus der Zahl der veröffentlichten Artikel. Verstanden? Wie gesagt, dem Eurofaktor kann wohl keine große Zukunft prognostiziert werden.
Nicht nur dass die Berechnungsgrundlage das schlichte Verständnis des Impact Factor vermissen lässt, so wird hier dieselbe Unschärfe in der Begründung, welche Zeitschriften zugrunde gelegt werden dürfen, eingebracht. Wer entscheidet über die Güte eines Journals, das mit der Weihe des EF ausgezeichnet wird? Wie viele Jahrgänge werden für den Bewertungszeitraum des EF zugrunde gelegt? Und welche Art von Artikeln sollen denn ausgewertet werden und welche nicht? Der Gemeinschaft der Wissenschaftler hat sich der Nutzen dieser europäischen Wissenschaftswährung noch nicht erschlossen.
Noch ein Faktor – Prestige als Kriterium
Eine Gesellschaft in Kanada trägt zwar zur wissenschaftlichen Einheitlichkeit nicht unbedingt bei, liefert aber eine neue Idee, indem sie den Prestige-Faktor als eindeutigen Bemessungsparameter zur Scienciometrie vorschlägt. Im Wesentlichen unterscheidet sich der Prestige-Faktor vom Impact Factor nur dadurch, dass die Review-Artikel eines Journals nicht berücksichtigt werden. Nun sind gerade das diejenigen Arbeiten, die ihren Autoren nicht nur die größte Mühe aufbürden, sondern die auch die größte Reichweite in der Leserschaft haben und am häufigsten zitiert werden. Dafür bezieht sich der Prestige-Faktor auf einen Bewertungszeitraum von drei statt von zwei Jahren. Ob dieser Unterschied angesichts der kurzen Halbwertszeit des naturwissenschaftlichen Wissens die Objektivität des Urteils vertieft, sei offen. Dem Impact Factor gleich, wird das Ranking der Zeitschriften für bare Münze angeboten. Was dieser neue Markt der Wissenschaftsbeurteilung tatsächlich wert ist, wird die Zukunft entscheiden.
Mangelnder praktischer Nutzen
Nicht nur die renommierte Zeitschrift Nature stellt den Wert einer Messmarke wie den Impact Factor infrage. In der klinischen Medizin ist er den Meinungsbildnern schon lange ein Dorn im Auge. Die unterschiedliche Bewertung verschiedener klinischer Disziplinen hat ihm längst mangelnden praktischen Nutzen bescheinigt. Immer mehr wird auch die Schattenseite des klassischen Impact Factor deutlich: Betrügerisch falsche oder einfach fehlerhafte Daten, die in einer Zeitschrift mit hohem Impact Factor veröffentlicht werden, gewinnen durch ihn an Bedeutung und werden schneller verbreitet.
Weder der Impact Factor noch andere Konstrukte stehen tatsächlich für die Qualität eines Artikels oder attestieren seinem Autor besondere wissenschaftliche Fähigkeiten. Auch wenn dies immer synonym so gesehen wird. Die Diskussion um den Impact Factor zeigt, dass auch Wissenschaft von Menschen gemacht wird. Er dient dem Erhalt der klassischen Zeitschriften und der „Clubs“ ihrer Herausgeber. Zum Fortschritt der Wissenschaften trägt er nicht bei.
zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 1489–1490 [Heft 22]
Anschriften der Verfasser:
Victor Oehm
Deutscher Ärzte-Verlag Köln
Dieselstraße 2, 50859 Köln
Dr. med. Udo K. Lindner
Freier Publizist
Herrenweg 56
69151 Neckargemünd
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