Der Artikel macht auf uns als niedergelassene Kinderärzte, die seit Jahren die allgemeinen Impfempfehlungen der STIKO Tag für Tag umsetzen, den Eindruck, dass manche epidemiologischen Experten recht weit von der klinischen Realität entfernt sind. Schon bei der Masern-Mumps-Röteln-Impfung mit wesentlich zwingenderer Indikation im Vergleich zur Varizellenimpfung war es außerordentlich schwer, eine effektive Durchimpfungsrate zu erreichen. Eine von den Autoren avisierte Durchimpfungsrate der Varizellenimpfung von 85 Prozent als Voraussetzung einer günstigen Kosten-Nutzen-Rechnung halten wir für vollkommen unrealistisch, und zwar aus mehreren Gründen:
Wir schätzen die Varizellen, bis auf sehr seltene Einzelfälle, als eine für Kinder gut überwindbare Krankheit ein.
Die von den Autoren aufgeführten Komplikationen sind nach unseren Erfahrungen ausreichend behandelbar (bakterielle Superinfektionen), reversibel (Enzephalitis) oder nur zufällig gleichzeitig auftretend (in dem Artikel wurden Bronchitis und Otitis – für uns nicht nachvollziehbar – als „Komplikation“ angesehen).
Selbst wenn wir uns für eine generelle Varizellenimpfung einsetzen würden, wäre die elterliche Akzeptanz sicher sehr gering, da die meisten Eltern heutzutage an den zwingenden Gründen für eine Impfung interessiert sind. Das Kostenargument ist hier sicherlich nicht sehr überzeugend.
Nach der äußerst fragwürdigen Impfwerbekampagne für den neuen Pneumokokkenimpfstoff „Prevenar“, die durch ähnlich konzipierte Artikel von Epidemiologen unterstützt wurde, drängt sich auch bei diesem Artikel zur Varizellenimpfung der Verdacht auf, dass in letzter Zeit das wirtschaftliche Interesse an der Einführung neuer genereller Impfempfehlungen die kritische Betrachtung von Impfindikationen in den Schatten stellt.
Die mögliche Voreingenommenheit der Autoren wird besonders deutlich bei der im Fazit betonten Komplikationsrate von 16 Prozent, die kaum ein Pädiater nachvollziehen wird. Der sehr eindrucksvolle Artikel über das Pharma-Sponsoring (Finzen A: Pharma-Sponsoring: Wir dankbaren Ärzte. Dtsch Arztebl 2002; 99 A 766–769 [Heft 12]) scheint in letzter Zeit auch für die Impfpharmaindustrie und die ihr nahestehenden Epidemiologen zu gelten. Bei allem Respekt vor der bisher sehr erfolgreichen Impfstrategie sollten diejenigen, die über weitere generelle Impfempfehlungen entscheiden, wissen, dass wir niedergelassenen „Impfärzte“ alle Veröffentlichungen zu neuen Impfstoffen sehr kritisch betrachten und uns nur auf Impfstrategien einlassen, die wir aus unserer klinischen Praxiserfahrung nachvollziehen können.

Peter Springmann
Dr. med. Hendrik Crasemann
Dr. med. Martina Hansen-Crasemann
Friedrich-Ebert-Straße 104
28201 Bremen

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