POLITIK

Blutentnahme

Dtsch Arztebl 2002; 99(44): A-2902 / B-2466 / C-2310

Böhmeke, Thomas

Ich gehe ins Labor, um eine Blutentnahme durchzuführen. Noch gedanklich tief in irgendeine Differenzialdiagnose verstrickt, reiße ich die Nadel aus der Verpackung und angele mit der anderen Hand nach dem Stauschlauch. . . Halt! Ich laufe Gefahr, schwerste Fehler zu begehen.
Habe ich überprüft, ob es sich um eine Blutbestimmung handelt, für die eine Einverständniserklärung des Patienten vorliegen muss? Ist das Verfallsdatum der Entnahmekanüle überschritten, oder droht mir ein jahrelanger Rechtsstreit aufgrund fahrlässig verursachter Thrombophlebitis? Brauche ich vorher ein schriftliches Einverständnis, falls ich eine Arterie treffe und es zu Durchblutungsstörungen kommt?
Nervosität breitet sich aus, der Patient schaut mich fragend an, ich an ihm vorbei. Da! Diese Steckdose an der Wand erfüllt nicht mehr die Vorschrift nach BGV2A. Mein flackernder Blick trifft den Behälter für Kanülen und Ampullen. Ist die gesetzlich vorgeschriebene Füllhöhe nicht schon überschritten? Der Schweiß bricht aus, so kann ich kein Blut abnehmen, ich muss mir die Hände waschen. Mit einer fahrigen Bewegung lege ich das Blutdruckmessgerät beiseite, das neben dem Waschbecken liegt. O Gott! Hier wurde bestimmt die Nacheichungskontrolle nach Anlage 2 MPBetreibV vergessen. Meine schweißtriefenden Hände erreichen den Seifenspender – ist der überhaupt nach Gefahrstoffverordnung ZH 1/6708 zulässig?
Voller dunkler Vorahnung reiße ich die Türen der Hängeschränke auf. Um Himmels willen! Der Glucometer! Sicher nicht eingetragen im Medizinproduktebuch nach MPG BGBl. I S. 1963! Und erst die Rili-BÄK*! Bestimmt wurde der Glucometer nicht gerilibäkt! Für das elektronische Fieberthermometer wurde das Fehlergrenzenprotokoll versiebt!
Mein Blutdruck bricht zusammen, mir wird schwarz vor Augen.
„Herr Doktor, wenn Ihnen heute nicht gut ist, komme ich morgen wieder. Ist ja nur eine Blutsenkung.“
Was für ein Glück, dass wenigstens meine Patienten noch Verständnis für mich haben. Dr. med. Thomas Böhmeke

*Richtlinien der Bundesärztekammer zur Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien
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