85 Artikel im Heft, Seite 44 von 85

BÜCHER

Lehrbuch Vorklinik

Dtsch Arztebl 2003; 100(39): A-2502

Schmidt, Robert F.; Unsicker, Klaus

Vorklinik: Mutiger Schritt
Robert F. Schmidt, Klaus Unsicker: Lehrbuch Vorklinik. Integrierte Darstellung in vier Teilen. Teil A: Anatomie, Biochemie und Physiologie der Zelle, Teil B: Anatomie, Biochemie und Physiologie des Nervensystems und des Bewegungsapparates, Teil C: Anatomie, Biochemie und Physiologie der vegetativen Organsysteme, Teil D: Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln, 2003, 2397 Seiten, 1325 Abbildungen, 236 Tabellen, gebunden, 4 Bände im Schuber, 21 × 29,7 cm, 199 €
Die Autoren haben den mutigen Versuch unternommen, die verschiedenen Fächer des vorklinischen Medizinstudiums integriert darzustellen. Allein der Versuch ist in hohem Maß anerkennenswert. Auch in der Forschung werden zurzeit die überlieferten Fächergrenzen immer mehr aufgehoben. Betrachtet man die neue Approbationsordnung für Ärzte, so ist jetzt in der Tat ein fächerübergreifender Unterricht vorgesehen. Mehr noch, der naturwissenschaftlich orientierte vorklinische Stoff soll in Zukunft stärker mit klinischen Bezügen versehen werden.
Es stellt sich die Frage, ob dies alles von den Lehrenden, vor allem aber von den Studierenden überhaupt zu bewältigen ist? Gerade in den Grundlagendisziplinen Biochemie, Physiologie und Anatomie ist eine enorme Wissensexplosion zu verzeichnen. Erschauert der angehende Medizinstudent nicht schon beim Anblick einer solchen Wissensfülle in vier dicken Bänden allein für die vorklinische Ausbildung? Ob sich die an Organen und Systemen orientierte integrierte Darstellung als hilfreich erweisen wird, muss sich in der Praxis zeigen und wird auch davon abhängen, inwieweit die einzelnen Hochschulen der Forderung nach integriertem Unterricht tatsächlich nachkommen. Möglicherweise ist das neue Lehrbuch seiner Zeit voraus – vielleicht gerade dort, wo der Anspruch einer integrierten Darstellung tatsächlich eingelöst wird. Viele Kapitel sind freilich modernisierte Fassungen der klassischen Fachdarstellungen (so etwa die Behandlung des Bewegungsapparates). Gelungene Beispiele für die Integration sind dagegen die zellbiologischen Kapitel des ersten Bandes, in denen moderne biologische Grundlagen vermittelt werden, die im klassischen Fächerkanon so bisher schwer zu finden waren.
Natürlich wollte jeder einzelne Autor sein Bestes geben und neben der Schilderung moderner Forschungsergebnisse auch den klinischen Bezug herstellen. Als Motivationshilfe dienen die Fallbeispiele zu Beginn der Kapitel und die eingestreuten „Boxen“. Substanzielle Information ließe sich jedoch gelegentlich besser im Haupttext oder in einer etwas ausführlicheren Darstellung wirklich häufiger Krankheitsbilder vermitteln. Ebenso stellen die kurzen Ausblicke am Ende jedes Kapitels eine Chance dar, die Studierenden tatsächlich an die moderne biomedizinische Entwicklung heranzuführen. Hier ist es mit dem allgemeinen Hinweis auf die Wichtigkeit eines molekularen oder zellulären Verständnisses von Krankheiten nicht getan.
Insgesamt ist der Versuch einer integrativen Betrachtung als gelungen anzusehen. Aber man bezahlt natürlich einen Preis. Die Systematik der vorklinischen Disziplinen – und damit auch ein bewährtes didaktisches Konzept – geht verloren. Es kommt zu Unausgewogenheiten zwischen einzelnen Kapiteln und zu Wiederholungen. Wenn man ein fächerübergreifendes Lehrbuch will, muss man mit diesen Problemen wohl leben. Die Zukunft wird zeigen, ob mit diesem neuen didaktischen Konzept tatsächlich die Ausbildungsqualität verbessert werden kann.
Michael Frotscher
Andreas Draguhn
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