THEMEN DER ZEIT

Lebenserwartung: Der Mythos vom Rotwein

Dtsch Arztebl 2003; 100(42): A-2706 / B-2260 / C-2120

Kröger, Knut

Der Autor hält den Grundsatz der „Ordnungstherapie“ in epidemiologischen Studien für unterbewertet.

Studien zeigen, dass in allen europäischen Ländern eine nahezu lineare Korrelation zwischen der Aufnahme tierischer Fette und der koronaren Sterblichkeit besteht und nur Frankreich und weniger deutlich auch die Schweiz eine Ausnahme bildeten (1). Dieser Befund führte zu dem Begriff des „French Paradox“. In Untersuchungen, bei denen diese Assoziation zwischen Aufnahme tierischer Fette und der koronaren Sterblichkeit um die täglich konsumierte Weinmenge korrigiert wurde, reihten sich sowohl die Schweiz als auch Frankreich in die Reihe aller europäischen Länder ein (2). Basierend auf dieser Kenntnis, wurde dem Rotwein eine lebensverlängernde Wirkung nachgesagt.
In vielen weiteren epidemiologischen Studien werden dem Getränk noch andere positive Wirkungen zugeschrieben. Eine spanische Studie an etwa 4 000 Mitarbeitern an fünf Universitäten ergab, dass Personen, die regelmäßig ein bis sieben Einheiten Rotwein pro Woche zu sich nahmen, signifikant weniger Erkältungskrankheiten hatten als der Durchschnitt – und zwar 0,4 Erkältungskrankheiten pro Jahr im Vergleich zu 1,35 (3). In einer Kopenhagener Fall-Kontroll-Studie an 1 700 Menschen wurde auch das Auftreten
einer Demenz analysiert. Im Vergleich zum Nichttrinker reduzierte wöchentlicher Weingenuss das Risiko einer Demenz um mehr als die Hälfte (Odds Ratio 0,33 im Vergleich zu eins bei Nichtweintrinkern) (4). Eine ebenfalls aus Kopenhagen stammende Studie zeigte, dass Weintrinken das Risiko einer traumatischen Hüftfraktur mit einer Odds Ratio von 0,77 deutlich unter das Risiko von eins bei Nichttrinkern senkt (5).
Dass es nur der Konsum von Rotwein ist, der mit einer längeren Lebenserwartung einhergeht, ist nicht belegt. Eine Studie an 38 000 Mitarbeitern des amerikanischen Gesundheitssystems zeigte, dass der Konsum von Bier und anderen Spirituosen – nicht aber von Wein – das Infarktrisiko senkte (6). Betont wurde in dieser Studie, dass Bier und Spirituosen in dieser Population die am häufigsten konsumierten alkoholischen Getränke waren. Eine Studie aus Shanghai wiederum beschrieb für Reisweintrinker eine geringere koronare Mortalität (7).
Die Theorien, dass bestimmte Inhaltsstoffe des Rotweins wie Flavonoide, Polyphenole oder das Resveratrol die lebensverlängernde Wirkung des Rotweins erklären, sind nicht haltbar, da solche Stoffe im Bier oder Reiswein nicht in vergleichbaren Mengen vorhanden sind. Trotzdem lassen sich mit der Rotweintheorie noch gute Geschäfte machen. So werden in der Apotheke Rotweinlutschtabletten verkauft mit der Empfehlung, dreimal täglich zum Essen eine Tablette zu lutschen. Allein diese auf der Packung empfohlene Anweisung sollte solche Produkte fragwürdig erscheinen lassen, denn Rotwein zum Frühstück war nie Gegenstand einer Studie, und das Lutschen einer Tablette zum Essen ist technisch nicht möglich.
Keine substanzspezifische Erklärung
Da es bis heute keine substanzspezifischen Erklärung für den lebensverlängernden Effekt verschiedener alkoholhaltiger Getränke in verschiedenen Kulturkreisen gibt, werden immer wieder die Lebensumstände als zusätzliche Einflussfaktoren diskutiert. So gibt es Studien, die belegen, dass Weintrinker eher mediterrane Kost essen und sich daher gesünder ernähren als Biertrinker (8). Andere Studien beschreiben für Weintrinker einen höheren Bildungsgrad im Vergleich mit Biertrinkern. Doch allen diesen Erklärungsversuchen fehlt der gemeinsame Ansatz, um die divergierenden Ergebnisse der einzelnen Studien zu verschiedenen alkoholischen Getränken allgemeingültig interpretieren zu können.
Leben in geordneten Bahnen
Als gemeinsame Aussage aller Studien bleibt nur, dass der regelmäßige Alkoholgenuss in kleinen Mengen positive Effekte hat. Dabei wird eine Mengeneinheit mit 10 bis 12 g Alkohol definiert. Innerhalb der verschiedenen Populationen wurde aber immer nur für das in dieser Gesellschaft anerkannte Genussgetränk ein positiver Effekt nachgewiesen.
Um etwas über Jahre hinweg in kleinen Mengen regelmäßig zu tun, muss man in geordneten Bahnen leben. Etwas in kleinen Mengen regelmäßig tun geht mit Stressreduktion einher und ist der Grundsatz der Ordnungstherapie. Die Ordnungstherapie ist eine Therapieform der Naturheilkunde, wie sie schon von dem Schweizer Arzt Maximilian Bircher-Benner (9) und auch Sebastian Kneipp beschrieben wurde (10). Der Mensch muss auf seine eigene innere Uhr Rücksicht nehmen und die Phasen von Arbeit und Freizeit, Schlafen und Wachen in einem naturgemäßen Rhythmus halten. Bircher-Benner war überzeugt: Wer die Ordnungsgesetze befolgt, wird auch eine gesunde Seele haben und seine Gemütszustände beherrschen.
Diese Ordnungstherapie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz mit dem Ziel der Stressreduktion und empfiehlt ein zeitlich geordnetes Leben mit dosierter physischer und psychischer Belastung. Wichtig hierbei ist die gleichzeitige Integration in der jeweiligen Gesellschaft. Menschen mit dieser Lebensweise, egal ob sie sich aktiv dafür entschieden haben oder ob sie diese Lebensweise zufällig führen, werden alt. Dies gilt zum Beispiel auch für Teetrinker (11) oder Kirchgänger (12) oder die mit 101 Jahren verstorbene englische Königinmutter, die regelmäßig ein Glas Gin zum Abend trank.
Weil man mit dem Alkoholgenuss nicht die Lebensweise verordnen kann, wird ein Alkoholgenuss bis heute in keinen Leitlinien zur Prophylaxe beziehungsweise Therapie der Atherosklerose empfohlen. Bevor man nicht Instrumente findet, mit denen man die kovariante Lebensführung in epidemiologischen Studien zur positiven Wirkung des mäßigen Alkoholgenusses definieren kann, sind prospektive Studien nicht indiziert. Priv.-Doz. Dr. med. Knut Kröger

Literatur
1. De Lorgeril M, Sälen P, Marin JL, Boucher F, Paillard F, de Leiris J: Wine drinking and risks of cardiovascular complications aftere recent acute myocardial infarction. Circulation 2002; 106: 1465–1469.
2. Renaud SG, Beswick AD, Fehily AM, Sharps DS, EIwood PC: Alcohol and platelet aggregation. Am J Clin Nutr 1992; 55: 1012–1017.
3. Takkouche B, Regueira-Mendez C, Garcia-Closas R, Figueiras A, Gestal-Otero JJ: Intake of wine, beer and spirits and the risk of clinical common cold. Am J Epidemiol 2002;155: 853–858.
4. Truelsen T, Thudium D, Grönbäk M: Amount and type of alcohol and risk of dementia. Neurology 2002; 59: 1313–1319.
5. Hoidrup S, Gronbaek M, Gottschau A, Lauritzen JB, Schroll M: Alcohol intake, beverage preference, and risk of hip fracture in men and women. Copenhagen Centre for Prospective Population Studies. Am J Epidemiol 1999 Jun 1; 149 (11): 993–1001.
6. Mukamal K, Conigrave KM, Mittleman MA, Camargo CA, Stampfer MJ, Willet WC, Rimm EB: Roles of drinking pattern and type of alcohol consumed in coronary heart disease in men. N Engl J Med 2003; 348: 109–118.
7. Yuan JM, ROSS RK, Gao YT, Henderson BE, Yu MC: Follow up study of moderate alcohol intake and mortality among middle aged men in shanghai, China. BMJ 1997; 314: 18–23.
8. Tjönneland A, Grönbäk M, Stripp C, Overvad K: Wine intake and diet in a random sample of 48763 Danish men and women. Am J Clin Nutr 1999; 69: 49–54.
9. Bircher-Benner M: Ordnungsgesetze des Lebens als Wegweiser zur echten Gesundheit. Bad Homburg 1984.
10. Kneipp S: Codizill zu meinem Testamente für Gesunde und Kranke. München 1928; 282.
11. SoRelle R: Tea for all? Circulation 2002; 105: E9109–9110.
12. Powell LH, Shahabi L, Thoresen CE: Religion and spirituality. Linkages to physical health. Am Psychol 2003; 58: 36–52.
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