THEMEN DER ZEIT

Obacht, Mietmaul!

PP 2, Ausgabe November 2003, Seite 501

Rieser, Sabine

Er sei nicht gegen die Pharmaindustrie und nicht gegen moderne Medizin, beteuert Jörg Blech. Gleichwohl schreibt er in „Die Krankheitserfinder“ angriffslustig: „Um das enorme Wachstum der früheren Jahre beibehalten zu können, muss die Gesundheitsindustrie immer häufiger Menschen medizinisch traktieren, die gesund sind. Global agierende Pharmakonzerne und international vernetzte Ärzteverbände definieren unsere Gesundheit neu: Natürliche Wechselfälle des Lebens und normale Verhaltensweisen werden systematisch als krankhaft umgedeutet. Pharmazeutische Unternehmen sponsern die Erfindung ganz neuer Krankheitsbilder und schaffen ihren Produkten auf diese Weise neue Märkte.“ Als Beispiele führt Blech unter anderem die Vorgaben zum „normalen“ Cholesterinspiegel und zum „ungefährlichen“ Blutdruck an, Info-Kampagnen zu Osteoporose oder die Ausweitung psychiatrischer Diagnosen. Auf anschauliche Weise beschreibt er, was er auf jeden Fall in der Summe für unlauter und gefährlich hält: dass Medizinjournalisten auf der Suche nach einer neuen Geschichte den Wahrheitsgehalt von Pressemitteilungen nicht kritisch prüfen oder das Bedrohungspotenzial bestimmter Krankheiten aufbauschen, um ihre Berichte besonders wichtig erscheinen zu lassen. Dass angesehene Ärzte auf PR-Veranstaltungen gegen Honorar das „Mietmaul“ geben und Werbung für Arzneimittel machen. Dass Pharmafirmen Kinderbücher auf den Markt bringen oder Selbsthilfegruppen sponsern und so teilweise dazu beitragen, dass Diagnosen und die entsprechenden Medikamente ein Stück alltäglicher werden.
Die Gründe seien Profitstreben, hehre Motive von Experten oder Patientengruppen, die zuweilen ausgenutzt werden, und fehlende Erfolge im Großen: „Wo Therapien gegen Geißeln wie Krebs fehlschlagen, wo Siege über Seuchen wie Aids ausbleiben, wo lukrative Pharmapatente ablaufen, wo wütende Forschungsanstrengungen keine Durchbrüche bringen, da wenden Mediziner und Pharmaforscher sich den Gesunden zu.“ Über manche Verallgemeinerung und Verkürzung kann man streiten. Doch Blech beschreibt, was auch vielen Ärzten missfällt. Das belegt die Resonanz: Auf einen auszugsweisen Abdruck im „Spiegel“ bekam der Journalist rund 370 meist zustimmende Leserbriefe – sehr viele von Medizinern. Rie
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