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KUNST + PSYCHE

Thomas Huber: Größenfantasie beflügelt

PP 2, Ausgabe November 2003, Seite 528

Kraft, Hartmut

Wer ein Gedicht oder einen Roman schreibt, ein Bild malt oder ein Lied komponiert, tut dies vor dem Hintergrund einer unüberschaubaren Fülle vergleichbarer Gedichte, Romane, Bilder und Lieder. Wer dieses Umfeld bewusst wahrnimmt, kann schnell mutlos werden. Die idealtypische Vorstellung wäre zwar, dass ein Künstler oder Wissenschaftler alle infrage kommenden Vorbilder und Vorläufer zur Kenntnis nimmt, sie durcharbeitet, um schließlich seinen eigenen Beitrag hinzuzufügen – die Beobachtung kreativer Prozesse zeigt jedoch andere Verläufe: Vorläufer und Konkurrenten werden oft im großen Sprung überflogen.
Die Größenfantasien können mehr oder weniger selbstkritisch gefärbt sein. Sie reichen von Arthur Schopenhauers Ausspruch: „Bescheidenheit bei mittelmäßigen Fähigkeiten ist bloße Ehrlichkeit; bei großen Talenten ist sie Heuchelei“, bis zur Aussage von Friedrich Schiller während seiner Arbeit am „Wallenstein“: „Ohne einen gewissen kühnen Glauben an mich selbst würde ich schwerlich fortfahren können!“
Größenfantasien können Hilfen sein, um sich überhaupt an die Arbeit zu
machen. Wer zu Beginn eines großen Projektes alle Schwierigkeiten vor Augen hätte, die er zu bewältigen haben wird, könnte aufgeben, bevor er begonnen hat – derjenige mit Größenfantasien jedoch fliegt darüber hinweg.
In der psychologischen Literatur zu Kunst und Kreativität führen Größen-fantasien auffälligerweise ein Schattendasein. Thomas Huber hat dieser Lücke zahlreiche unübersehbare Arbeiten entgegengesetzt. Abgesehen von Bildern, Zeichnungen und Skulpturen existiert ein computergestütztes Videoprojekt zu einer von ihm allein entworfenen Stadt „Huberville“. Sie könnte von dem hier gezeigten Magier, Baumeister oder vielleicht auch „Fürstbischof“ gestaltet sein. Rundum Augen, um alles zu sehen und zu kontrollieren, viele geöffnete Münder, um Anweisungen nach allen Richtungen zu geben, und an jeder Hand neun Finger, um mehr als andere zupacken zu können. Hartmut Kraft


Biografie Thomas Huber
Geboren 1955 in Zürich. 1977 bis 1978 Kunstgewerbeschule Basel. 1979 Royal College of Art London. 1980 bis 1983 Staatliche Kunstakademie Düsseldorf bei Fritz Schwegler. 1992 bis 1999 Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. 1999 bis 2001 Neugestaltung des Kunstmuseums Düsseldorf (zusammen mit
B. Ecker). Lebt in Mettmann.

Literatur
Huber Th: Der Duft des Geldes. Kunsthaus Zürich und andere. Darmstadt: Verlag J. Häusser, 1992.
Huber Th: Glockenläuten. Palais des Beaux-Arts und andere. Brüssel: Ausstellungskatalog, 2000.
Kraft H: Größenphantasie und Kreativität. Köln:
Salon Verlag, 1999.
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