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MEDIZIN

Medizingeschichte(n): Epilepsie – Heilige Krankheit

Dtsch Arztebl 2004; 101(1-2): A-43 / B-38 / C-38

Schott, H.

Zitat: „Mit der sogenannten heiligen Krankheit verhält es sich folgendermaßen: sie ist nach meiner Ansicht keineswegs göttlicher oder heiliger als die anderen, sondern wie die anderen Krankheiten so hat auch sie eine natürliche Ursache, aus der sie entsteht [...]. Ich meine nun: diejenigen, die zuerst die Krankheit für heilig erklärt haben, waren Menschen, wie sie auch jetzt noch als Zauberer, Entsühner, Bettelpriester und Schwindler herumlaufen und beanspruchen, äußerst gottesfürchtig zu sein und mehr als andere zu wissen. Diese Menschen nahmen die göttliche Macht als Deckmantel ihrer Ratlosigkeit, weil sie nicht wußten, wie sie den Kranken helfen sollten; und damit ihre Unwissenheit nicht offenbar würde, brachten sie auf, daß diese Krankheit heilig sei [...].
Schuld an diesem Leiden ist das Gehirn, wie auch an den wichtigsten Krankheiten sonst [...]. Wenn der Abfluß [des Schleims vom Gehirn] seinen Weg zum Herzen nimmt, ergreift den Kranken Herzklopfen und Atemnot, er wird engbrüstig, manche werden sogar bucklig. Denn wenn der kalte Schleim zur Lunge und zum Herzen kommt, wird das Blut abgekühlt, die Adern, die mit Gewalt abgekühlt werden, schlagen gegen die Lunge und das Herz klopft, so daß aus diesem Grund Asthma und Atemnot eintritt. Denn der Kranke kann nicht so viel Luft einatmen, wie er will, bis der Zufluß des Schleims bewältigt und in erwärmtem Zustand in die Adern verteilt ist.
Dann hört das Herzklopfen und die Atemnot auf, und zwar je nach der Menge des Zuflußes, wenn mehr von oben zufließt, langsamer, wenn weniger, schneller, und wenn die Zuflüße häufiger eintreten, erfolgen auch die Anfälle häufiger. Das leidet der Kranke, wenn der Schleim zur Lunge und zum Herzen geht. Wenn er aber in den Bauch geht, befällt ihn Durchfall.
Wenn der Schleim von diesen Wegen abgeschnitten wird und seinen Abfluß in die [...] Adern nimmt, verliert der Kranke die Sprache und leidet unter Erstickungsanfällen, Schaum fließt ihm aus dem Munde, die Zähne schlagen aufeinander, die Hände krampfen sich zusammen, er verdreht die Augen und verliert das Bewusstsein. Bei manchen geht auch Kot nach unten ab [...].
Wenn der Schleimfluß stark und dick ist, wirkt er unmittelbar tödlich. Denn er überwältigt das Blut durch seine Kälte und läßt es erstarren. Wenn er aber schwächer ist, benimmt er zwar dem Kranken den Atem und überwältigt ihn für den Augenblick, wenn er sich aber im Lauf der Zeit in den Adern verteilt und mit dem vielen warmen Blut vermischt hat und auf diese Weise überwältigt ist, dann nehmen die Adern die Luft wieder auf, und der Kranke kommt wieder zum Bewusstsein.“

Hippokratische Schrift (Anfang 4. Jh. v. Chr.): Die Heilige Krankheit. In: Hippokrates: Schriften. Hans Diller eds.: Hamburg, 1962; S. 134 beziehungsweise 140. – Diese nicht von Hippokrates selbst verfasste Schrift schildert die „Epilepsie“ (von griech. epilambáno = überraschen, befallen) im Sinne der antiken Säftelehre (Humoralpathologie) als natürliches Anfallsleiden.

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