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BÜCHER

Die Leidenschaft des Jägers

PP 3, Ausgabe Januar 2004, Seite 2

Parin, Paul

Erzählungen
Sehnsüchte oder Erinnerungen
Paul Parin: Die Leidenschaft des Jägers. Erzählungen. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg, 2003, 220 Seiten, gebunden, 19,90 €
Von der Jagd als Bühne ungehemmter Leidenschaften, von ihrer verführerischen Rolle als Agentin brennender sexueller Begierde und tobender Lust zu töten, künden Paul Parins fesselnde Erzählungen. Und die anfängliche Frage des Lesers, was ihn die Jagd eigentlich angehe, wird zur unheimlichen Begegnung, verwandelt sich in ein staunendes Déjà-vu-Erlebnis, ist doch die Leidenschaft des Jägers, von der Paul Parin nüchtern und mitreißend zugleich erzählt, ein Spiegel vertrauter Begierden, und vielleicht neidet er schließlich sogar dem Erzähler seine sinnliche Liebesbeziehung zur Jagd.
Man meint zu wissen, warum die Jagdgottheiten der Antike verführerisch schöne Frauen waren. „Kalliste“, die Schönste, lautete der Beiname der Artemis, der zu Ehren Mädchen sich mit Phallen schmückten. Und diese Fährte führt zurück zu einer großen Muttergöttin, deren Omnipotenz sich nicht zuletzt darin zeigte, dass sie an keine geschlechtlichen Grenzen gebunden war. Darum drehen sich auch die Geschichten von Paul Parin, die von unbezähmbaren Leidenschaften, die sich an keine Schranken halten, erzählen. So verbinden sich der erste Samenerguss und der erste Schuss auf den Haselhahn oder auch die Schmach körperlicher Züchtigung, Trost und die Lockungen gleichgeschlechtlicher Liebe; da geht es um die Rollen im Liebesspiel, ob aktiv oder passiv, um Mordlust und das fieberhafte sexuelle Delir von Kleinbürgern, das sich um eine extravagante Außenseiterin rankt, um die Jagd auf die Dorkasgazelle, suchtartige Trophäenjagd und Selbstmord, da gehören die Verführung des jugendlichen Jägers und das Erlegen des ersten starken Bocks zusammen.
Meisterhaft versteht sich Paul Parin auf das Zusammenspiel von Erinnerung und Fiktion, und es macht einen nicht geringen Reiz dieses Buches aus, dass sich der Leser nie sicher sein kann, ob und wann er es in den Geschichten mit Erlebtem oder Dichtung, mit unerfüllten Sehnsüchten oder wunscherfüllenden Erinnerungen zu tun hat.
„Licence for Sex and Crime“ ist die Jagd, schreibt Parin, in ihr offenbare sich nicht der archaische Mensch, sondern der Mensch der jeweiligen Kultur, der in seiner Sozialisation „den verbotenen Genuss des Verbrechens, von Grausamkeit und Mord und die Lust ungehemmter Sexualität übernommen“ hat.
Warum nun eine Besprechung dieses Erzählbandes an einer Stelle, die sonst der Fachliteratur vorbehalten bleibt? In diesem jüngsten Buch des Neurologen und Psychoanalytikers Paul Parin verbindet sich Erzählkunst und Psychoanalyse, die als solche nicht mehr zu erkennen ist, weil sie ganz selbstverständlich in der Erzählung aufgeht. In ihrer Laudatio für den Erich-Fried-Preis beschrieb Christa Wolf den Kampf für bessere Verhältnisse, sei es als Arzt bei den jugoslawischen Partisanen, als Psychoanalytiker in Zürich und als Ethnopsychoanalytiker in Afrika, als den „praktisch harten Kern von Parins Utopie“. Letztlich ist das Buch eine ungewöhnlich schöne und unbeschwerte Weise, der Psychoanalyse näher zu kommen. Wer dann „seinen“ Freud, die Verschränkung von Triebtheorie und Objektbeziehungstheorie, die sozialpsychologische Bedeutung der Psychoanalyse immer noch nicht versteht, dem ist wahrscheinlich nicht zu helfen. Christian Maier
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