THEMEN DER ZEIT

Ethikausschuss im Deutschen Ärztinnenbund: Legalisierung aktiver Sterbehilfe auch in Deutschland?

Dtsch Arztebl 2004; 101(7): A-402 / B-340 / C-333

Nolte, Renate; Benz, Gisela; Bois, Gabriele du; Frank, Claudia; Perl, Friederike; Spatz-Zoellner, Erla; Stutte, Hilde

Eine Umfrage ermittelte die persönliche Einstellung der Ärztinnen zur aktiven Sterbehilfe.

Durch die in den Niederlanden und in Belgien verabschiedeten Gesetze zur aktiven Sterbehilfe wurde auch in Deutschland die Diskussion über dieses Thema erneut in Gang gesetzt (1). Von der Bevölkerung wird eine gesetzliche Regelung der aktiven Sterbehilfe mehrheitlich gewünscht (2). Vom Weltärztebund, von der Bundesärztekammer (3), den Delegierten des Deutschen Ärztetages in Köln 2003 (4) sowie in Stellungnahmen von Kirchen und karitativen Verbänden (5, 6, 7) wird sie dagegen abgelehnt. Eine Umfrage des Ethikausschusses des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB) ermittelte die persönliche Einstellung der Ärztinnen zur Legalisierung der aktiven Sterbehilfe. 224 Fragebögen (Rücklaufquote 50 Prozent) wurden ausgewertet.
58 Ärztinnen (26 Prozent) bejahten die Frage „Wurde Ihnen von Ihren Patient/innen jemals die Frage nach aktiver Sterbehilfe angetragen?“. In jedem vierten Fall wurden starke Schmerzen angegeben. Unter den Diagnosen der beschriebenen Patient/innen mit Sterbewunsch wurden maligne Tumoren am häufigsten angegeben – ähnlich wie in einer kürzlich veröffentlichten europäischen Studie (9). Möglicherweise mitbedingt durch die fachliche Zusammensetzung der Ärztinnen, handelte
es sich vorwiegend um gynäkologische Karzinome. Nächsthäufig waren internistische Krankheiten. An dritter Stelle rangierten neurologisch-psychiatrische Krankheiten – letztere häufiger als in einer europäischen Übersichtsarbeit genannt (10). Zum sozialen Umfeld der Sterbehilfe Wünschenden: 74 Prozent der Fälle betrafen allein stehende Frauen, entweder verwitwet, geschieden oder ledig. 21 Prozent versorgten sich selbst ohne Hilfe. 31 Prozent wurden extern voll- beziehungsweise teilversorgt, 44 Prozent durch Angehörige mitbetreut. 72 Prozent der Patient/innen lebten in der eigenen Wohnung, 28 Prozent im betreuten Wohn- oder im Pflegeheim, darunter zwei im Krankenhaus.
Ausbau von Hospizdiensten
Die meisten Ärztinnen sind mit den palliativmedizinischen Versorgungsmöglichkeiten sowie der Hospizversorgung unzufrieden. Um diese Situation zu verbessern, wird der Ausbau bestehender stationärer und ambulanter Hospizdienste und deren Vernetzung mit Sozialstationen in Städten und ländlichen Gemeinden angeregt (n = 28). Statt Krankenhausbetten stillzulegen, sollten sie zu Palliativstationen umfunktioniert werden (n = 7). Außerdem werden unter anderem eine Verbesserung der Weiter- und Fortbildungsangebote (n = 18) und eine Einbeziehung von Ärztekammern und Krankenkassen, zum Beispiel durch öffentliche, gemeinsame Informationsveranstaltungen regelmäßig zu versendende Adressenlisten von Hospizdiensten, gefordert (n = 11).
Wenn man die öffentliche Diskussion um die Legalisierung aktiver Sterbehilfe in Deutschland verfolgt, sind zwei konträre Positionen festzustellen. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung befürworten eine Legalisierung. Nur jeder Sechste würde jedoch aktive Sterbehilfe für sich in Anspruch nehmen (8). Im Gegensatz dazu wird aktive Sterbehilfe von der Ärzteschaft abgelehnt. Die Umfrage sollte aufzeigen, wie häufig Ärztinnen tatsächlich mit dem Wunsch nach Sterbehilfe konfrontiert werden.
Die von der Mehrheit der Ärztinnen uneingeschränkte Ablehnung einer Legalisierung aktiver Sterbehilfe (64 Prozent) ist etwas geringer als in der Gesamtärzteschaft (73 Prozent). Demgegenüber lehnen palliativmedizinisch geschulte Ärzte und Ärztinnen zu 90 Prozent eine Legalisierung ab (10). 21 Prozent der Befürworterinnen knüpften ihre Zustimmung an strenge Voraussetzungen. Elf Prozent bejahten eine Legalisierung uneingeschränkt.
Ein wichtiges Ergebnis der Befragung ist die von mehr als zwei Dritteln geäußerte Unzufriedenheit mit den regionalen Weiter- und Fortbildungsangeboten. Sie spiegelt sich auch in der Einschätzung der eigenen Kenntnisse in der Palliativmedizin wider. 41 Prozent gaben geringe oder unzureichende Kenntnisse an. Dies weist auf dringenden Handlungsbedarf der ärztlichen Berufsorganisationen hin. Unzufriedenheit mit der Versorgungslage und Weiterbildungsangeboten zu Palliativmedizin und Mangel an ambulanter wie stationärer Hospizbetreuung wurden von fast der Hälfte der Befragten geäußert. Die in den Kommentaren dazu angeregten Verbesserungsvorschläge umfassen strukturelle und inhaltliche Entwicklungsmöglichkeiten, wie sie auch auf dem Deutschen Ärztetag 2003 bereits teilweise beschlossen wurden. Erfreulicherweise wurde inzwischen mit der Novellierung der (Muster-)Weiterbildungsordnung und der Einführung der Zusatzweiterbildung „Palliativmedizin“ die Qualifikation für diesen Fachbereich deutlich gestärkt.
Prof. Dr. Renate Nolte, Dr. Gisela Benz
Dr. Gabriele du Bois, Priv.-Doz. Dr. Claudia Frank
Dr. Friederike Perl, Dr. Erla Spatz-Zoellner
Dr. Hilde Stutte

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das im Internet unter www.aerzteblatt.de/lit0704 abrufbar ist.

Anschrift für die Verfasserinnen:
Prof. Dr. med. Renate Nolte
Hennentalweg 25
72070 Tübingen
E-Mail: renate.nolte@uni-tuebingen.de
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1.
Lebensbeendigung auf Verlangen - Gesetze in Belgien und den Niederlanden. Dr. Hilde Stutte, „Ärztin“ 2 Mai 2003.
2.
"Mehrheit für aktive Sterbehilfe".Allensbacher Berichte 2001 ,Nr.9
3.
Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung.Dtsch. Ärzteblatt, 95, Heft 39, 25. 9. 1998. VOLLTEXT
4.
"Eine Alternative zur aktiven Euthanasie".Gisela Klinkhammer, Dtsch.Ärzteblatt, 100 Heft 22, 30.5.2003;A-1484 . VOLLTEXT
5.
Sterbebegleitung und Sterbehilfe. Kundgebung der 9.Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland 8.11.2002 www.ekd.de.
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Stellungnahme des Vorsitzenden der dtsch. Bischofskonferenz Kardinal Lehmann zur Legalisierung der aktiven Sterbehilfe in den Niederlanden. Pressemitteilung der.dtsch.Bischofskonferenz . 11.4.2001
7.
Palliativmedizin und Hospizarbeit: Alternative zur aktiven Sterbehilfe Emnidumfrage 2000. Deutsch Hospizstiftung, www.hospize.de/texte/emnid
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Ärztliche Sterbehilfe imSpannungsfeld zwischen Zustimmung zur Freigabe und persönlicher Inanspruchnahme -Ergebnisse einer repräsentativen Befragung der deutschen Bevölkerung. .Chr. Schröder, der;G. Schmutzer; A.Klaiberg;Elmar Brähler. Psychother.Psych Med 2003:53:334-343.
9.
Euthanasia and physician-assisted suicide:a view from an EAPC Task Force. L:J:Materstvedt; D.Clark; J.Ellershaw; R.Forde;A.M.Boeck Gravgaard; H.Chr. Müller-Busch;J.P Sales; and Ch.H.Rapin. Palliative Medicine 2003;17:97-101. MEDLINE
10.
End-of-life decision-making in six European countries:descriptive study. A.van der Heide; L.Deliens; K.Faisst; T.Nilstun; M.Norhup; E.Paci; G.van der Wal; P.van der Maas on behalf of the EURELD consortium. The Lancet;June 17,2003 MEDLINE
11.
Euthanasie bei unerträglichem Leid? Eine Studie d.dtsch.Ges. f. Palliativmedizin zum Thema Sterbehilfe im Jahre 2002.H.Chr. Müller-Busch.; E. Klaschik; F.S.Oduncu; Th.Schindler;S.Woskanjan. (in Vorbereitung.)
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"Palliativmedizinische Versorgung in Deutachland"Dr.Ursula Auerswald, Vizepräsidentin der BÄK. Dtsch. Ärztetag, Köln 2003 www.bundesaerztekammer.de/3Q/Aerztetag/106-DAET/24 Referate/Palliati vmedizin.html
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