MEDIZIN: Editorial

Alter, Altern und Bewegung

Dtsch Arztebl 2004; 101(12): A-788 / B-651 / C-635

Löllgen, Herbert

Die aktuelle sozialpolitische Diskussion dreht sich zurzeit oftmals um das Alter. Die Zunahme älterer Menschen mit einer Umkehr der Alterspyramide bestimmt die Planungen der sozialen Sicherungssysteme. Rund 20 Millionen Deutsche werden im Jahr 2004 über 60 Jahre alt sein. Die Lebenserwartung nimmt zu, ältere Menschen sind in der Regel biologisch jünger als in früheren Zeiten (6), viele sind bis ins höhere Alter in vielerlei Hinsicht aktiv. Voraussetzungen sind geistige und körperliche Fitness. Hierunter versteht man in diesem Zusammenhang die geistigen und körperlichen Voraussetzungen, um den Anforderungen des täglichen Lebens gewachsen zu sein (3).
Maßnahmen zur Verzögerung des Alterungssprozesses sind verschiedene medizinische und pseudomedizinische Verfahren, die gerne als „Anti-Aging“ bezeichnet werden. Dabei kann man das chronologische Altern nicht aufhalten, wohl aber die biologischen Alterungsvorgänge. Hierbei haben aber bisher alle Pillen, Hormone, Sauerstoffgaben und orthomolekulare Verfahren versagt: Diese können die funktionelle Alterung nicht aufhalten. Der Wunsch, statt aktiver Bewegung oder manchmal auch anstrengender, schweißtreibender Aktivitäten, nur eine Pille zu schlucken, um gesund zu bleiben und alt zu werden, ist für viele ein Traum. Die in der Diskussion befindliche „polypill“, in der Acetylsalicylsäure, ein Statin, Folsäure und drei Antihypertensiva kombiniert werden, verstärkt diesen Wunsch. Es ist verlockend, am Morgen eine Tablette für ein langes Leben zu schlucken, dafür aber seinen Lebensstil mit begleitenden Risikofaktoren wie Übergewicht, Nikotinkonsum, Fehlernährung und Inaktivität beizubehalten.
Nachweislich vermag nur regelmäßige körperliche Aktivität den biologischen Alterungsprozess aufzuhalten (3, 5). Hieraus resultieren aktuelle Empfehlungen (25). Nur wer regelmäßig körperlich aktiv ist, kann auch im Alter aktiv seinen Interessen und Aufgaben nachgehen. Nur der körperlich aktive ältere Mensch erhält seine Lebensqualität und behält seine Selbstbestimmung über einen möglichst langen Zeitraum. Aus diesem Grund wird älteren Menschen zur regelmäßigen, möglichst täglichen Bewegung und körperlicher Aktivität geraten. Bewegung umfasst alle körperlichen Aktivitäten des täglichen Lebens wie Treppensteigen, zu Fuß Erledigungen machen, den Hund ausführen oder auch bei längeren Besorgungen auf Auto, Bus oder Bahn zu verzichten. Haus- und Gartenarbeit zählen zum Bewegungsprogramm des älteren Menschen. Wichtig erscheint, dass diese Aktivitäten als Trainingsanreiz angesehen werden. Jede Bewegung macht fit, auch kleinere Übungseinheiten während des Tages summieren sich. Alltagsbelastungen sollen bewusst als Training und weniger als mühsame Bewegung verstanden werden.
Altersangepasstes Training
Zusätzlich sollte ein altersangepasstes Trainingsprogramm empfohlen werden. Die beispielsweise von Älteren bevorzugten Sportarten, wie Schwimmen, Wandern, Kegeln, Gymnastik und der so genannte Seniorensport, sind vor allem zu empfehlen. Diese Sportarten sollten drei-, viermal oder häufiger pro Woche durchgeführt werden, um einen Trainingseffekt zu erzielen (2).
Wie in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts ausführlich dargestellt (4), umfasst körperliche Aktivität neben Ausdauertraining als Basis auch dosiertes Krafttraining, Gymnastik mit Beweglichkeitsübungen und Training der lokalen Muskelausdauer (3). Entscheidend bei dieser Empfehlung und Forderung ist, dass der ältere Mensch nur durch eigene Aktivität, manchmal auch durch Änderung des Lebensstils, dazu beitragen kann, seine Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu erhalten. Dieses umfassende Trainingsprogramm, einschließlich eines anteiligen Krafttrainings, vermag auch die im Alter erhöhte Sturzneigung mit ihren Folgen deutlich zu reduzieren.
Diese Übungs- und Trainingsempfehlungen gelten mittlerweile auch für Kranke. Es ist heute ebenso evidenzbasiert belegt, dass bei Herzinsuffizienz oder chronisch obstruktiver Atemwegserkrankung regelmäßiges Üben und Trainieren unter fachkundiger Anleitung zu einer deutlichen Funktionsverbesserung führt. Inaktivität verschlechtert bei diesen und anderen Krankheiten das Befinden und fördert weitere Begleitkrankheiten wie Thrombose oder Pneumonie. Die Auswirkungen einer körperlichen Inaktivität, seit mehr als 30 Jahren bekannt, sind kürzlich noch einmal eindrucksvoll in einer Studie belegt worden (7).
Bei Herzinsuffizienz unterschiedlicher Genese und chronischer Bronchitis zählt körperliches Training inzwischen zur Basistherapie. Hier müssen nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte umlernen. Viele Ärzte empfehlen (immer noch) bei verschiedenen Krankheiten körperliche Schonung oder raten von jeglicher körperlichen Aktivität ab. Inaktivität ist auch bei Stoffwechselerkrankungen oder degenerativen Gelenkerkrankungen meist kontraindiziert und nimmt den Patienten sehr viel von ihrer Lebensqualität. Krankengymnastik und dosiertes Training sind mitunter wirksamer als viele Pharmaka.
Die sportmedizinischen Erkenntnisse haben wesentlich dazu beigetragen, körperliche Aktivität als elementaren Bestandteil des täglichen Lebens zu etablieren. Leider ist diese Feststellung noch nicht Allgemeinwissen. Risikoabschätzungen verschiedener nationaler und internationaler Gremien betonen zu sehr die Bedeutung des Fettstoffwechsels beziehungsweise die Rolle der Lipidsenker (8). Die Auswirkungen körperlicher Aktivität auf Mortalität und Morbidität, auch im Alter, sind vergleichbar mit den Wirkungen teurer Medikamente (5).
Bei den Empfehlungen zu mehr Bewegung, körperlicher Aktivität und Sport ist nicht der ältere Leistungssportler der Adressat, sondern der Mensch, der auch mit 75 oder 85 Jahren in der Lage ist, sich selbst zu versorgen und selbstständig leben zu können. Sportorganisationen und Vereine haben hier die Aufgabe, gesundheitsorientierte Sportangebote älteren Menschen anzubieten.
Mit körperlicher Aktivität kann das Leben verlängert werden (3, 5). Wichtiger aber ist es, Selbstständigkeit und Lebensqualität im Alter durch Übung, Training und Bewegung zu erhalten. Täglich ein Spaziergang zwischen 30 und 60 Minuten wäre bereits ausreichend. Wer nicht weiß, wie er anfangen oder was er seinen Patienten raten soll, kann auf die Empfehlung der Sportärzte „Bewegung und Sport: Anfangen ja, aber wie“ zurückgreifen (1).

Manuskript eingereicht: 17. 11. 2003, revidierte Fassung angenommen: 18. 11. 2003

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2004; 101: A 788–789 [Heft 12]

Literatur
1. Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention e.V. www.dgsp.de
2. Dickhuth HH, Löllgen H: Trainingsberatung für Sporttreibende. Dtsch Arztebl 1996; 93 A-1192–1198 [Heft 18].
3. Hollmann W, Hettinger Th: Sportmedizin 4. Auflage, Stuttgart: Schattauer 2000.
4. Jeschke D, Zeilhofer: Altern und körperliche Aktivität. Dtsch Arztebl 2004; 101: A 789–798 [Heft 12].
5. Löllgen H: Primärprävention kardialer Erkrankungen. Dtsch Arztebl 2003; 100: A 987–996 [Heft 15].
6. Lubitz J, Cai L, Kramarow E, Lentzner H: Health, life expectancy, and health care spending among the elderly. N Engl J Med 2003: 349; 1048–1055.
7. McGuire DK,Levine BD,Williamson JW, Blomquist G, Saltin B: A 30-year follow-up of the Dallas bed-rest study: effect of age on cardiovascular adaptation to exercise training. Circulation 2001; 104: 1358–1366.
8. Naghavi M et al.: From vulnerable plaque to vulnerable patient. Circulation 2003; 108: 1772–1778.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Herbert Löllgen
Sana-Klinkum Remscheid
Medizinische Klinik I
Burgerstraße 211, 42859 Remscheid
E-Mail: Herbert.Loellgen@gmx.de

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