

Verletzte sitzen am 11. März vor dem Bahnhof Atocha und werden behandelt.
Bei den Bombenanschlägen in verschiedenen Madrider Bahnhöfen
sind bisher 191 Menschen ums Leben gekommen.
Foto: dpa
Bei Unglücken im Ausland koordiniert NOAH die Nachsorge bei deutschen Opfern und Angehörigen. Ein bundesweites Netzwerk zur psychosozialen Notfallversorgung bei Katastrophen im Inland ist in Vorbereitung.
Madrid, 11. März 2004: Am Bahnsteig Nr. 2 hilft eine Krankenschwester unermüdlich und scheinbar ungeachtet der nebeneinander aufgereihten Leichen bei der Versorgung Schwerverletzter, bis plötzlich das Handy eines Toten zu klingeln beginnt und sie sich der Grausamkeit des Ereignisses kaum noch erwehren kann. Verzweifelte Angehörige versuchen nach den Terroranschlägen im Bahnhof Atocha den Ehemann oder Bruder zu erreichen; noch nicht wissend, dass sie ihn wenig später identifizieren, verabschieden und beerdigen müssen. – Wie kommen Hinterbliebene, Opfer, Rettungskräfte und Augenzeugen mit einem Schmerz zurecht, der brutal und unerwartet ins Leben einbricht und von einer Sekunde auf die andere alles verändert? Was brauchen Betroffene eines schweren Unglücksfalls oder Terroranschlags an psychosozialer Unterstützung und Betreuung? Dr. Jutta Helmerichs, Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz, Bad Neuenahr-Ahrweiler, brachte es beim Symposium „Psychosoziale Notfallversorgung“ in Berlin auf den Punkt: „Es geht um Menschlichkeit, Zuhören, Dasein.“
Helmerichs weiß, wovon sie spricht, denn Betroffene aus New York, Ramstein, Djerba, Eschede und Erfurt waren beratend tätig bei der Institutionalisierung einer Koordinierungsstelle zur Nachsorge, Opfer- und Angehörigenhilfe (NOAH) für Deutsche nach schweren Unglücksfällen im Ausland, die vor gut einem Jahr bei der Zentralstelle für Zivilschutz des Bundesverwaltungsamtes eingerichtet wurde. Verletzte und Hinterbliebene hatten protestiert, dass es nach dem 11. September oder den Anschlägen von Bali und Djerba keinen Ansprechpartner in Deutschland gegeben habe und sie von bürokratischen Anlaufstellen nur weitervertröstet, jedoch nicht angemessen beraten und unterstützt worden seien.
Hauptaufgabe von NOAH ist, unmittelbar nach einem so genannten Großschadensereignis in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt, das die Betreuung im Ausland sicherstellt, und den in den Bundesländern koordinierenden Stellen eine psychosoziale Betreuung der deutschen Opfer und Angehörigen nach deren Rückkehr ins Bundesgebiet aufzubauen und so lange wie erforderlich aufrechtzuerhalten. Diese Begleitung kam bisher Betroffenen des Terroranschlags in Bali, der Geiselnahmen in Algerien und im Iran und mehrerer Busunglücke im Ausland zugute. Die langfristig angelegte Unterstützung reicht von der Organisation der Reise- und Rückführungsmodalitäten für Verletzte, Angehörige und Hinterbliebene über die Begleitung der betroffenen Familien bis zur Betreuung von Hinterbliebenentreffen oder Gedenktagen.
Doch wie steht es um die psychosoziale Notfallversorgung bei „Großschadensereignissen im Inland“? Dazu erklärte Prof. Dr. Irmtraud Beerlage, Hochschule Magdeburg-Stendal (FH), Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen, auf dem 15. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V. in Berlin, dass es eine systematische Erhebung und Vernetzung des sehr heterogenen Spektrums von Angeboten, Anbietern und Strukturen im Bundesgebiet noch nicht gebe. Näherer Aufschluss wird aber von den Ergebnissen eines Forschungsprojektes im Auftrag des Bundesministeriums des Innern „Entwicklung von Standards und Empfehlungen für ein Netzwerk zur bundesweiten Strukturierung und Organisation psychosozialer Notfallversorgung“ erwartet, das unter Beerlages Leitung im kommenden Sommer abgeschlossen werden soll. Parallel dazu werden an der Universität München die Wirksamkeit einzelner Nachsorgemethoden (zum Beispiel Debriefing) und die Wirksamkeit von Anti-Stress-Trainingsprogrammen untersucht. Im Mittelpunkt der drei Forschungsprojekte stehen die Einsatzkräfte in Feuer-
wehr, Rettungsdienst und im Technischen Hilfswerk, denn zunehmend werden auch deren Belastungen nach extremen und lang andauernden Einsätzen wahrgenommen.
Notfallversorgung nicht flächendeckend sichergestellt
Bundesweit werden in den in der Gefahrenabwehr arbeitenden Organisationen immer mehr Konzepte der Einsatznachsorge erarbeitet, in der Ausbildung vermittelt und in der Praxis realisiert. Eine Expertengruppe aus Wissenschaftlern, Vertretern der Notfallseelsorge, Krisenintervention und Notfallpsychologie sowie Vertretern von Behörden und Organisationen im Katastrophenschutz, einberufen durch das Zentrum für Zivilschutz, begleitet das Magdeburger Forschungsprojekt bei der Optimierung der interdisziplinären, fachlichen Fundierung der Einsatznachsorge. Doch ist laut Beerlage die regionale Verbreitung psychosozialer Notfallversorgung noch lange nicht flächendeckend sichergestellt; die Vernetzung steckt noch in den Anfängen, es fehlen verbindliche, bundeseinheitliche oder zumindest zwischen den Ländern vergleichbare Strukturen, in denen die psychosoziale Notfallversorgung einen festen und geregelten Platz hat. Gerade die ungeklärten Regelungen – von der Alarmierung und Beauftragung bis zur Finanzierung – zwingen in der Großschadenslage immer noch zu „Not-Lösungen“.
Weiterhin wird die psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte vor allem im Zusammenhang mit Katastrophenfällen diskutiert, ohne dass die sich langfristig auswirkende Bewältigung beruflicher Anforderungen im Einsatzalltag ausreichend Berücksichtigung fände. „Ich warne davor, jeden Feuerwehrmann zum ,hilflosen Helfer‘ zu machen – die Mehrheit kommt aufgrund beruflicher Erfahrungen gut mit dem Ereignis zurecht“, betonte Beerlage. So zeigt eine Teilstudie, dass das Wohlbefinden von Rettungsdienstlern vor allem durch dauerhaft belastende arbeitsorganisatorische Rahmenbedingungen und das Gefühl, wenig bewirken zu können, beeinträchtigt ist.
Nur die allerwenigsten Einsätze gingen mit der oft in den Mittelpunkt der Diskussion gerückten vitalen Bedrohung und Extrembelastung für die Einsatzkräfte einher. Mit einem ausgeprägten Burnout gingen immerhin rund neun Prozent der Einsatzkräfte im Rettungsdienst in den nächsten Einsatz. Dies sei nach einer jüngst vorgelegten Studie von Reinhard und Maercker als hohes Risiko für die Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung nach Extremeinsätzen anzusehen. Thomas Hering, Hochschule Magdeburg-Stendal, unterstrich, dass die Präven-
tion von Burnout sowie Sucht- und
Depressionssymptomen ebenso ernst genommen werden müsse wie die Vermeidung akuter oder Posttraumatischer Belastungsstörungen.
In diesem Sinne arbeitet die psycho-soziale AkutBetreuungWien (ABW) für Opfer, Angehörige und Hinterbliebene: Ziel des Teams ist es, akute Belastungen zu verringern, Folgeerkrankungen wie Alkoholmissbrauch oder Depressionen zu verhindern, den Betroffenen bei der emotionalen Stabilisierung zu helfen, ihre Handlungsfähigkeit wiederherzustellen und Angehörige aufzuklären und zu unterstützen. Prof. Dr. Brigitte Lueger-Schuster, Universität Wien, Institut für Psychologie, leitet das ABW-Team mit 60 speziell ausgebildeten psychosozialen Fachkräften, die in den ersten Stunden nach einem „außergewöhnlich belastenden Ereignis“ vor Ort Betroffene, Angehörige, Freunde, Arbeitskollegen und Augenzeugen betreuen. Zum Einsatz kommt das von der Expertenkonferenz österreichischer Katastrophenschützer approbierte Kriseninterventionsteam sowohl bei Großunglücken als auch beim plötzlichen Tod eines Kindes oder eines erwachsenen Angehörigen, bei dramatischen Todesfällen und Unfällen in der Öffentlichkeit, bei Mord, Suizid und erweitertem Suizidversuch.
„Hilflose Helfer“
verstärken Belastungen
Nur ausgewiesene Experten mit Kriseninterventionsweiterbildung würden vor Ort zugelassen und seien als solche durch eine Uniform zu erkennen, erläuterte Lueger-Schuster, andere Personen würden des Ortes verwiesen. Einerseits, weil hilflose Helfer die psychischen Belastungen der Betroffenen eher verstärken als verringern, und andererseits, weil Erfahrungen insbesondere nach dem Gletscherbahnunglück in Kaprun zeigen, dass Opfer auch vor den Zudringlichkeiten von Journalisten geschützt werden müssen.
Die Hauptaufgabe bestehe in der professionellen Koordination aller beteiligten Institutionen, so Lueger-Schuster; die Bedeutung eines psychosozialen Managers wird auch in dem Europäischen Leitfaden „Psychosoziale Betreuung bei Katastrophen und Großschadensereignissen“ hervorgehoben. „Extrem wichtig“ in der Zusammenarbeit vor Ort sei außerdem die Partnerschaft zur Katastrophenmedizin. Die Grundprinzipien der Präklinischen Krisenintervention beziehungsweise der Akutbetreuung sind in dem österreichischen Leitfaden „Psychosoziale Akutbetreuung“ zusammengefasst.
Wohnortnahe und langfristige psychosoziale Unterstützung
Im Bundesgebiet werde derzeit der nationale Zivil- und Katastrophenschutz umstrukturiert, berichtete Helmerichs. Äußeres Signal ist ein neues Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn, das ab 1. Mai über sieben Kompetenzzentren verfügt: Im Zentrum Krisenmanagement findet sich zum Beispiel das Deutsche Notfallvorsorge-Informationssystem oder das Gemeinsame Melde- und Lagezentrum von Bund und Ländern bei großflächigen Gefahrenlagen.
Helmerichs gab der Hoffnung Ausdruck, dass sich das NOAH-Betreuungsmodell in abgewandelter und mit den föderalen Strukturen verknüpfter Form auch auf das Inland übertragen lasse – mit dem Ziel, in allen Regionen des Bundesgebietes im Unglücksfall wohnortnahe, kompetente, gut koordinierte und langfristige psychosoziale Unterstützung vermitteln zu können. Denn die Nachbetreuung Betroffener könne unter Umständen ein Leben lang andauern, so Lueger-Schuster, da die starken Emotionen unmittelbar nach dem Ereignis, die Angst, Hilflosigkeit, Trauer, Schuld oder Aggression auch durch Erinnerungen an das Unglück wieder wachgerufen werden können. Wie jetzt die Bilder vom 11. März genau 911 Tage nach dem „nine-eleven“ wieder viele Menschen bedrängen und mit Gefühlen überfluten. Karin Dlubis-Mertens
www.sozialwesen.hs-magdeburg.de/psnv/psnv2003.html
www.psychosoziale-notfallversorgung.de
www.bva.bund.de/zivilschutz/krisenmanagement/noah/index.html
www.wien.gv.at/sicherheit/akut/
www.denis.bund.de
Literatur
1. Beerlage I, Hering T, Schmidt J-M: Entwicklung von Standards und Empfehlungen für ein Netzwerk zur bundesweiten Strukturierung und Organisation psychosozialer Notfallversorgung. 1., 2. u. 3. Zwischenbericht. März, Juni, September 2003. Magdeburg: Hochschule Magdeburg-Stendal (FH), 2003 a, b, c.
2. Hering T, Beerlage I: Retten als Arbeit zwischen Routine und Katastrophe. Gesundheit, Belastungen und Burnout im Rettungsdienst. München: Profil, 2004.
3. Helmerichs J, Bengel J, Leonhardt K, Stalmann M, Zingiser R: Nachsorge für Einsatzkräfte beim ICE-Unglück in Eschede. In: Hecht K & Balzer H-U, Hrsg.: Stress-
management, Katastrophenmedizin, Regulationsmedizin, Prävention. Lengerich: Pabst, 2000: 23–31.
4. Lueger-Schuster B: Präklinische Maßnahmen – Krisenintervention vor Ort – Folgeprävention. In: Friedmann A, Hofmann P, Lueger-Schuster, Vysocki D, Hrsg.: Psychotrauma. Die Posttraumatische Belastungsstörung. Wien, New York: Springer 2004. Müller-Lange J, Hrsg.: Handbuch Notfallseelsorge. Edewecht: Stumpf & Kossendey, 2001.
5. Reinhard F, Maercker A: Sekundäre Traumatisierung, Posttraumatische Belastungsstörung, Burnout und Soziale Unterstützung bei medizinischem Rettungspersonal. Zeitschrift für Medizinische Psychologie 2003; 12: 1–8.
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