Zufällig treffe ich in der Bank die freundliche Kollegin, die voller Hast noch ihre Überweisungen eigenhändig ausfüllt, sozusagen die kleine Arbeit zwischendurch auf dem Weg durch die Hausbesuche. Eine völlig normale Beschäftigung niedergelassener Ärzte am freien Mittwochnachmittag. „Das ist nur noch deprimierend“, meint sie, „ein älterer Kollege sagte auf einer Fortbildung zu mir, dass er mit Sprechstunden und Nachtdiensten locker auf eine 70-Stunden-Woche käme, aber auf keinen grünen Zweig. Da protestiert natürlich kein Gerichtshof. Das ist wirklich unerträglich. Was sollen wir tun, Herr Böhmeke, was sollen wir machen? Auswandern?“
Schon verspüre ich den starken Drang meines Helfersyndroms, mich gegen den Exodus deutscher Ärzte zu stemmen, die auf ihrem Wege in die Ferne die Pfade einwandernder indischer Computerspezialisten kreuzen. „Machen Sie doch in Qualität!“ versuche ich sie aufzumuntern. „Sie meinen doch nicht etwa, dass ich anderen Kollegen beibringen soll, wie man Kästchen und Rauten malt?“ entgegnet sie, nicht ohne eine Spur Abscheu in der Stimme. „Doch, schon, aber Sie müssen die Rauten durch zum Beispiel Dreiecke ergänzen. Diese symbolisieren Verwaltungsvorschriften, die einige Jahre später ersatzlos gestrichen werden, wie voraussichtlich die Praxisgebühr. Oder Fünfecke; die stehen dafür, dass ärztliche Leistungen nur dann durchgeführt werden dürfen, wenn sie die Krankenkasse kein Geld kosten . . .
also die Adaption banaler Flussdiagramme an den real existierenden Wahnsinn heutiger Medizin, verstehen Sie?“ Sie versteht, kann sich aber für diese beruf-
liche Alternative nicht erwärmen. Ich versuche es weiter. „Seien Sie aktuell! Gehen Sie in die wissenschaftliche Beratung von Pharmafirmen, und erstellen Sie Listen über noch verordnungsfähige Medikamente. Wenn Sie es schaffen, unterdosierte Geschlechtshormongaben als erstattungsfähig im Rahmen der Anti-Aging-Bewegung durchzusetzen, dürften Sie kein Problem mehr mit Ihrer Existenzsicherung haben!“ Fast böse entgegnet sie: „Irgendwo bin ich noch Ärztin!“ Ich weiche der Kollegenschelte mit dem Vorschlag aus: „Wir Ärzte müssen Krankheiten heilen und Leiden lindern. Und was, Frau Kollegin, macht uns heute neben lahmendem Kreislauf und maroden Wirbelsäulen am meisten zu schaffen?“ „Etwa Computer?“ meint sie, mit einem solchen kämpfend, der ihre Bankkarte nicht wieder herausrückt. „Genau!“ rufe ich, „Müdigkeit, Kopfschmerzen, Depressionen: alles Folgen übermäßigen Computergebrauchs!“ Sie schaut mich mit dem Blick an, den normalerweise Psychiater aufsetzen, bevor sie ernsthafte Diagnosen stellen. Ich lasse mich davon nicht beeindrucken: „Gründen Sie ein Institut zur Bekämpfung von Computerkrankheiten! Helfen Sie computerkranken Mitmenschen mit Entspannung, Massage und dem Wiedererlernen von Kommunikation abseits geschnetzelter Wortfetzen, die auf der Handytastatur . . .“ Der Computer hat die Bankkarte wieder hergegeben, die Kollegin muss weiter. „Ihre Vorschläge sind ja nett, aber solange ich noch in der Praxis arbeiten kann, tue ich es auch. Aber warum machen Sie eigentlich noch Sprechstunde, wenn Sie so tolle Ideen haben?“ „Ach, Sie wissen doch, ich schreibe so gerne Glossen . . . und es gibt nichts Inspirierenderes als den heutigen Medizinbetrieb.“ Dr. med. Thomas Böhmeke
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