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VARIA: Feuilleton

Psychiatriemuseum: Abbau von Ängsten

Dtsch Arztebl 2004; 101(17): A-1181 / B-975 / C-953

Heinemann, Chris

Mit dem MuSeele erinnert die Psychiatrische Fachklinik Christophsbad an den Umgang mit psychisch Kranken in der rund 150-jährigen
Geschichte der Göppinger Einrichtung.

Das auf den Namen „MuSeele“ getaufte hauseigene Psychiatriemuseum ist am 18. Februar in Göppingen eröffnet worden. Der Name ist Programm. Ein „Museum für die Seele“ soll das MuSeele sein, betont Rolf Brüggemann. Der Diplompsychologe und Psychotherapeut ist Mitglied einer acht Mitglieder zählenden Gruppe aus Ärzten, Psychologen, Pflegern und Kunsttherapeutinnen, die sich seit drei Jahren mit dem Aufbau des Museums beschäftigt. Wenn von Seele die Rede ist, sind Gefühle nicht fern. „Wir wollen Gefühle auslösen“, bestätigt die am Projekt beteiligte Kunsttherapeutin Gisela Schmid-Krebs. Das geht schon im Treppenhaus los. Ein Vogelkäfig, ein zerbrochener Dachziegel, eine beschädigte Schüssel und andere Gegenstände verweisen auf den volkstümlichen Umgang mit Kranken in Redewendungen wie: „Der hat einen Vogel“, „einen Dachschaden“ oder „einen Sprung in der Schüssel“.
Den Anstoß zum dritten Psychiatriemuseum in Baden-Württemberg gab der ehemalige Ärztliche Direktor des Christophsbades, Dr. med. Burkhard Krauß, bei der 150-Jahr-Feier vor zwei Jahren. Historische Stiche und kolorierte Zeichnungen in einem Vorraum dokumentieren die Entwicklung vom 1404 erstmals urkundlich erwähnten „Swalbrunen zu Gepingen“ über das vom herzoglichen Baumeister Heinrich Schickhardt im 17. Jahrhundert errichtete Badhaus und die 1852 vom Arzt Heinrich Landerer gegründete „Heil- und Pflegeanstalt für Gemüths- und Geisteskranke“ bis zum modernen Gesundheitszentrum für Psychiatrie und Neurologie. Der in einer Endlosschleife aus einem Monitor klimpernde alte Klinikschlüsselkasten und ein ausgemustertes Klinikschild mit der Aufschrift „Kein Zutritt für Unbefugte“ signalisieren: Wer hier früher eintrat, begab sich buchstäblich in „geschlossene Gesellschaft“.
„1852 gab es kaum adäquate Behandlungsmethoden, es ging nicht ohne Verwahrung“, erläutert Teammitglied Frank Pfennig. Beim Betreten des Ausstellungsraums läuft der Besucher geradewegs in die ausgebreiteten Arme einer von der Decke kreisenden Zwangsjacke. „Das ist ein Gegenstand, den man hier erwartet“, rechtfertigt der 42-jährige Krankenpfleger die provokante Präsentation. Zwar sei das Zwangsmittel schon bei der Anstaltsgründung heftig umstritten gewesen, „aber verzichten konnten sie dann doch nicht darauf“.
Ebenso wenig wie auf den Zwangsstuhl. Ein altes Klinikbett mit Fesselgurten und eine Zinkbadewanne, in der noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts Kranke zwecks Beruhigung für viele Stunden ins Wasser gezwungen wurden, vervollständigen das Gruselkabinett menschenunwürdiger Behandlungsmethoden. Werkzeuge und Fotos belegen den therapeutischen Einsatz von Patientenarbeit, der im Dritten Reich einen traurigen Höhepunkt erlebte.
Vergast und nicht vergessen Fotos: Chris Heinemann
Als „größten Schatz“ bezeichnet Frank Pfennig die umfangreiche Sammlung alter Patientenfotos. Auf ihnen lässt sich exemplarisch der Weg von einer auf anatomische Merkmale fixierten Diagnostik zur rassistischen Selektion und dem als Euthanasie getarnten Massenmord an psychisch Kranken durch die Nazis nachvollziehen. Leere Koffer halten die Erinnerung an 150 Opfer von Deportation und Vergasung im Christophsbad wach. Damit die Besucher sowohl die tragischen Tiefen als auch die denkwürdigen Höhen der Psychiatriegeschichte einordnen können, steht im Computerraum ein PC mit Informationen bereit.
Interaktiv geht es im dritten Raum weiter. An einem Schreibtisch „dürfen die Besucher selbst aktiv werden“, wie Gisela Schmid-Krebs betont. Auf einem Blatt finden sie Abbildungen von bekannten Persönlichkeiten wie dem Maler Salvador Dalí, dem Komponisten Friedrich Händel und dem Schauspieler Harald Juhnke. Die Aufforderung, die Gesichter nach eigenem Dafürhalten mit bereitstehenden Stempeln nach Schubladebegriffen wie „paranoid“, „melancholisch“ oder „süchtig“ abzustempeln, soll die Fragwürdigkeit von einseitig auf die Physiognomie gestützten Diagnosen bewusst machen.
Der offene Umgang mit psychischen Krankheiten und ihre historische Betrachtung tragen nach Ansicht Rolf Brüggemanns zur Enttabuisierung und zum Abbau von Ängsten gegenüber der Psychiatrie bei.
Chris Heinemann



Im badischen Landesteil gibt es bereits seit 1999 ein Psychiatrie-Museum, das bisher kaum bekannt ist. Die Gedenkstätte widmet sich schwerpunktmäßig der Darstellung der Euthanasie am Beispiel der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen. Das Museum im Zentrum für Psychiatrie, Emmendingen, Neubronnstraße 25, ist auf Anfrage zugänglich: Telefon: 0 76 41/46 10. Das Württembergische Psychiatriemuseum in der Zwiefalter Münsterklinik, Hauptstraße 9, ist von Mittwoch bis Freitag sowie am Sonntag von 13.30 bis 16.30 Uhr geöffnet. Nähere Auskünfte unter Telefon: 0 73 73/10 32 23. Das Göppinger MuSeele ist neben Zuwendungen der Heinrich Landerer Stiftung auf Spenden angewiesen. Diese können auf das Konto 15 590 952 bei der Kreissparkasse Göppingen, BLZ 610 500 00, überwiesen werden. Das MuSeele in der Faurndauer Straße 6–28 in Göppingen ist mittwochs von 16 bis 18 Uhr sowie sonntags von 14 bis 16 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter Telefon: 0 71 61/60 17 12 oder per E-Mail: museele@museele.de zu besichtigen. Informationen auch unter www.museele.de.
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