53 Artikel im Heft, Seite 24 von 53

THEMEN DER ZEIT

Der 11. September: Die leise Stimme der Vernunft

PP 3, Ausgabe Mai 2004, Seite 212

Hanke, Angela

Psychoanalytiker rufen zur einer Allianz der Besonnenheit auf, um die „tödliche Spirale von Machtdemonstration und Ohnmachtserfahrungen zu durchbrechen“.

Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat. Am Ende, nach unzähligen oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf.“ Diese 1927 formulierte Hoffnung Sigmund Freuds ist seither immer wieder desillusioniert worden. Und doch gibt es keine Alternative dazu, ge-
rade in Zeiten barbarischer Gewaltausbrüche an Besonnenheit und Aufklärung festzuhalten. Freud hatte unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges in Aufsätzen dargelegt, wie das Kräftespiel von Eros und Thanatos, das er am Seelengrund seiner Patienten gefunden hatte, seine Fortsetzung im Weltgeschehen findet. In den Jahrzehnten danach schien der wertvolle Gesellschaftsseismograph Psychoanalyse in Vergessenheit zu geraten – von wenigen Ausnahmen abgesehen.
Seit dem Ende des Kalten Krieges jedoch, als mit rasanter Geschwindigkeit neu geschaffene Feindbilder die alten ablösten, wuchs die Beunruhigung über die Entwicklung der Weltpolitik auch unter Freuds Nachfolgern. Der 11. September schließlich erschütterte die westliche Welt zutiefst und forderte neben bedeutenden Intellektuellen nunmehr eine ganze Reihe Psychoanalytiker heraus, ihre gewohnte Zurückhaltung aufzugeben und ihren Beitrag zu einer Allianz der Besonnenheit zu leisten. Sie organisierten teils interdisziplinäre Kongresse und Vortragsreihen zum Thema, unter anderem in New York, London und Köln.
Viele der Beiträge des Buches „Der 11. September“ sind in solchen Kontexten entstanden (1). Sie helfen dem Leser, die tödliche Spirale von Machtdemonstrationen und Ohnmachtserfahrungen, die derzeit die Weltpolitik beherrschten, besser zu verstehen. Psychoanalytische, psychosoziale und psychohistorische Analysen der Bedingungen und Folgen von Krieg, Terror und Trauma sind das Thema der 21 Beiträge – nicht zuletzt, um auch auf politischer Ebene Anstöße für zukunftsweisende Handlungsstrategien zu liefern.
Wie dringend notwendig eine solche Richtungsänderung der Weltpolitik ist, wurde wieder am 11. März deutlich, als nach Bombenanschlägen in Madrider Bahnhöfen rund 190 Menschen starben. Den Kriegen in Afghanistan und im Irak mit Tausenden toten Zivilisten zum Trotz, verdeutlichte dieser Terroranschlag unmissverständlich, dass Amerikaner und Europäer genauso verletzlich sind wie Afghanen und Iraker. Die militärische Unterwerfung von Staaten, in denen islamistische Terroristen vermutet werden, führt keineswegs zu deren Befriedung (Vernichtung), sondern zu ihrer Radikalisierung (Vermehrung). In diesem „Vier-
ten Weltkrieg“ (Baudrillard) befindet sich die Welt – und nicht nur das einzelne Menschenleben ist dabei gefährdet.
Martin Altmeyer kritisiert, dass die bisherigen Reflexionen über den 11. September meist auf den alten Erklärungsmustern menschlicher Destruktivität fußen, nämlich entweder trieb- oder frustrationsbedingt zu sein. Er fordert, stattdessen „das Zwischen“ in den Blick zu rücken. In diesem Sinne betrachtet auch Ludwig Janus die Terroranschläge nicht nur als Ausdruck der „fantasmatischen Welt des islamischen Fundamentalismus“ (Bohleber), sondern sucht sie aus der „fatalen Entwicklung“ des „Interagierens von Konfliktpotenzialen der westlichen und arabischen Welt“ heraus zu verstehen. Janus beschreibt auf der einen Seite die Zerrissenheit einer islamischen Gesellschaft wie Saudi Arabien (der Heimat Bin Ladens) „zwischen mittelalterlich geprägter fundamentalistischer Religion und Staatsform und den Einflüssen moderner westlicher Technik und Ökonomie“. Auf der anderen Seite die Spaltung der USA „zwischen dem Vordergrund einer freiheitlich-demokratischen Ebene und dem Hintergrund einer sektiererischen Religiosität mit fundamentalistischen Zügen“. Auch Hans-Jürgen Wirth gelangt zu einer stringenten Analyse des „Fanatismus-Syndroms“. Sein Resümee: „Im Terrorismus und in seiner Bekämpfung verbindet sich der narzisstische Größenwahn der Ohnmächtigen mit dem selbstgefälligen, grandiosen Selbstbild der Mächtigen zu einer unheilvollen Kollusion.“
Ulrich Schultz-Venrath und Rolf Haubl beschäftigen sich mit dem Phänomen des Neids als „Ursprung von Krieg oder Zivilisation“. Unter anderem betonen sie die Willkür politischer Grenzziehung gegenüber den gewachsenen ethnischen Gruppierungen im Zweistromland und die dadurch beschädigte Identität, die Fundamentalismus und Bruderhass begünstigt. Einen in den bisherigen Publikationen zum 11. September wenig beachteten Zusammenhang untersuchen Viviana Strauss und Klaus Röckerath in ihrem Beitrag über die „Destruktion und Re-Konstruktion von Narrativen angesichts der Bilder des 11. September“. Sie fragen, inwiefern „die virtuelle Realität, wie sie vor allem durch Hollywood geschaffen wird“, Sehgewohnheiten produziert, die „einen Anschlag wie diesen erst denk- und dann auch realisierbar haben werden lassen“. Diese Sichtweise könnte zukunftsweisend sein für das Verständnis der inneren Zerrissenheit – Strauss und Röckerath sprechen vom Zusammenbruch der „strukturierenden Spaltung zwischen Realität und Fiktion“ – der Kinder und Jugendliche zu Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend ausgeliefert sind.
Schwer war es für alle Autoren, wie Johannes Döser schreibt, in einer Untersuchung des Terrorismus eine unvoreingenommene, neutrale, wertfreie Haltung einzunehmen, wie man sie vom Analytiker erwarte. „Die Tatsache, dass Terror und Krieg das Bestehende und Gewohnte entwerten, führt zu einer fast reflexhaften Verteidigung der angegriffenen Werte und damit leicht und unversehens zu reaktiven pathologisierenden Feindbildern.“ Jerry S. Piven fragt, „wie viel von unserem psychologischen Rüstzeug ebenfalls von Wut (. . .) durchtränkt ist und durch unsere eigenen Fantasien und rationalen Erklärungen gerechtfertigt wird“. Den meisten Autoren ist es gelungen, ihre neutrale Haltung zu bewahren. Bewundernswert, dass dies insbesondere die Analytiker schaffen, die direkt von Terroranschlägen betroffen sind. Im Kapitel über den „Terror und seine traumatischen Folgen“ plädiert Shmuel Erlich, dessen analytische Praxis mitten in Jerusalem in der Nähe eines Krankenhauses liegt, in das häufig Attentatsopfer eingeliefert werden, für eine unvoreinge-
nommene, nicht „von westlichen Werten verdunkelte“ Sicht „religiöser, politischer und ideologischer Hingabe“. Er befasst sich damit, wie der „psychoanalytische Raum“ trotz massiver äußerer Einwirkungen und Ängste um sich und seine Familie bewahrt werden kann.
Die New Yorker Analytiker Daniel S. Schechter, Susan W. Coates, Elsa First und Christine Anzieu-Premmereur beschreiben sehr berührend ihre Arbeit mit betroffenen Familien nach dem 11. September. Zugleich wehren sie sich dagegen, dass die Bush-Regierung das Attentat als Begründung für kriegerische Angriffe benutzt. Wünschenswert wäre, wenn ihre behutsame therapeutische Arbeit mit verstörten Kindern, die unmittelbar in Lebensgefahr waren oder einen Angehörigen verloren haben, Nachahmung fände in arabischen Ländern.
Denn während die Analytiker in New York den Kindern helfen konnten, ihre Trauer und Verzweiflung zu verarbeiten, sodass diese Gefühle sich nicht in Form von Hass und Ressentiment verhärten müssen, sieht die Entwicklung von Kindern in palästinensischen Flüchtlingslagern (wie wahrscheinlich auch in orthodox-jüdischen Siedlungen), die ihr Zuhause bei Bombenangriffen oder Attentaten verlieren, ganz anders aus, wie die Beiträge im Kapitel „Terrorismus und Terrorist“ zeigen. Die Autoren verwenden die psychoanalytische Methode zur Untersuchung und Diagnostizierung der terroristischen Persönlichkeit und ihrer Entwicklung. Dies eröffnet interessante Perspektiven auf seelische Phänomene, die am Beginn eines jeden Lebens stehen und die je nach Umweltbedingungen eben sehr unterschiedliche Entwicklungen nehmen. So beschreibt Thomas Auchter den Kreislauf von Angst, Hass und Gewalt aus entwicklungspsychologischer Sicht. Werner Bohleber und Jerry S. Piven wenden sich vor allem dem islamischen Fundamentalismus zu, während die Beiträge von Christian Büttner, Shmuel Erlich, Johannes Döser und Vamik Volkan die Identitätsbildung von Terroristen unter dem Blickwinkel der Adoleszenzproblematik, der individuellen Entwicklung und der Gruppenzugehörigkeit nachzeichnen. Alle eint die Überzeugung, dass am Beginn einer terroristischen „Karriere“ eine narzisstische „Wunde“ (Döser) oder ein „Riss“ (Volkan) steht, die der meist spätadoleszente junge Mann zu kompensieren sucht. Auchter sieht das Selbstmordattentat als „Realisierung von narzisstischen Größenfantasien
zur Abwehr gegenteiliger Gefühle“. Volkan verweist auf die „Tatsache, dass der Akt des Attentats der Großgruppenidentität Selbstwert und Aufmerksamkeit sichert“.
Mittels Repräsentativbefragungen haben Burkhard Brosig, Elmar Brähler und Horst-Eberhard Richter herausgefunden, welche „enormen Auswirkungen die Terroranschläge am 11. September auf das politische und sozialpolitische Klima in der Bundesrepublik“ hatten. Unter den vielen Befunden und Rückschlüssen sei hier nur einer erwähnt: Je niedriger das Bildungsniveau, desto affektgeladener sind die Einstellungen. Das bedeutet, dass Bildung und Aufklärung auch bei uns dringend gefördert werden müssen, damit Menschen Reflexionsfähigkeit und Selbstverantwortung erwerben können. Gertrud Brockhaus analysiert, in einem Brückenschlag zwischen klinischer Traumaforschung und politischer Psychologie, Zeichen der kollektiven Traumatisierung und typische Abwehrformen. Die britische Psychoanalytikerin Hanna Segal versteht es meisterhaft, (Groß-)Gruppenprozesse aus derselben Wurzel zu begreifen, aus der auch das Denken von Individuen erfolgt, ohne dabei in Vermischungen oder Verallgemeinerungen zu verfallen. Ihre These: Die Suche nach einem Feind, die Konstruktion eines solchen, lenkt von den eigenen schwer lösbaren Problemen (zum Beispiel ökonomischen) ab; der so genannte Sieg über den Feind löst kein einziges dieser Probleme, schafft vielmehr neue und damit das unabweisbare Bedürfnis nach neuen Feinden. Richter schließlich prangert den „suchtartigen Zwang zu immer noch höherer Rüstung“ an, der „letztlich der Angst vor unerträglicher Schwäche“ entstamme.
Auch Richter geht davon aus, dass die Spaltungen in das bei sich selbst (der eigenen Gemeinschaft) angesiedelte Gute und Starke und das beim Anderen (der verfeindeten Gruppe) angesiedelte Böse und Schwache unbewusst sind. Spätestens seit Nietzsche („,Das habe ich getan‘, sagt das Gedächtnis, ,das kann ich nicht getan haben‘, sagt das Gewissen – endlich gibt das Gedächtnis nach.“) ist bekannt, dass wir – um der inneren Konfliktfreiheit willen – tendenziell die Unschuld bei uns selbst und die Schuld beim Gegenüber suchen. Dieser seelische Grundmechanismus trifft für die Einwohner palästinensischer Flüchtlingslager und selbst für jugendliche Attentäter ebenso zu wie für amerikanische oder israelische Soldaten, die davon überzeugt sind, dass sie zur Verteidigung ihres Landes ihr Leben aufs Spiel setzen und andere angreifen müssen. Er wird auch zutreffen auf gewaltbereite Globalisierungsgegner oder Hamas-Anhänger, die nach der Ermordung ihrer Führer israelische und amerikanische Bürger einmal mehr als Per-
sonifizierung des Bösen wahrnehmen. Doch dass nicht alle an der Vernichtungsspirale Beteiligten ausschließlich von ihren unbewussten Projektionen und paranoiden Wahrnehmungen geleitet sind, mag dies für die Machthaber jeder Couleur bezweifelt werden. Man könnte hingegen vermuten, dass „das Böse“ ichsynthon ist, von der inneren moralischen Instanz akzeptiert beziehungsweise gutgeheißen, keinen inneren Konflikt mehr auslösend. Appelle in Richtung der „Annahme eigener Schwäche und Versehrtheit“ (Auchter) und „allseitiger Toleranz“ (Schultz-Venrath) sowie Handlungsanweisungen für die „Entwicklung von Modellen gewaltfreier Konfliktlösung“ (Janus) oder eine „gerechte Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen“ (Altmeyer) werden bei Politikern, die Tatsachen manipulieren und Tote als Kollateralschaden in Kauf nehmen wie bei religiösen Führern, die Ungläubige als lebensunwert deklarieren, auf taube Ohren stoßen. Diese klugen Appelle setzen eine Bereitschaft zu humaner Vernunft voraus, deren Existenz bezweifelt werden muss. Es gilt zu verstehen, wie eine offenbar „erkaltete“ Psychodynamik funktioniert, die Führer aller Zeiten beherrschen kann. Auch wenn die „leise Stimme des Intellekts“ nicht damit rechnen kann, Gehör zu finden – ruhen sollte sie nicht.
Angela Hanke

Literatur
1. Auchter T, Büttner Ch, Schultz-Venrath U, Wirth H-J (Hrsg.): Der 11. September – Psychoanalytische, psychosoziale und psychohistorische Analysen von Terror und Trauma, Gießen: Psychosozial-Verlag 2003.
2. Auchter T, Döser J, Röckerath K, Schultz-Venrath U, Strauss V: Die Stimme der Vernunft ist leise, aber beharrlich – Vortragsreihe zum 1. Jahrestag des 11. September 2001 im Literaturhaus Köln. Zu beziehen über das Sekretariat der Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft Köln-Düsseldorf e.V., Köln, Telefon: 02 21/ 13 59 01
Anzeige

Drucken Versenden Teilen Leserbrief
53 Artikel im Heft, Seite 24 von 53

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

 Zeitraum HTM PDF 
6 / 2014 1 0
4 / 2014 1 3
3 / 2014 2 2
2 / 2014 4 1
1 / 2014 4 1
12 / 2013 3 2
2014 12 7
2013 72 3
2012 52 2
2011 54 8
2010 86 5
2009 60 6
2008 513 47
2007 672 51
2006 370 221
2005 132 95
Total 2.023 445

Leserbriefe

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in