AKTUELL
Reproduktionsmedizin: Wenig konkretes Wissen
Dtsch Arztebl 2004; 101(20): A-1364 / B-1136 / C-1096


Trotz Aufklärungskampagnen haben 70
Prozent der Bevölkerung kein oder wenig
Interesse am Thema PID.
Erste deutsche Studie zu Informationsverhalten und Akzeptanz vorgestellt
Trotz der aktuellen Debatten über Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik (PID) sind offenbar nur wenige Deutsche über die modernen Verfahren der Reproduktionsmedizin informiert. Zu diesem Ergebnis kommt eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte repräsentative Studie der Universität Leipzig. Ende 2003 wurden dazu bundesweit mehr als 2 000 Deutsche im Alter von 18 bis 50 Jahren zu verschiedenen Themen der Reproduktionsmedizin befragt.
Nur 30 Prozent der Deutschen können der Umfrage zufolge etwas mit dem Begriff „Präimplantationsdiagnostik“ anfangen. „Dabei werden die Einsatzmöglichkeiten der PID überschätzt“, sagt Prof. Dr. Elmar Brähler, Leiter der Studie. So glaubt über die Hälfte der Befragten, dass damit alle Arten von Krankheiten und Beeinträchtigungen festgestellt werden können. 60 Prozent der Teilnehmer haben dagegen noch nie etwas über die Thematik vernommen; zehn Prozent können keine Angaben machen. Der überwiegende Teil der Befragten (70 Prozent) gab kein oder nur wenig Interesse an.
Zurückhaltender sind die meisten Befragten, wenn es darum geht, die PID potenziell selbst in Anspruch zu nehmen. So würde nur knapp ein Drittel generell genetische Störungen mittels PID überprüfen lassen. Sechs Prozent befürworten sie ausschließlich bei Verdacht auf eine spezifische Erkrankung. 24 Prozent der Befragten lehnen eine Anwendung der PID strikt ab. Die PID zur Geschlechterwahl zu nutzen kommt für 94 Prozent nicht in Frage. Abgelehnt wird von 83 Prozent ebenfalls die Einführung des reproduktiven Klonens in Deutschland, von einem Drittel die Zulassung der Eizellspende und von 44 Prozent die Leihmutterschaft.
Kontrovers werden derzeit Brählers Daten zur Prävalenz von Subfertilität und Sterilität diskutiert. „Mindestens zehn Prozent der Befragten werden gewollt kinderlos bleiben“, schlussfolgert Brähler aus den Ergebnissen seiner Erhebung. Es sei sogar noch von einem höheren Anteil auszugehen, da ein Teil der unentschiedenen Personen den Kinderwunsch nicht realisiere oder so lange hinausschiebe, bis er sich nicht mehr realisieren ließe. Lediglich ein Prozent der Bevölkerung sei von primärer Sterilität betroffen. Reproduktionsmediziner gehen von vier bis fünf Prozent aus. Von den Deutschen wird diese Rate noch viel höher geschätzt. Sie meinen im Mittel, dass 20 Prozent aller Paare ungewollt kinderlos sind. ER
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