POLITIK
Nachgefragt
Dtsch Arztebl 2004; 101(20): A-1378 / B-1148 / C-1106


Manfred Richter-Reichhelm
Foto: Bildschön
DÄ: Sind KVen und KBV auf dem Rückzug, besonders als Interessenvertretungen der niedergelassenen Ärzte?
Dr. Richter-Reichhelm: Wenn sich die KVen entsprechend positionieren, aus der alten Struktur ausbrechen und sich den flexiblen Vertragsstrukturen zuwenden, ist das eine Chance. Die Änderung der Organisationsstruktur wird ja von vielen als Einschränkung betrachtet ...
DÄ: ... Sie meinen die Verkleinerung der Vertreterversammlungen und die Einsetzung hauptamtlicher Vorstände ...
Dr. Richter-Reichhelm: ... aber das ist die Antwort der Politik auf Zickzackkurse ärztlicher Selbstverwaltungen in der Vergangenheit. Die Ärzteschaft ist nicht verlässlich gewesen. Sie sehen es am EBM. Das alles hat die Politik dazu geführt zu sagen: Wir brauchen hier eine klarere Struktur, klare Entscheidungskompetenzen.
DÄ: Werden diese neuen Strukturen sich denn positiv auf die Handlungsfähigkeit der KVen auswirken?
Dr. Richter-Reichhelm: Ja, durchaus.
DÄ: Das wird aber an der Basis sehr kritisch gesehen.
Dr. Richter-Reichhelm: Das weiß ich. Aber die bisherige Basisdemokratie, so positiv sie ist, hat Schwächen, beispielsweise eine verlangsamte Handlungsfähigkeit. Wenn wir bei der KBV vom Länderausschuss oder der Vertreterversammlung einmal Hü und einmal Hott bekommen, kann es nicht vorangehen.
DÄ: Glauben Sie, dass sich die Ärzte mit der neuen Selbstverwaltung identifizieren werden? KVen sind dann eher wie Unternehmen strukturiert ...
Dr. Richter-Reichhelm: Was ist denn die Basis? Die Basis ist der Doktor in der Praxis. Dem ist es völlig wurscht, ob 50 oder 100 Leute in der Vertreterversammlung sitzen. Für Ärzte und Psychotherapeuten ist doch entscheidend, wie effektiv die KVen arbeiten.
DÄ: Aber denen ist wohl nicht egal, ob an der Spitze der KV noch Kolleginnen und Kollegen stehen oder nicht.
Dr. Richter-Reichhelm: Erst einmal sitzen in der Vertreterversammlung der KVen weiter Ärzte und Psychotherapeuten. Der Vorsitzende der VV muss ein Arzt oder Psychotherapeut sein. An ihnen liegt es, Ärzte oder Psychotherapeuten in den Vorstand zu wählen – oder nicht. Was jetzt als Basis dargestellt wird, die „mosert“, sind die mittleren Funktionsträger. Die werden in den kleineren VVen nicht mehr mitreden können.
DÄ: Sie meinen also: Wenn die neu organisierten KVen effektiv arbeiten, dann wird das die Basis mehr überzeugen als eine basisdemokratische Ausrichtung zu dem Preis, dass man lange nicht voran- kommt?
Dr. Richter-Reichhelm: Davon bin ich überzeugt.
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