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107. Deutscher Ärztetag: Zentren und Nischen

Dtsch Arztebl 2004; 101(22): A-1537 / B-1273 / C-1225

Jachertz, Norbert

Den Aufbruch nach Berlin hat die Bundesärztekammer genutzt, um auch ihr Logo der Zeit anzupassen. Es ist eleganter und bewegter geworden (oben), verglichen mit dem strengen Adler (unten), der die vergangenen Jahrzehnte die Drucksachen der Bundesärztekammer zierte.
Ä rzte sind keine Anbieter, und Patienten sind keine Kunden“, konstatierte der scheidende Bundespräsident, Johannes Rau, bei der Eröffnung des 107. Deutschen Ärztetages am 18. Mai in Bremen. Die Zuhörer waren ganz seiner Meinung.
Die politische Meinungsbildung läuft anders. Heilberufler und Patienten sind hiernach wirtschaftende Subjekte, die sich auf dem Gesundheitsmarkt treffen. Dort wird Effizienz angestrebt, um Gesundheitsleistungen preiswert erbringen zu können. Methode der Wahl ist die Konzentration der Leistungen und damit einhergehend die Zentralisierung der Institutionen.
Vor diesem Hintergrund sind auch die radikalen Veränderungen zu sehen, die der 107. Deutsche Ärztetag an der (Muster-)
Berufsordnung vorgenommen hat. Wenn diese Musterordnung demnächst länderweise umgesetzt wird, dann können sich Ärztinnen und Ärzte künftig in den verschiedensten Formen niederlassen oder zwischen ambulanter und stationärer Versorgung tätig werden: Neben den herkömmlichen Freiberufler in Einzel- oder Gemeinschaftspraxis tritt der niedergelassene ärztliche Unternehmer, der eine Praxis mit Zweigstellen unterhält oder ein Medizinisches Versorgungszentrum betreibt. Angestellte Ärzte können ambulant arbeiten sowohl in Zentren wie auch in den Praxen von Kollegen.
Für viele ergeben sich daraus ungeahnte Berufschancen, als Unternehmer, als Angestellter in einem Bereich, der bisher weitgehend abgeschottet war. Auf der Strecke bleibt der niedergelassene Freiberufler. Er, der den Arztberuf über Generationen und Generationen geprägt hat, wird zur Randerscheinung. Damit wandelt sich auch das Arztbild in der Bevölkerung.
Nicht erst das GKV-Modernisierungsgesetz führt zur Zentralisierung medizinischer Leistung, aber es forciert sie auf dem ambulanten Sektor. Im stationären Sektor ist die Konzentration bereits seit langem im Gange und weit fortgeschritten. Ein Weiteres wird demnächst mit DMP und DRGs besorgt, und zu erwarten ist auch, dass die anhaltende Forderung nach „Mindestmengen“ (Näheres dazu in diesem Heft) zur weiteren Konzentration beitragen wird. Zum Nachteil der kleinen Krankenhäuser schlägt auch aus, dass, wie vom Ärztetag erneut bekräftigt, der Allgemeininternist zum Aussterben verurteilt ist.
Neben die weiter fortschreitende Ausdünnung der Krankenhauslandschaft tritt nun im Gefolge des GKV-Modernisierungsgesetzes auch die Ausdünnung der ambulanten Versorgung. Das Gesetz habe einen Paradigmenwechsel eingeleitet und bedeute den Abschied von der flächendeckenden, wohnortnahen fachärztlichen Versorgung, resümierte der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, auf dem Ärztetag in Bremen.
Es ist kurios – ausgerechnet heute, da unsere Gesellschaft altert und die Zahl der jungen wie alten Singles zunimmt, wird aus überwiegend wirtschaftlichen Erwägungen die medizinisch-ärztliche Versorgung punktuell konzentriert. Das bedeutet lange Anfahrten für Alte und Kranke und soziale Isolation der Kranken, die in zentralen Einrichtungen aufgenommen werden müssen. Der mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte Hausarzt der Zukunft wird das Verschwinden des wohnortnahen Spezialisten und örtlichen Krankenhauses kaum kompensieren können.
Aber wie immer bei Konzentrationsprozessen, es bilden sich Nischen, in denen es sich gut leben lässt. Für eine begrenzte Anzahl von Ärzten wird es sehr reizvoll sein, als Einzelarzt höchst privat Patienten zu versorgen. Es wird Chancen für eine wohnortnahe stationäre Versorgung neuen Typs geben, wo alte Kranke aufgenommen und junge Singles während einer akuten Krankheit versorgt werden, wo Todkranke in Ruhe sterben können und wo Patienten, die gemäß DRG halb gesund entlassen wurden, gesund gepflegt werden. Ansätze zu all dem gibt es schon.
Einen kleinen Schönheitsfehler haben die Nischen möglicherweise: Sie kosten und müssen bezahlt werden. Zumeist privat. Norbert Jachertz
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