In meiner pädiatrischen Praxis wurden 400 der 1 200 Masernfälle behandelt. Da ich die Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ habe, wurden alle Kinder homöopathisch behandelt. Die Eltern wussten, dass ihre Kinder bei der nächsten Masernepidemie erkranken würden, sonst hätten sie ihre Kinder impfen lassen. (Circa 70 Prozent der von mir betreuten Kinder werden gegen Masern geimpft).
Ich bin kein „Impfgegner“, wie mir von einigen „Kollegen“ und auch den öffentlichen Medien zum Teil unterstellt wurde. Ich bin nicht für oder gegen eine Impfung, genauso wie ich nicht für oder gegen Antibiotika bin, sondern wäge in jedem Einzelfall die Indikation so genau wie möglich ab. Bei der Abwägung für oder gegen die Impfung wurde ausführlich beraten, der Verlauf der Masernerkrankung erklärt, es wurde erwogen, ob das Risiko Masern durchzumachen vertretbar ist (zum Beispiel keine Masern-Komplikationen in der Familie, keine chronische oder angeborene Krankheit beim Kind). Den Eltern war klar, dass Masern eine schwere Erkrankung sind und sie haben sich aktiv in jedem Einzelfall für die Krankheit entschieden.
Wir wissen, dass nach der Masernerkrankung eine lebenslange Immunität besteht. In Coburg haben die Geimpften von der Masernepidemie profitiert, da ihr Impfschutz dadurch geboostert wurde (eventuell sogar lebenslänglich). Die zehn Prozent Impfversager haben Gelegenheit gehabt, Masern noch in der Kindheit durchzumachen, ein Lebensalter, in dem die Komplikationsrate wesentlich geringer ist als bei Erwachsenen.
Niemand weiß, wie lange die Geimpften wirklich geschützt sind, da es erst eine circa 35-jährige Erfahrung mit der Impfung gibt.
Ob sich das heute mehrheitlich angestrebte Ziel der weltweiten Masern-Ausrottung verwirklichen lässt, ist zweifelhaft. Masern sind eine in allen Aspekten andere Krankheit als Polio oder Pocken.
Ließe sich aus der Coburger Masernepidemie, bei der 1 200 Menschen
die Krankheit ohne schwere Komplikationen und vor allem ohne blei-
bende Schäden durchgemacht haben, vielleicht auch lernen, dass zwischen den zwei Extremen „Ausrottung“ und „Alle machen Masern durch“ ein Mittelweg möglich ist?

Dr. med. Karl Fromme
Löwenstraße 15a
96450 Coburg

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