

Ein Kampagnen-Plakat des „Weißen Rings“ gegen häusliche Gewalt. Das Bild
haben Studierende der Bauhaus-Universität Weimar im Auftrag der Opferschutzorganisation
gestaltet.
Foto: ddp
Für Opfer häuslicher Gewalt ist eine medizinische Einrichtung oft die erste Anlaufstelle.
Im Rahmen des Interventionsprogramms S.I.G.N.A.L. wurde ein Fortbildungskonzept für Ärzte und Pflegekräfte erfolgreich erprobt.
Schätzungen zufolge sei jede dritte bis fünfte Frau im Verlauf ihres Lebens mit körperlicher oder sexueller Gewalt konfrontiert, die mehrheitlich von dem aktuellen oder ehemaligen Lebenspartner verübt werde, betonte Dr. Birgit Schweikert, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, während der Berliner Fachtagung zum S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm gegen häusliche Gewalt. In diesem Modellprojekt wurde an der Berliner Charité, Campus Benjamin Franklin (CCBF), erstmalig die Fortbildung pflegerischen und medizinischen Fachpersonals zum Umgang mit Opfern häuslicher Gewalt erfolgreich erprobt.
Für viele Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind, ist eine medizinische Einrichtung die erste Anlaufstelle. Deshalb müssten Ärzte und Pflegefachkräfte geschult werden, wie sie die Frauen gezielt unterstützen können, fordert Prof. Dr. med. Martin Paul, Dekan der Charité-Universitätsmedizin Berlin, der das „Best practise“-Projekt gern an der gesamten Charité implementieren möchte.
Häusliche Gewalt ist nach Überzeugung von Dr. med. Ursula Auerswald, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, nicht nur in der Klinik, sondern auch bei Niedergelassenen ein Thema. Deshalb sei man bemüht, Ärzten Ratschläge zum Umgang mit diesem Problem zu geben, denn „mit der alleinigen Behandlung von Verletzungen ist es nicht getan“. Die gerichtsverwertbare Dokumentation aller Befunde und Angaben sei besonders wichtig, ergänzte Prof. Dr. Helmut Maxeiner, Institut für Rechtsmedizin, Freie Universität Berlin.
Häusliche Gewalt kann jede Frau treffen, erklärte S.I.G.N.A.L.-Projektkoordinatorin Marianne Peters – unabhängig von Bildungsstand, Nationalität, Einkommen, Religion, Alter oder ethnischer Zugehörigkeit. Vor diesem Hintergrund begann das Interventionsprojekt 1999 seine Arbeit am Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF), heute CCBF, und entwickelte zielgruppenspezifische Fortbildungskonzepte für Pflegekräfte und Ärzte, mit dem Er-folg, wie Claire Hemmert-Seegers, Rettungszentrum der Charité, betonte, dass Pflegekräfte im Rahmen der zweitägigen Schulung „Bloß nicht nachfragen! Das ist Privatangelegenheit.“ ihre Haltung verändern konnten und seither eher in der Lage seien, zuzuhören, nachzufragen und Hilfe zu vermitteln.
Studie zu Gewalterfahrungen
Für die Ärzte sei ein wesentlich kürzeres modulares Fortbildungskonzept entwickelt worden, erläuterte die Gesundheitswissenschaftlerin Hildegard Hellbernd, Technische Universität Berlin. Die Begleitforschung in den Jahren 2000 bis 2003 zeigte, dass es aufgrund der starken zeitlichen Belastung und des hohen Arbeits- und Qualifikationsdrucks an einer Universitätsklinik am ehesten im Rahmen von Pflichtveranstaltungen möglich ist, Ärzte für das Thema zu sensibilisieren.
Um den Versorgungsbedarf zu klären, wurde 2002 eine erste deutsche Studie zu Gewalterfahrungen unter Erste-Hilfe-Patientinnen durchgeführt. Die Befragung von 806 Patientinnen der Ersten Hilfe/Notaufnahme am damaligen UKBF ergab, so Petra Brzank, dass 52 Prozent der Frauen im Alter von 18 bis 60 Jahren mindestens eine Form von Gewalterfahrung in ihrem Leben hatten; 39 Prozent berichteten von körperlicher Gewalt, 20 Prozent von sexueller Gewalt, 31 Prozent von emotionaler Gewalt durch Angst, Bedrohung, Kontrolle, Isolation oder Demütigung. 37 Prozent hatten nach ihrem 16. Lebensjahr häusliche Gewalt durch den Partner, den ehemaligen Partner oder Familienangehörige erlebt.
Wobei diese Ergebnisse aufgrund des spezifischen Einzugsbereichs der Berliner Universitätsklinik nur bedingt verallgemeinert werden könnten, betonte Brzank, weil im Umfeld des Klinikums eine hauptsächlich mittelständische Bevölkerung im mittleren bis höheren Alter und mit hauptsächlich deutsch-kultureller Herkunft wohne. Internationale Studien weisen darauf hin, dass ein jüngeres Alter, Kinder im erziehungspflichtigen Alter und ein relativ geringes Familieneinkommen zu einer größeren psychosozialen Belastung führen, die das Risiko für Gewalterleben erhöht. So stellten die im CCBF ermittelten Werte eher eine untere Schätzung dar.
67 Prozent aller Frauen gaben an, dass Ärztinnen und Ärzte im Fall von erlebter Gewalt Ansprechpersonen für sie wären. 45 Prozent der von Gewalt betroffenen Frauen hätten sich ein Nachfragen durch den Arzt gewünscht. Mehr als zwei Drittel der Befragten befürworteten eine Frage nach Gewalterfahrung als Teil der allgemeinen Anamnese.
Die Ergebnisse der Studie unter Leitung von Prof. Dr. Ulrike Maschewsky-Schneider, Institut für Gesundheitswissenschaften, Technische Universität Berlin, ebenso wie praktische Hinweise für den Umgang mit gewaltbetroffenen Frauen sind in dem Praxishandbuch „Häusliche Gewalt gegen Frauen“ zusammengestellt. Wegen großer regionaler Unterschiede besteht das Ziel für die nächsten Jahre darin, bundesweit Möglichkeiten zur Umsetzung des S.I.G.N.A.L.-Projektes auszuloten. Das Thema „Häusliche Gewalt“ müsse fester Bestandteil in der
Aus-, Weiter- und Fortbildung von Ärzten und Pflegekräften werden, unterstrich S.I.G.N.A.L.-Vorsitzende Angelika May.
Karin Dlubis-Mertens
Literatur
1. Hellbernd H, Brzank P, Wieners K, Maschewsky-Schneider U (2004): Häusliche Gewalt gegen Frauen: gesundheitliche Versorgung. Das S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm. Handbuch für die Praxis. Wissenschaftlicher Bericht, 2004.
(zu beziehen über das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, www.bmfsfj.de
Download:
tegorien/Forschungsnetz/forschungsberichte,did=18204.html)
2. Hellbernd H: Synopse zur Aus-, Fort- und Weiterbildung: Häusliche Gewalt – Erkennen, Sensibilisieren und Erlernen des Umgangs, 2004. (zu beziehen über: Bundeskoordination Frauengesundheit, www.bkfrauen
gesundheit.de)
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