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THEMEN DER ZEIT

Diplom-Mediziner: 35 Jahre Entwürdigung ostdeutscher Ärzte

Dtsch Arztebl 2004; 101(36): A-2372 / B-1992 / C-1920

Markus, Lothar

Inzwischen ist es notwendig, den weiteren Bestand des Titels Dipl.-Med. infrage zu stellen.

Den Wert und die Bedeutung akademischer Grade und Arbeiten kann man zweifellos unterschiedlich bewerten. Schon allein der akademische Titel sorgt für fachliche und gesellschaftliche Anerkennung; hingegen wird die praktische oder wissenschaftliche Bedeutung der für den Titelerwerb erforderlichen Forschungsarbeit oftmals zurückhaltend beurteilt. In vielen Wissenschaftsbereichen ist für den Erwerb des Doktorgrades eine umfangreiche und zeitaufwendige Forschungsarbeit erforderlich, deren Durchführung dem Doktoranden ermöglicht werden muss.
Die Medizin nimmt diesbezüglich in Deutschland seit Jahrzehnten eine Sonderrolle ein. Der Medizinstudent oder Arzt erhält für eine bestimmte wissenschaftliche Arbeit den akademischen Grad eines Dr. med., ohne in der Regel eine Forschungsleistung erbracht zu haben, die vom Zeitaufwand und damit auch vom Gehalt her mit der anderer Fachgebiete vergleichbar ist. An eine medizinische Dissertation werden in Bezug auf die Qualität in der Regel geringere Ansprüche gestellt, als sie andere Fachgebiete, wie die Natur-, Geistes- oder Gesellschaftswissenschaften, bei einer Promotionsarbeit für erforderlich halten (1).
Ausdruck der Wertschätzung
Die Anerkennung der in der Medizin vorgelegten Arbeit als Dissertation ist somit auch Ausdruck der hohen fachlichen und sozialen Wertschätzung, die man der Leistung des Arztes in der Gesellschaft entgegenbringt. Allerdings ist die Zeit, die einem Medizinstudenten oder Arzt in Weiterbildung zur Verfügung steht, um eine wissenschaftliche Leistung von der Qualität einer Promotionsarbeit zu erbringen, relativ knapp bemessen.
Deshalb hatte man auch in der DDR bis 1968 besondere Maßstäbe und Forderungen zugrunde gelegt, die denen anderer Fach- und Wissenschaftsbereiche nicht immer glichen. Mit dem Jahr 1969 und der III. Hochschulreform wurde in der DDR unter dem Einfluss des Ministeriums für Gesundheitswesen der akademische Grad Dipl.-Med. eingeführt und zur Voraussetzung für den Erwerb des akademischen Grades Dr. med. erklärt (3, 4, 5).
Mit der III. Hochschulreform sollte eine „Effektivierung im Hochschulwesen und eine Ausrichtung zur sozialistischen Hochschule“ (2) erreicht werden. In der Medizin wurde die Studienzeit von sechs auf fünf Jahre verkürzt und das sechste Studienjahr in ein Praktisches Jahr umgewandelt. Nach den Vorstellungen der Verantwortlichen sollte die Diplomarbeit im dritten, vierten und fünften Studienjahr realisiert werden (2). Die Diplomarbeit war die Voraussetzung für die Dissertation, die dann während der Facharztausbildung erstellt werden sollte. Allein am Zeitaufwand für die Diplomarbeit lässt sich ablesen, wie zeitintensiv diese Arbeit war und welche Qualitätsansprüche gestellt wurden.
Die Diplomarbeit muss somit hinsichtlich ihrer formalen und inhaltlichen Ansprüche durchaus der bis dahin üblichen Dissertation gleichgestellt werden. Das Thema wurde von einem anerkannten Hochschullehrer vergeben und die Arbeit von diesem betreut. Die Arbeit wurde von mindestens zwei Fachgutachtern beurteilt und vor einem wissenschaftlichen Gremium verteidigt. Das gesamte Procedere war dem einer Promotion durchaus ähnlich. Zur Erstellung einer Promotion musste noch eine weitere wissenschaftliche Arbeit von noch größerem Umfang erbracht werden, die manchmal nur bedingt auf die Diplomarbeit aufbauen konnte. Für die Einleitung eines Promotionsverfahrens waren jedoch nach 1969 weitere Hürden aufgebaut. So musste der zusätzliche Nachweis einer einjährigen Weiterbildung im Fach Marxismus-Leninismus vorgelegt werden und der Qualifikationsnachweis für die Fremdsprache Russisch. Damit waren dem Erwerb des akademischen Grades Dr. med. viele Hürden in den Weg gestellt, die nicht nur fachlicher, sondern auch politischer Natur waren.
Aber die Eingriffe bei den akademischen Abschlüssen in der Medizin beschränkten sich nicht auf die Einführung des Dipl.-Med., sondern auch bei den habilitierten Ärzten wurde der akademische Grad Dr. sc. med. anstelle des bis dahin üblichen Dr. med. habil. eingeführt.
Abgrenzungsversuche
Über die Ursache der Einführung des akademischen Grades Dipl.-Med. durch den Staat und das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR gibt es viele Spekulationen; der Staat hat sich hierzu öffentlich nie klar und deutlich ausgesprochen. Bei allen verständlichen Bestrebungen des Staates, die Absolventen der Medizin denen anderer Fachgebiete gleichzustellen, bedeutete die Einführung des akademischen Grades Dipl.-Med. einen schweren Eingriff mit Folgen für die fachliche und gesellschaftliche Anerkennung des Arztes.
Nicht außer Acht gelassen werden darf, dass sich das Gesundheitswesen in Ostdeutschland von dem in Westdeutschland zunehmend abzugrenzen suchte, wozu auch der Eingriff in die akademischen Grade gehörte. Entschiedene politische Gegner des DDR-Systems behaupten sogar, die DDR-Regierung hätte den akademischen Grad Dipl.-Med. eingeführt, um für ausreisewillige DDR-Ärzte schlechtere Integrationsvoraussetzungen im westlichen Ausland zu schaffen. Letztlich wird man diese Dinge wahrscheinlich nicht klären können; mehrere Faktoren werden wahrscheinlich auslösend gewesen sein.
Mit der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten musste auch die Angleichung der zum Teil sehr unterschiedlichen Gesundheitssysteme erfolgen. Hierzu gehörte auch die Angleichung der akademischen Grade. Während es den habilitierten Ärztinnen und Ärzten nach 1989 relativ rasch gelang, ihren akademischen Grad Dr. sc. med. in Dr. med. habil. umzuwandeln, hat man sich mit dem akademischen Grad Dipl.-Med. ziemlich schwer getan. Keiner wollte sich der Angelegenheit annehmen, und schließlich hat man sich darauf geeinigt, den Dipl.-Med. in der akademischen Landschaft des vereinigten Deutschland bestehen bleiben zu lassen.
Fossil aus DDR-Zeiten
Der Dipl.-Med. ist aber nichts anderes als ein Fossil aus DDR-Zeiten, das an ein Staatssystem erinnert, das willkürlich und aus politischen Gründen in die akademischen Grade der Medizin eingriff. Bereits im August 2003 wurde das sächsische Kultusministerium mit mehreren Schreiben auf diesen Sachverhalt aufmerksam gemacht und angeregt, dass der akademische Grad Dipl.-Med. in den Dr. med. umgewandelt wird. Leider musste festgestellt werden, dass es im Kultusministerium sehr wenig Sachkenntnis diesbezüglich gab, sodass weitere Aktivitäten dort wenig hilfreich schienen.
Da der Dipl.-Med. auch in Europa einmalig ist, ist es durchaus erforderlich, im Rahmen einer europäischen Angleichung über die weitere Existenz dieses akademischen Grades nachzudenken. Vorgeschlagen wird deshalb, aufgrund der besonderen Bedingungen im wiedervereinigten Deutschland und der besonderen Bedeutung des Dr. med. in der Medizin zu prüfen, ob eine Gleichstellung von Dipl.-Med. und Dr. med. möglich ist.
Hierzu sollte unter Federführung der Ärztekammer oder eines wissenschaftlichen Gremiums eine Kommission aus erfahrenen Hochschullehrern aus der ehemaligen DDR und der BRD gebildet werden, die diese Gleichstellung prüft. Wird festgestellt, dass die Di-
plomarbeit durchaus den formalen und inhaltlichen Ansprüchen einer Promotionsarbeit der damaligen BRD entspricht, sollte dieser Abschluss in den akademischen Grad Dr. med. umgewandelt werden; bestehen deutliche Defizite, muss über das weitere Procedere entschieden werden. Eine primäre Wandlung scheint das Einfachste zu sein. Alle, die neben dem Dr. med. auch den Dipl.-Med. erworben haben, werden gehalten, nur den Titel Dr. med. zu führen.
Eine solche Prüfung der Gleichstellung der akademischen Arbeiten sollte als eine Verpflichtung angesehen werden, die man im Rahmen der Wiedervereinigung zu leisten hat und die man den zahlreichen ostdeutschen Ärztinnen und Ärzten schuldig ist, die durch die Willkür des DDR-Staates um die verdienten Früchte ihrer Leistung betrogen wurden. Die entschiedene Positionierung der Ärzteschaft beim Dr. med. ist besonders wichtig, da die Bundesregierung mit der Einführung eines neuen akademischen Grades in der Medizin, dem Medical Doctor (MD), einen erneuten Angriff auf den Dr. med. startet.
Die Ärzte werden sich gut überlegen müssen, ob sie sich ihre alte akademische Würde nehmen lassen und diese gegen einen akademischen Grad eintauschen, der außerhalb der allgemeinen wissenschaftlich-akademischen Landschaft steht, oder ob sie sich weiter für den Dr. med. einsetzen, der die deutsche Ärzteschaft seit Jahrzehnten begleitet.

Literatur
1. Baur E-M, Greschner M, Schaaf L: Praktische Tips für die Medizinische Doktorarbeit. Berlin, Heidelberg: Springer 1996.
2. Bühler G: Medizinstudium und Studienreform in der SBZ/DDR im Zeitraum 1945–1990. Dissertation an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig 1998.
3. Winter K et al.: Deine Gesundheit. Unser Staat. Berlin: VEB Volk und Gesundheit 1969.
4. Winter K et al.: Medizin und Gesellschaft. In: Sozialismus und Gesundheitswesen, Band 6. Jena: VEB Gustav Fischer Verlag 1979.
5. Winter K et al.: Das Gesundheitswesen in der Deutschen Demokratischen Republik. Bilanz nach 30 Jahren. Berlin: VEB Verlag Volk und Gesundheit 1980.

Dr. med. Dipl.-Med. Lothar Markus
Landesvorsitzender Sachsen des NAV-Virchow-Bundes
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