WISSENSCHAFT

Psychotherapiemethoden im Vergleich: Längere Behandlungen – bessere Ergebnisse

PP 3, Ausgabe September 2004, Seite 421

MS

Mit einer Psychotherapie verbessern sich häufig nicht nur die Zielproblematik, sondern auch psychische Allgemeinfunktionen. Dazu zählen etwa Beziehungsfähigkeit, Arbeitsproduktivität, körperliches Befinden und Lebensfreude. Auch die Fähigkeit zur Stressbewältigung, die persönliche Entwicklung, Verständnis für andere, Stimmungslage und Selbstwertgefühl werden zu den Allgemeinfunktionen gerechnet.
Unterschiede von geringer Relevanz
Psychologen von der Universität Saarland untersuchten jetzt, welche Effekte unterschiedliche psychotherapeutische Verfahren auf die Zielproblematik und die Allgemeinfunktionen haben. Verglichen wurden Psychoanalyse, tiefenpsychologisch-fundierte Psychotherapie und Verhaltenstherapie. An der Studie nahmen 979 Psychotherapiepatienten teil, von denen drei Viertel weiblichen und ein Viertel männlichen Geschlechts waren. 68 Prozent befanden sich in laufender Behandlung, während 32 Prozent ihre Therapie bereits abgeschlossen hatten. Von den Patienten klagten 63 Prozent über depressive Verstimmungen, ebenfalls 63 Prozent über andauernd schlechte Stimmung, 37 Prozent über generelle Ängste und 34 Prozent über stressbedingte körperliche Beschwerden. Weitere 29 Prozent berichteten über Partnerschaftsprobleme, 25 Prozent über Panikattacken, 22 Prozent über Probleme mit ihren Kindern, 22 Prozent über Probleme am Arbeitsplatz und 18 Prozent über Trauer. 16 Prozent gingen in Therapie wegen Essstörungen (Übergewicht und Störungen des Essverhaltens), zehn Prozent wegen Schwierigkeiten, eine körperliche Erkrankung zu bewältigen, und sechs Prozent wegen Alkohol- und Drogenproblemen.
Die Untersuchung zeigte, dass eine psychotherapeutische Behandlung zu einer Besserung sowohl der Zielproblematik als auch bestimmter psychischer Allgemeinfunktionen führte, was sich unter anderem in einer verbesserten erlebten Beziehungsfähigkeit, in einem besseren Selbstwertgefühl und einer besseren Stimmungslage ausdrückte. „Im Vergleich der psychotherapeutischen Verfahren ergaben sich zwar Unterschiede in den Besserungsraten, insgesamt aber zeigten sich diese Unterschiede nur in wenigen Kategorien und waren von geringer Relevanz“, berichten die Forscher. Bei Patienten, die sich in Behandlung befanden, besserten sich die Symptome mit zunehmender Therapiedauer, und zwar unabhängig von der Therapieschule. Von denjenigen, die ihre Therapie abgeschlossen hatten, profitierten jedoch von der Therapiedauer nur Patienten, die sich einer Psychoanalyse unterzogen hatten. Die Forscher erklären diesen Unterschied mit den unterschiedlichen Herangehensweisen in den einzelnen Therapieschulen. Darüber hinaus fanden sie Hinweise, die der von Grawe et al. (1994) aufgestellten Behauptung, kürzere Psychotherapie nütze mehr als längere, widersprechen. „Die Besserungen der Beschwerdesymptomatik ist ebenso wie die Verbesserung der Allgemeinfunktionen zeitabhängig – längere Behandlungen mit einer Dauer von mehr als zwei Jahren bringen durchweg bessere Ergebnisse“, sagen die Forscher. ms

Hartmann S, Zepf S: Verbesserung psychischer Allgemeinfunktionen durch Psychotherapie. Drei psychotherapeutische Verfahren im Vergleich. Psychotherapeut 2004: 49: 27–36.

Grawe K, Donati R, Bernauer F: Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession. Göttingen: Hogrefe 1994.

Dr. med. Sebastian Hartmann, Institut für Psychoanalyse, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, Haus 2, Universitätskliniken des Saarlandes, 66421 Homburg,
E-Mail: s.hartmann@sz.uni-sb.de
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