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SPEKTRUM: Leserbriefe

Medizinstudium: Ziel glatt verfehlt

Dtsch Arztebl 1996; 93(50): A-3308 / B-2790 / C-2470

Speidel, H.

Zu dem Beitrag "Fakultätentag bekennt Farbe" von Dr. Harald Clade in Heft 46/1996
Das Reformkonzept der Präsidialkommission des Medizinischen Fakultätentages hat manche gute Gedanken entwickelt, aber in einem entscheidenden Gesichtspunkt das Ziel, das Studium praxisgerechter auszugestalten, glatt verfehlt. Obwohl man doch nun seit langem durch viele seriöse Studien weiß, daß bei wenigstens 30 Prozent der Fälle in der Praxis psychosoziale Probleme dominieren, sind die dafür zuständigen Fächer Medizinische Soziologie und Psychosomatik/Psychotherapie geopfert worden, das heißt, die der Praxis widersprechende einseitige Betonung der technischen Medizin wird noch einseitiger. Die Vorstellung, man habe dafür dort die Psychiatrie, ist naiv, denn nirgendwo in Europa leistet sie das, und in den USA ist die ärztliche Psychotherapie nahezu verschwunden, weil sie dort bei der Psychiatrie nicht in guten Händen ist.
Der Allgemeinarzt wiederum, dessen Rolle glücklicherweise gestärkt wird, kann seine psychosozialen Aufgaben ohne den ärztlich-psychotherapeutischen, psychosomatischen Spezialisten so wenig erfüllen, wie er seine chirurgischen Probleme ohne Chirurgen lösen kann. Wer die ärztliche Realität ernst nimmt, darf nicht aus dem Studium die psychosoziale Dimension eliminieren beziehungsweise auf das psychiatrische Spektrum reduzieren. In diesem Punkt hat die Entwicklung schon in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe vom Dezember 1995 und nun in dem Entwurf der Präsidialkommission des Medizinischen Fakultätentages eine enttäuschende, ja geradezu trostlose Entwicklung genommen. Die Folgen werden sich einstellen, und die USA sind das warnende Beispiel: Dort zahlen die Patienten für paramedizinische Bemühungen schon weit mehr Honorar als für die Leistungen von Allgemeinärzten.
Prof. Dr. med. H. Speidel, Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Niemannsweg 147, 24105 Kiel
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