THEMEN DER ZEIT: Diskussion
„Kriegskinder im Alter“ – Bei Diagnose historisch denken: Auf Somatisierungserkrankungen achten
Dtsch Arztebl 2004; 101(42): A-2801

. . . Gerade bei Somatisierungserkrankungen, wie dem Leiden am Tinnitus und bei psychogenem Schwindel, lohnt es sich, nicht nur auf das Geburtsdatum zu achten, sondern auch gezielt nach der Zeit im Krieg zu fragen, was unserer Erfahrung nach in aller Regel entlastend und nicht etwa beschämend erlebt wird. Im Gegenteil zeigt sich dann, oft neben dem nicht selten ungläubigen Staunen, dass die jetzigen Symptome und die Symptomverarbeitung tatsächlich etwas mit den Erlebnissen der Kriegszeit zu tun haben können. Dem folgt oft ein meist „heilsamer Dammbruch“ mit der Möglichkeit, über das damals Erlebte, Erinnerte und auch nur Gespürte berichten zu können, ohne entweder als Revanchist oder als Stigmatisierter gelten zu müssen.
Aufgabe der Therapeuten ist es dann oft, die manchmal offensichtlichen, nicht immer aber so einfachen Zusammenhänge zur jetzigen Symptomverarbeitung zu finden und darzustellen.
Dabei erleben sich am Tinnitus Leidende oft ähnlich hilflos ausgeliefert wie während der durch Sirenen angekündigten Luftangriffe und im Schwindel oft ähnlich haltlos und ohnmächtig wie in den Situationen, wo sie entweder der Gewalt weichen mussten oder um des Überlebens willen weder einen Ton noch eine Regung von sich geben konnten.
Dabei zeigt sich auch, wie von Radebold beschrieben, dass diese Patienten trotz des sehr frühen Leids noch eine Menge psychischer Kompetenzen entwickeln konnten, die nutzbar sind für eine Psychotherapie, in der meist nur der Altersunterschied zwischen Behandlern und Behandelten das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zu den sonstigen Standards der Psychotherapien darstellt. In diesem Sinne begegnen die alt gewordenen „Kriegskinder“ tatsächlich oft vielen Therapeuten, die in einer Nachkriegszeit aufgewachsen sind, die glücklicherweise diese Not nicht aus dem eigenen direkten Erleben kennen lernen mussten und nun bei den „Älteren“ dran denken und sich einfühlen müssen.
Literatur beim Verfasser
Dr. med. Helmut Schaaf, Tinnitus-Klinik Arolsen, Große Allee 3, 34454 Arolsen
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