Supplement: Reisemagazin
Usedom/Heringsdorf: Alte Traditionen
Dtsch Arztebl 2004; 101(42): [14]


Fotos: Detlef Berg
Blick auf die längste Seebrücke des Kontinents in Heringsdorf
Usedoms vornehmstes Seebad ging aus einer 1818 angelegten namenlosen Fischerkolonie hervor. Wie die Chronik zu berichten weiß, hatte die Kolonie ihren Namen vom preußischen Kronprinzen, dem späteren Friedrich Wilhelm IV. erhalten. Man hatte ihn „alleruntertänigst um Namensgebung“ gebeten, und angesichts der vielen Fischernetze fiel ihm spontan Heringsdorf ein.
Die ersten Erholungssuchenden, die an die Küste kamen, waren Offiziere, die der preußische Staat auf Genesungsurlaub schickte. 1824 machte der Rittergutsbesitzer und Oberforstmeister von Bülow den wagemutigen Anfang und ließ auf eigenem Grund ein Gesellschaftshaus, drei Logierhäuser, ein Warmbadhaus und Badeanstalten errichten. Schon bald wurde der Ort zum Treffpunkt von Hochadel und -finanz, von Großgrundbesitzern und Industriellen. Endgültig entwickelte sich Heringsdorf zum Weltbad, als der Stettiner Fabrikant Dr. Hugo Delbrück 1872 die „Aktiengesellschaft Seebad Heringsdorf“ gründete. Jetzt entstanden in rascher Folge protzige und verschnörkelte Nobelpensionen mit Wintergärten, Veranden, Balkonen, Türmchen und Säulen. Das
architektonische und gesellschaftliche Herz und Wahrzeichen des luxuriösen Heringsdorfer Strandlebens waren lange Zeit die zwischen 1891 und 1893 von Hugo Delbrück erbaute „Kaiser-Wilhelm-Brücke“, das 1906 vollendete prächtige Hotel „Kaiserhof-Atlantik“ sowie das Kurhaus mit dem Strandkasino, einem Saal für Konzerte, Theater und Bälle, kleinerem Musik-, Lese- und Konversationssaal.
Kaiser-Wilhelm-Brücke
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg brannten der Brückenkopf der alten Brücke und das dort eingerichtete Restaurant sowie das Kurhaus nieder. Zwölf Jahre später fiel auch das verschnörkelte hölzerne Eingangsgebäude mit seinen charakteristischen Türmchen einer Brandstiftung zum Opfer. Der „Kaiserhof-Atlantik“ wurde noch einige Jahrzehnte als FDGB-Ferienheim genutzt. 1979 wurde es, völlig heruntergewirtschaftet, gesprengt und an seinem Standort entstanden zwei triste Plattenhochhäuser. Damals galt die wilhelminische Architektur als „Denkmal sozialer Unmöglichkeit“ und Zeichen bürgerlicher Dekadenz.
Heute knüpft Heringsdorf wieder an die alte Tradition an. Nach der „Wende“ von 1989 war es wiederum die Familie Delbrück, die sich ihres Engagements vor hundert Jahren erinnerte und, vom Bürgermeister Hans-Jürgen Merkle angesprochen, über ihr gleichnamiges Bankhaus die Finanzierung einer neuen Brücke übernahm. Mit 508 Metern Länge ist sie nicht nur die längste des europäischen Festlands – nur in Großbritannien reichen die Seebrücken noch weiter ins Meer – , sondern auch das einzige privat finanzierte Bauwerk dieser Art an der Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern. Der neue Bau präsentiert sich als moderner Glastempel mit gläserner Trennwand als Windschutz, Rundrestaurant sowie mit einem gefälligen Shopping-Appartment-Zentrum am Zugang. Hier steht auch der Kugelbrunnen, der zum Treffpunkt für Einheimische und Touristen geworden ist. Die Kugel aus schwedischem Granit wird mit Wasserdruck bewegt; sie befindet sich genau zwischen den beiden modernisierten Hochhäusern.
Forum Usedom

Die Badehäuser von Ahlbeck – das Wahrzeichen von Usedom
Neben der Seebrücke und einer Ostseetherme verfügt Heringsdorf über eine weitere Attraktion: das „Forum Usedom“. Dazu gehört das Maritim „Kaiserhof“ als größtes Tagungshotel Mecklenburg-Vorpommerns. Fast alle der 133 Zimmer und Suiten bieten Seeblick. Dabei fügt sich die Hotelanlage harmonisch in die Umgebung ein. Auch in Heringsdorf setzt Maritim auf seine Kompetenz im Tagungs- und Kongressbereich. Mit dem Tagungs- und Begegnungszentrum soll die Infrastruktur des traditionellen Seebades bereichert werden: Das „Forum Usedom“ liegt an der vier Kilometer langen Strandpromenade.
Viele Häuser sind mittlerweile aufwendig saniert worden. Ein besonders schönes Beispiel zeigt uns Werner John, Vorsitzender des Historischen Vereins, bei einer Stadtführung. Die neoklassizistische Villa
Diana entstand 1890 als Sommersitz für den Finanzberater Bismarcks, den Bankier Gerson von Bleichröder. Die noch heute den Park schmückende Bronzeskulptur, die der Bankier aufstellen ließ, verlieh dem Haus den Namen. Detlef Berg
- Informationen: Zweckverband Kaiserbäder Insel Usedom, Dünenstraße 45, 17419 Seebad Ahlbeck, Telefon: 03 83 78/2 44-0,
Fax: 03 83 78/2 44-55, Internet: www.drei-kaiserbaeder.de.
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