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EDITORIAL

„Kriegskinder im Alter“ – Bei Diagnose historisch denken: Es ist wichtig, dass sich Ärzte diesem Thema stellen

Dtsch Arztebl 2004; 101(42): A-2802

Lange, Peter

Gerade in der Beurteilung somatopsychischer und psychosomatischer Störungen älterer Patienten ergibt sich häufig ein biografischer Hintergrund aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die körperliche Erkrankung und die Aufnahme in ein Krankenhaus stellen bedrohliche und entwurzelnde Erfahrungen dar, die traumatisches Material aus der Kindheit und Jugend an die Oberfläche zu spülen scheinen. Während sich bei älteren Männern Erinnerungen an Fronterlebnisse und Verwundungen aufdrängen, klagen Frauen in oft erschütternden Berichten über Vertreibung, Heimatverlust und Misshandlung, Kriegskinder über den Verlust der Eltern. Oft reicht eine vertrauensvolle Gesprächssituation, das Sich-zur-Verfügung-Stellen des Zuhörers, und die Patienten brechen, ohne dazu aufgefordert zu werden, erstmals nach Jahrzehnten ihr Schweigen. Ein Patient mit Herzasthma wird von Erinnerungen an die stickige Hitze des Afrikafeldzuges verfolgt. Eine Patientin mit funktionellen Oberbauchbeschwerden berichtet unter Tränen erstmals, wie sie sich als von den Eltern getrenntes Kind in einem Vernichtungslager von Gras ernährt hat. Patientinnen mit chronischen Schmerzsyndromen teilen mit, dass sie als Kind Zeuge von Vergewaltigungen wurden. Es entsteht sogar der Eindruck einer Zunahme dieser Berichte, als wenn das sich öffnende Bewusstsein und die drängende Not der Betroffenen nach einem Weg suchten.
Es ist wichtig, dass sich Ärzte diesem Thema stellen und entsprechende Untersuchungen angestellt werden. Für die Betroffenen ist es die letzte Chance zu einer partiellen Aufarbeitung. Außerdem lassen sich Kosten durch Fehlbehandlungen vermeiden. Allerdings muss die Frage beantwortet werden, wie mit Kriegstrauma-Reaktivierungen am besten umzugehen ist. Zu guter Letzt geht es auch um die Hoffnung, dass die nächste Generation, die ungewollt und zum Teil unbewusst die Aufgabe eines Containings übernommen hat, eine Entlastung erfährt.
Dr. med. Peter Lange, Konsiliarpsychiatrischer Dienst am Klinikum Rosenheim, 83022 Rosenheim
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