
Jeden Monat entführt der Holzschnittkalender in eine neue Märchenwelt.
Wer kennt sie nicht: die Märchen aus der Kinderzeit, von Eltern oder Großeltern vorgelesen oder erzählt? Ob klassische Volksmärchen, wie die der Gebrüder Grimm, die auf einer mündlichen Erzähltradition beruhen, oder so genannte Kunstmärchen zum Beispiel von Wilhelm Hauff oder dem dänischen Märchendichter Hans Christian Andersen – sie alle haben gemeinsam, dass sie den Zuhörer verzaubern und in eine magische Welt entführen. Dort greifen übernatürliche Mächte ins Alltagsleben ein, Pflanzen, Tiere und Gestirne können sprechen und sind dem Menschen gleichgestellt. Tiere in Menschengestalt oder verwunschene Menschen in Tier- beziehungsweise Pflanzengestalt sind ebenso selbstverständlicher Bestandteil des Märchens wie Riesen, Zwerge, Drachen, Feen, Hexen und Zauberer.
Alter und Herkunft des Märchens, das ursprünglich der Unterhaltung Erwachsener diente, sind umstritten. Die ältesten heute bekannten Formen stammen aus dem Orient, Ägypten, aus der griechischen und römischen Antike.
Der Ursprung der Erzählsammlung „Tausendundeine Nacht“ – der in Europa bekanntesten Sammlung orientalischer Märchen – liegt, soweit man heute weiß, in Indien zur Zeit um Christi Geburt. Erst spät im ersten Jahrtausend gelangte sie über Persien nach Arabien, wo sie lange ohne weitere Bedeutung blieb. Im frühen Mittelalter wurden diese Erzählungen dann von Seefahrern, Pilgern, Kaufleuten und später auch durch die Kreuzfahrer nach Europa gebracht, wo sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts in französischer Übersetzung erstmals als „Tausendundeine Nacht“ Furore machten und eine regelrechte „Orientmode“ auslösten.
Den ersten Versuch einer umfassenden, systematischen Sammlung dessen, „was das Volk erzählt“, unternahmen die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm, deren Hauptinteresse dem volkskundlichen und nicht etwa dem erzählerischen Aspekt galt. Etwa 40 Personen steuerten Geschichten zu dieser Sammlung bei.
Die Kinder- und Hausmärchen hielten ihren weltweiten Einzug in die Kinderzimmer dann erstmals im 20. Jahrhundert, wo man ihnen große pädagogische Bedeutung zuschrieb, und zwar hauptsächlich wegen ihrer Nähe zum kindlichen animistischen Denken und Weltbild.
Doch nicht nur die Pädagogik, auch andere wissenschaftliche Disziplinen entdeckten das Märchen für sich. So geht zum Beispiel die Psychologie davon aus, dass die magische Welt der Märchen dem Kind helfen kann, seine Erlebniswelt voller Ängste und Aggressionen zu bewältigen. Märchen werden als Projektion von Wünschen und Ängsten des Menschen aufgefasst. Der Schweizer Psychologe und Psychiater C. G. Jung verstand Märchen als Ausdruck des kollektiven Unbewussten. Für den in Göttingen lehrenden Gehirnforscher Gerald Hüther vermittelt das Märchen den Kindern eine Art Urvertrauen.
Der Paderborner Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann hingegen ist davon überzeugt, dass nicht nur Kinder, sondern gerade Erwachsene der Märchen bedürfen: „Wer ein Märchen liest, nimmt sich selbst bei der Hand und steigt Stufe um Stufe in einen Brunnen herab“, sagt Drewermann. Und dort in der Tiefe begegnet er all den Schätzen, „die ihm stets verborgen und verboten wurden, die er aber erringen muss, um wirklich zu sein“.
Und für den Erfurter Märchenerzähler Andreas vom Rothenbarth stellen Märchen eine Lebensphilosophie dar: ihre Bedeutung liege darin, dass man sich gegenseitig noch etwas zu erzählen habe. Die Sprachvielfalt und das reiche Vokabular der Märchen (die Grimmschen Texte weisen annähernd 20 000 verschiedene Wörter auf) wirke auf die kleinen Zuhörer, und die knappe bildhafte Sprache fordere pausenlos die Fantasie heraus.
Welche Bedeutung man den Märchen auch zubilligen mag – es kann nicht schaden, den neuen Holzschnittkalender „Märchen 2005“, der jeden Monat mit seinen schwarz-weißen Bildern in eine andere Märchenwelt entführt, zum Anlass zu nehmen, wieder einmal zu einem Märchenbuch zu greifen. Susanne Schöning
Der Holzschnittkalender „Märchen 2005“ erscheint im November. Motive: Das Tor zur Märchenwelt/ Die Schneekönigin/ Von dem Fischer un syner Fru/ Die Gänsemagd/ Die drei Federn/ Die kluge Bauerntochter/ Schneeweißchen und Rosenrot/ Daumesdick/ Die Regentrude/ Der Eisenhans/ Die sieben Raben/ Die Bremer Stadtmusikanten/ Frau Holle. Original-Holzschnitte in limitierter und nummerierter Auflage. Anzahl: circa 400 Stück. Ringbindung, Größe:
34,5 cm x 23,5 cm. Preis: 21 Euro zuzüglich 3,50 Euro Versandkosten. Die Drucke 1 bis 20 erscheinen als De-luxe-Ausgabe auf Bütten-Papier mit Textbeilagen, jedes Blatt handsigniert. Preis: 40 Euro zuzüglich 3,50 Euro Versandkosten. Bezug: Werkstatt am Küppel, Anne Schöning, Sparbrod 9, 36129 Gersfeld/Rhön. Telefon: 0 66 54/79 99. Außerdem sind Holzschnitt-Grußkarten mit verschiedenen weihnachtlichen und anderen Motiven erhältlich.
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