

Einer Studie zufolge nehmen Migranten klinische Notfallambulanzen anders in Anspruch als deutsche Patienten.
Trotz eines Ausländeranteils von 8,9 Prozent an der Bevölkerung – in Großstädten sind es teilweise mehr als 30 Prozent – liegen über die Bedürfnisse von Ausländern als Patienten nur wenige Erkenntnisse vor. In der subjektiven Wahrnehmung von Mitarbeitern im Gesundheitswesen haben Migranten im Vergleich zu deutschen Patienten in der Regel zwar ein anderes Krankheitsverständnis, oftmals mehr Respekt gegenüber Ärzten und ein stärkeres Schmerzempfinden. Ob sie aber zum Beispiel klinische Notfallambulanzen als Einrichtungen, in denen die Bedürfnisse des Patienten und die eigene Wahrnehmung der Beschwerde und ihrer Symptome besonders im Vordergrund stehen, anders in Anspruch nehmen als deutsche Patienten, blieb in Deutschland bislang unerforscht.
Berliner Wissenschaftler* gingen dieser Fragestellung nach. Ziel ihrer empirischen Untersuchung, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und von den Spitzenverbänden der Krankenkassen gefördert wurde, war es herauszufinden, welchen Einfluss neben dem Gesundheitszustand geschlechtsspezifische, psychosoziale, sozio-ökonomische und soziokulturelle Aspekte auf das Anspruchsverhalten von Patienten haben. Für ihre Untersuchung wählten sie internistische und gynäkologische Notfallambulanzen von drei Berliner Krankenhäusern in Stadtbezirken mit einem hohen Ausländeranteil: eine
an der Charité/Campus Virchow-Klinikum in Wedding: Ausländeranteil
32,1 Prozent, die Notfallambulanz am Vivantes Klinikum am Urban in Kreuzberg: Ausländeranteil 32,4 Prozent, und die Notfallambulanz am Vivantes Klinikum Neukölln: Ausländeranteil 21,6 Prozent. Mittels standardisierter Interviews wurden 815 Patienten zu ihren Beschwerden, ihrer Krankheitswahrnehmung sowie zu migrationsbezogenen Merkmalen befragt. Außerdem machten die Patienten Angaben zu ihrer Herkunft, ihrem sozialen Hintergrund und zur Inanspruchnahme anderer medizinischer Versorgungseinrichtungen. Gleichzeitig werteten die Wissenschaftler knapp 5 000 so genannte Erste-Hilfe-Scheine (EHS), wie ärztliche Dokumentation von Anamnese, Diagnose und Therapiemaßnahmen, aus. Schließlich wurde mit einem Kurzfragebogen für alle behandelnden Ärzte, der den EHS beizufügen war, ermittelt, für wie dringlich der Arzt die Behandlung hielt und wie er das Verhältnis zum Patienten und die Verständigung mit ihm einschätzt. Die Studie wurde von April 2001 bis Februar 2003 durchgeführt.
Die Erhebungen ergeben, dass sowohl geschlechts- als auch ethnische und altersspezifische Aspekte die Inanspruchnahme von Notfallambulanzen beeinflussen. Der Sozialstatus nichtdeutscher Patienten war meist niedriger als der bei deutschen Patienten.
Die meisten Notfallpatienten (etwa 88 Prozent) waren über die Gesetzliche Krankenversicherung versichert, der Anteil, der über das Sozialamt versichert war, lag bei 6,1 Prozent.
Stationäre Aufnahmen selten
Aus der Auswertung der EHS und der Patienteninterviews geht hervor, dass Migranten im Vergleich zu einheimischen Deutschen ein differierendes Inanspruchnahmeverhalten haben. Sie nutzten die klinische Rettungsstelle häufiger, als es dem Anteil der Wohnbevölkerung entsprechen würde, und stellten sich zu anderen Tageszeiten – insbesondere nachts – und häufiger am Wochenende vor. Darüber hinaus wurden Migranten seltener stationär aufgenommen, und es wurde im Vergleich zu deutschen Patienten seltener Diagnostik wie Labor, Röntgen oder CT durchgeführt.
Während alle Patienten – sowohl deutsche als auch Patienten anderer Herkunft – die Dringlichkeit der Behandlung höher einschätzten als die Ärzte, klagten Frauen und besonders Migrantinnen häufiger über Schmerzen und gaben mehr Schmerzregionen an. Darüber hinaus nahmen alle Migranten in der Regel die Stärke der Schmerzen deutlicher wahr. Meist gaben sie Kopf- und Gliederschmerzen, Bauchschmerzen und starke Belastung durch Alltagsstress an. Klagten beispielsweise nur sechs Prozent der Deutschen über Kopfschmerzen, waren es bei türkischen Migrantinnen 20 Prozent. Das Schmerzempfinden schlug sich auch auf die Vergabe von Medikamenten nieder: Migranten erhielten mehr Schmerzmittel, Spasmolytika und Magen-Darm-Mittel als deutsche Patienten.
Die Kommunikations- und Beziehungssituation zu den Migranten beurteilten die behandelnden Ärzte schlechter als zu deutschen Patienten. So wurde die Arzt-Patient-Verständigung in 80 Prozent der Fälle bei Frauen wie bei Männern als gut eingestuft. Bei Migranten waren es 70 Prozent. Das Arzt-Patienten-Verhältnis hielten die Ärzte bei 91 Prozent der Frauen und bei 88 Prozent der Männer für gut, bei türkischen Frauen bezeichneten es dagegen nur 83 Prozent und bei den Männern nur 81 Prozent der Ärzte als gut. Als Gründe für die Unzufriedenheit gaben die Ärzte in 32 Prozent der Fälle fehlende Kooperationsfähigkeit aufgrund des Krankheitsbildes an. 21 Prozent klagten über Sprach- und Verständigungsprobleme. Bei Migranten standen Sprachschwierigkeiten, gefolgt von der Klage über schwierige unkooperative Patienten und unangemessene Inanspruchnahme im Vordergrund.
Nach Meinung der Wissenschaftler entspricht das in der Studie ermittelte Inanspruchnahmeverhalten der Definition von Rettungsstellen als Ort der Notfallmedizinischen Versorgung nur teilweise. Die Versorgung von leichteren allgemeinmedizinischen Beschwerden oder psychosozialen Problemen in einer klinischen Notfallambulanz führe zu einer kostenintensiven Über- und Fehlversorgung, die nicht an den Bedürfnissen der Patienten orientiert sei. Um das Inanspruchnahmeverhalten bestimmter Patienten zu verändern, empfehlen sie drei Maßnahmen:
- mehr Informationen über den Umfang der Gesundheitsversorgung und über Unterstützungsangebote im psychosozialen Bereich für Migranten;
- den Aufbau einer „patientenorientierten Rettungsstelle“, bei der Patienten von Pflege- und Behandlungsteams empfangen und nach einer kurzen Befragung zu ihren Beschwerden an ein spezielles Versorgungsmodul innnerhalb der Notfallambulanz weitergeleitet werden, und
- die Verbesserung der ambulanten Notfallversorgungsstrukturen durch Praxisnetze. Martina Merten
Der Abschlussbericht kann über die E-Mail-Adressen
theda.borde@asfh-berlin.de oder matthias.david@charite.de angefordert werden.

Foto: ddp
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