91 Artikel im Heft, Seite 22 von 91

POLITIK

Schweizer Modell: Nicht lupenrein übertragbar

Dtsch Arztebl 2004; 101(47): A-3158 / B-2675 / C-2550

Clade, Harald

Vor einem vorschnellen Import des so genannten Schweizer Modells in das deutsche Gesundheitswesen hat Prof. Dr. med. Thomas Zeltner, der Direktor des Bundesamtes für Gesundheit der Schweiz, Zürich, vor der Hauptversammlung des Hartmannbundes in Berlin gewarnt.
Die Generalrevision der gesetzlichen Gesundheitssicherung in der Schweiz 1994/96 sei, auf die Schweizer Verhältnisse transformiert, mit Anlaufschwierigkeiten gestartet worden. In der Schweiz gilt zurzeit ein Mix aus Bürgerversicherung und Kopfprämienmodell. Die Gesetzesrevision setzte an der Finanzierung der Struktur- und Kostenseite des Systems an. Trotz höherer Selbstbehalte und Zuzahlungen stiegen in der Schweiz die Kosten Jahr für Jahr kontinuierlich – sowohl vor als auch nach der Reform – um vier bis sechs Prozent. Die Regierung ist bemüht, den Kostenanstieg unter der „Schmerzgrenze“ von plus vier Prozent zu halten. Dennoch liegt der Anstieg der Gesundheitskosten um ein bis zwei Prozent regelmäßig über der Einkommensentwicklung und dem Lebenshaltungsindex. In der Schweiz seien auch die Demographiekomponente sowie der medizinische und technische Fortschritt der Hauptkostenverursacher.
Drei Finanzierungsquellen
Das Schweizer System der ambulanten und stationären Versorgung wird aus drei Quellen refundiert und finanziert: Ein Drittel der Gesundheitssicherungskosten wird aus dem allgemeinen Steueraufkommen in Form von Subventionen vor allem für Universitätskliniken und Kantonsspitäler finanziert. Seit 1994 gilt die Bürgerpflichtversicherung mit einer Kopfpauschale, deren Aufkommen rund ein Drittel der Gesamtkosten des Systems abdeckt. Die Versicherungsträger sind verpflichtet, kostendeckend zu arbeiten und erhalten keine Subventionen. Der dritte Teil der Gesundheits-/Krankheitskosten wird von den Versicherten direkt gezahlt über eine Franchise und Selbstbehalte. Allerdings können die Zuzahlungsbeträge durch eine Versicherung abgedeckt werden, deren Prämien ausschließlich der Versicherte zu entrichten hat. Die ersten 300 Schweizer Franken der Arzt- und Spitälerrechnungen sowie der Medikamentenrechnungen gehen zulasten der Inanspruchnehmenden. Bis zur Grenzzahlschwelle von 700 Schweizer Franken je Jahr muss der Versicherte zehn Prozent der Gesundheitskosten direkt tragen. Aktuelles innenpolitisches Problem ist eine Revision der Belastungsgrenzen der oftmals überforderten Mittelschichten, insbesondere der Familien und der Kinderreichen.
In der Schweiz ist die Grundsicherung im Krankheitsfall für alle Bürger obligatorisch. Seit 1996 gibt es die obligatorische Einheitsprämie. Vor 1996 gab es rund 400 selbstständige Krankenversicherungen. Heute ist der Versicherungsmarkt so weit konzentriert, dass nur noch 100 Versicherer übrig blieben. Davon decken rund acht Versicherungen 90 Prozent des Marktes ab. Bewährt hat sich die Möglichkeit, die Versicherung kurzfristig zu wechseln. Auch dies hat den Versicherungswettbewerb verschärft. Vor der Gesetzesrevision hatten mehr als 90 Prozent eine zusätzliche private Krankenversicherung abgeschlossen, heute dürfte der Trend eher rückläufig sein.
In der Schweiz wird das Kostenerstattungsverfahren praktiziert. Das Bundesamt für Gesundheit habe allerdings keine bemerkenswerten Steuerungswirkungen feststellen können. Im Gegenteil: Die Patienten seien vielfach überfordert, die Spital- und Arztrechnungen zu bewerten. Jährlich seien Prämienerhöhungen der Versicherer bis zu zehn Prozent Usus. Dies hat zu einer erhöhten Anspruchs- und Herausholmentalität der Versicherten geführt. Ärzte, die Versichertenbegehren nicht erfüllen, werden häufig abgewählt.
Die Politik versucht diesem Trend entgegenzusteuern.
Dr. rer. pol. Harald Clade
Anzeige

Drucken Versenden Teilen Leserbrief
91 Artikel im Heft, Seite 22 von 91

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

 Zeitraum HTML PDF 
5 / 2013 4 0
4 / 2013 12 0
3 / 2013 9 0
2 / 2013 11 0
1 / 2013 16 0
12 / 2012 1 0
2013 52 0
2012 50 2
2011 57 8
2010 59 7
2009 62 5
2008 547 204
2007 495 61
2006 455 246
2005 173 131
Total 1.950 664

Leserbriefe

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in