BRIEFE
Kriegskinder: Überfälliger Diskurs bleibt aus
Dtsch Arztebl 2004; 101(47): A-3173 / B-2685 / C-2558


Wir sind eine kinder- und jugendmedizinisch/-psychotherapeutisch arbeitende Gemeinschaftspraxis, und ich glaube, auch jetzt noch in vielen Symptomen und Gesprächen mit Familien, in dieses Thema verstrickt zu sein. Im DÄ war ein Artikel, der viele meiner ebenfalls familien- und psychotherapeutisch arbeitenden Kollegen überraschte, zum Thema: „Frühinvalidität“. Nur noch circa 20 % aller in der gesetzlichen Rentenversicherung Versicherten erreichen derzeit das Rentenalter. Bei den Lehrern – eine der „intergenerational“ aktiven Berufsgruppe – erreichen nur noch sechs Prozent (!) die 65-Jahre-Berufsaltersgrenze. In anderen Ländern arbeiten noch über 60 % bis 65. Der mit Abstand häufigste „Ausscheidungsgrund“ ist eine depressiv-psychosomatische Erkrankung. Prof. Radebold sprach in seinem Artikel von „Angepasstheit“ und „gutem Funktionieren“ der Kriegs-/Nachkriegskinder als Folge posttraumatischer Abwehr. Wir halten es für möglich, dass vor allem am Ort „Schule“, beispielhaft zugespitzt, sich psychohistorisch, durch die beiden Weltkriege und die besondere Verstrickung Deutschlands darin, bedingte, psychosoziale Spätfolgen zeigen mit auffallender, jedoch allgemein zunehmender intergenerationaler Spaltung von depressiven und manischen Symptomen und Symptomträgern.
Es wäre darüber hinaus zu fragen, ob solch extrem auffällige Verhaltensweisen am Ort „Schule“ – frühinvalide Lehrer auf der einen und hyperkinetisch/aufmerksamkeitsgestörte Kinder auf der anderen Seite – nicht auch ihre Parallelen in anderen Bereichen unseres momentanen politischen Klimas haben, z. B. in der hohen Arbeitslosenzahl auf der depressiven Seite und in den manisch hypertrophischen Eliten auf der anderen. Wäre es möglich, dass auch dies Wiederholungen derselben Dynamik posttraumatischer Nach-/Kriegssymptome sind? – Wenn ja, könnte man am Ende nur die Frage stellen, warum ein längst überfälliger Diskurs zur Psychopathologie des öffentlichen Lebens und zur Prävention allseits wahrnehmbarer Militarisierung ausbleibt.
Dr. med. Dieter Arnold, Westliche Ringstraße 31, 67227 Frankenthal
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