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VARIA: Feuilleton

Schirn Kunsthalle: Die Welt ist blau

Dtsch Arztebl 2004; 101(48): A-3281 / B-2782 / C-2636

Lange, Joachim

Die Frankfurter Ausstellung erfasst alle
Schaffensperioden und Ausdrucksmittel Yves Kleins.

Als Künstler hat der Franzose Yves Klein gerade mal sieben Jahre gearbeitet. Mit nur 34 Jahren starb er 1962 an Herzversagen. Und doch ist er Vorwegnehmer und Anreger mit erstaunlichen Nachwirkungen für seine innovativen, grenzgängerischen Nachfolger. Er überraschte seine Zeitgenossen mit einem Event-Effekt wie später Joseph Beuys oder Andy Warhol. Er kokettierte damit, nie einen Pinsel in die Hand zu nehmen, und war rigoros in seinem offenen Bekenntnis zur Farbe, in ihrer monochromen, jeder Figuration entkleideten puren Form. „Yves, le monochrome“ wurde er bald genannt. Dabei wurde Blau zu seinem Markenzeichen. Sein durchdringendes Ultramarinblau, das „I.K.B. International Klein Blue“, ließ er sich sogar patentieren. Jetzt kann man sich in der Frankfurter Schirn, im letzten Raum der Klein-Retrospektive, der durchdringenden Wirkung der späten großformatigen Blaumonochrome aussetzen. Auch sieben von jenen elf kleineren, gleichformatigen blauen Bildern, für die er 1957, um den Kunstmarkt zu provozieren, unterschiedliche Preise verlangte, sind zu sehen. Bei seinen Ausstellungseröffnungen gab es auch schon einmal blaue Cocktails oder, wie in Paris, 1 001 aufsteigende blaue Luftballons.
Die Frankfurter Ausstellung erfasst mit ihren thematisch und chronologisch inszenierten mehr als 100 Werken alle Schaffensperioden und Ausdrucksmittel Yves Kleins. Einen breiten Raum nehmen dabei seine verschiedenen monochromen Bilder ein – von den ersten in Orange, Gelb, Grün, Pink und Weiß, über die für ihn zentralen blauen Monochrome bis zu seinen geradezu erhaben funkelnden Monogolds. Mit seinen ebenfalls von Blau durchtränkten Schwammreliefs und Skulpturen, die durch entsprechende Exponate in Rosa ergänzt werden und dem Betrachter die Illusion eines Ausflugs in die Faszination der Unterwasserwelt vermitteln, beschritt Klein ebenso Neuland wie mit seiner Ausgestaltung des Opernhauses in Gelsenkirchen.
Foto: Harry Shunk Anthropome´trie a` Campagne- Premie` re, 1960 (4)
Kleins „Kosmogien“ und „Planetarischen Reliefs“ imaginieren eine Perspektive aus dem All. Wobei das rote Mondrelief durchaus als ein Verweis auf die ersten Schritte des Wettlaufs der damaligen Supermächte um die Eroberung des Weltraums zu verstehen ist. So umstritten seine so genannten Anthropometrien, 1960, zur Zeit ihrer Entstehung waren – so witzig, leicht und lebendig wirken sie heute. Klein benutzte mit Farbe bemalte Aktmodelle als „lebende Pinsel“, mit denen er statische Abdrücke oder Bewegungsspuren auf den Leinwänden inszenierte. Die im Foyer gezeigten Filme dieser frühen Happenings vermitteln das Rauschhafte und Spielerische von Kleins Kunst ebenso wie die Werke selbst. Seine späten Feuerbilder schließlich, deren Entstehung ebenfalls filmisch dokumentiert ist, bestechen nicht nur in
ihrer warmen Farbigkeit, sie sprechen vor allem für die ständige Experimentierfreudigkeit des exzentrischen Franzosen.
Klein sprach viel vom Spirituellen und Immateriellen – zum Glück für die Nachwelt blieb es nie dabei. Joachim Lange


Die Yves-Klein-Retrospektive ist noch bis 9. Januar 2005 in der Frankfurter Schirn zu sehen. Der von Oliver Berggruen, Max Hollein und Ingrid Peiffer herausgegebene Katalog zur Ausstellung, der auf 280 Seiten umfassend und mit circa 130 Farb- und 60 Schwarz-Weiß-Abbildungen das Werk Yves Kleins dokumentiert, ist im Hatje Cantz Verlag erschienen und kostet 29,80 Euro. Weitere Informationen: www.schirn.de.
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