THEMEN DER ZEIT: Diskussion
Disease-Management-Programm Brustkrebs: Ergebnisorientiertes Handeln fördern
Dtsch Arztebl 2004; 101(49): A-3322


Ein ungewöhnlich klarsichtiger Artikel: Mit dem „Disease-Management-Programm (DMP) Brustkrebs“ kann die Brustkrebsdiagnostik und -therapie nicht besser werden. Der wichtigste Ansatz zur Senkung der Brustkrebssterblichkeit ist kein DMP, sondern das überfällige Mammographiescreening. Dass es auch bei der Therapie Verbesserungsmöglichkeiten gibt, zeigt zum Beispiel die Grafik mit den Mastektomieraten bei pT1-Mammakarzinomen, die von weniger als zehn Prozent bis mehr als 50 Prozent schwanken. Offenbar wird in einigen Kliniken unnötig viel verstümmelnd operiert. Hier sollten die zuständigen Operateure umdenken; leider setzen sich neue Erkenntnisse aber gelegentlich erst durch, nachdem der Chefarzt ausscheidet.
Dieses Problem ist aber bei allen Krankheiten vorhanden und kann nur gebessert werden, wenn eine echte Qualitätssicherung betrieben wird: mit Krebsregistern, Totenscheinen aufgrund von Autopsien statt vagen Vermutungen, Daten zu den langfristigen Ergebnissen einer Klinik beziehungsweise eines Arztes und so weiter.
Solche Daten wären die Grundlage, um lokale Behandlungsdefizite zu erkennen und notfalls auch entsprechenden Druck auszuüben. Die Verbesserungsvorschläge von Hölzel et al. zielen genau in diese Richtung, werden aber wohl verpuffen, denn pragmatisches, ergebnisorientiertes Denken ist im deutschen Gesundheitswesen nicht vorgesehen. Stattdessen wird Pseudoqualitätssicherung und Zentralisierung betrieben, die Bürokratie wird aufgebläht. Ich war zuletzt als AiP bis 1998 in Deutschland tätig und habe die Anfänge der so genannten Qualitätssicherung miterlebt, ein Beispiel:
In der Chirurgie wurde nach bestimmten Operationen ein umfangreicher Fragebogen ausgefüllt; alle Details der OP und des stationären Aufenthalts wurden erfasst. Was wirklich interessiert, ist aber nicht die OP-Dauer in Minuten, sondern das Endergebnis der Prozedur. Wie geht es dem Patienten zum Beispiel einen Monat oder fünf Jahre später? War die Diagnose retrospektiv richtig? Konnte das Problem des Patienten gelöst werden? Solange zum Beispiel ein deutscher Klinikorthopäde gar nicht die Chance hat, alle Patienten in festgelegten Intervallen in seiner Sprechstunde zu kontrollieren, kann er gar nicht wissen, was seine Hüftendoprothesen wirklich taugen. Diese Art von Feedback muss in allen Bereichen der Medizin geschaffen werden.
Dr. med. Fabian Hässler
Kantonsspital, 8596 Münsterlingen, Schweiz
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