THEMEN DER ZEIT

Geschichte der Medizin: Psychiatrie im Umbruch

PP 3, Ausgabe Dezember 2004, Seite 559

Kretz, Helmut

Foto: Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg
Von Walter Ritter von Baeyer (1904–1987) gingen wesentliche Impulse für die Entwicklung der deutschen Psychiatrie nach 1945 aus.

Es war eine Sternstunde für die Medizinische Fakultät der Heidelberger Universität, als zu Beginn des Wintersemesters 1955/56 der neu berufene Ordinarius für Psychiatrie, Prof. Dr. med. Walter Ritter von Baeyer, sein Amt antrat und zum Direktor der Psychiatrischen und Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg ernannt wurde. Die Mitbegründer der „Heidelberger Schule“ – Richard Siebeck und Viktor von Weizsäcker mit ihren Schülern und Mitstreitern Paul Vogel, Herbert Plügge, Alexander Mitscherlich, Paul Christian, Hans Schäfer, Wilhelm Kütemeyer, Heinrich Huebschmann – hatten in von Baeyer einen Psychiater für die Fakultät gefunden, der endlich auch in der Psychiatrie einen neuen Anfang setzen sollte und wollte. Denn unter dem 1955 emeritierten Kurt Schneider war die Methode phänomenologisch-deskriptiver Psychopathologie zwar vollendet worden, zugleich aber auch an einem Endpunkt angelangt.
Von der Psychiatrischen und Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg aus beeinflusste von Baeyer maßgeblich die Entwicklung der deutschen Sozialpsychiatrie. Foto: Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
Die Verwicklung gerade der Heidelberger Universitäts-Psychiatrie im Dritten Reich in die Verbrechen der „Euthanasie“, die Ermordung der den Psychiatern anvertrauten Kranken unter dem SS-Professor Carl Schneider, wurde verschwiegen, verleugnet. Eine Bewältigung war mit den Mitteln der so genannten klassischen Psychiatrie nicht möglich. Mitscherlich beklagte noch 1960, dass durch den Fluchtversuch der Verdrängung, durch eine gigantische Beseitigung der Spuren der Versuch einer Schuldentlastung erfolgt sei. Nach dem Suizid Carl Schneiders und den Urteilen im Nürnberger Ärzteprozess gegen die Hauptschuldigen ging die Psychiatrie nicht nur in Heidelberg, sondern in ganz Deutschland wieder zur Tagesordnung über. Garant für einen neuen Anfang in der Heidelberger Psychiatrie war von Baeyer, der zusammen mit der Heidelberger Schule anthropologischer Medizin den Wandel initiierte.
Walter Ritter von Baeyer entstammt einer Gelehrtenfamilie: Der Großvater erhielt für die Entdeckung der Indigosynthese den Nobelpreis, ein Onkel war Professor für Physik in Berlin, der Großvater mütterlicherseits Professor der Rechtswissenschaften in Göttingen, der Vater der erste Ordinarius für Orthopädie an der Universität Heidelberg. Nach Abitur und Medizinstudium verbrachte von Baeyer vier Assistentenjahre an der Heidelberger Klinik (1929–1933) bei seinem Lehrer Karl Wilmanns. Er studierte intensiv die Schriften Freuds und seiner Schüler und stieß sich schon damals an den Grenzen einer begrifflich isolierenden, leib- und gesellschaftsfernen, kühl-objektivierenden Forschungsrichtung; er bedauerte deren Mangel an Verständnis für die psychoanalytische Erschließung des Unbewussten und für anthropologisch übergreifende Aspekte, vor allem aber ihre therapeutische Unergiebigkeit.
Als sein Lehrer Wilmanns 1933 sofort aus dem Amt gejagt und inhaftiert wurde und dessen Nachfolger Carl Schneider mit Hitlergruß und SS-Uniform den ärztlichen Konferenzen vorsaß und nationalsozialistische Ideologie predigte, verließ von Baeyer, wie viele seiner Lehrer und Kollegen, die Klinik und musste als von den nationalsozialistischen Rassegesetzen Betroffener – von Baeyers Vater verlor 1933 deshalb sein Amt –, diskriminiert und schikaniert, in einer Nische als Sanitätsoffizier das Dritte Reich zu überleben versuchen.
Nur wenige Wochen nach Kriegsende wurde er zum Chefarzt der Psychiatrischen und Nervenklinik der Stadt Nürnberg ernannt, einige der ganz wenigen in Deutschland damals existierenden psychiatrischen Abteilungen an einem großen Allgemeinkrankenhaus. Diese Organisationsform, in der von Baeyer zehn Jahre wirkte, wurde für die von ihm wesentlich mitgestalteten sozialpsychiatrischen Reformen ab den 60er-Jahren und bis heute beispielgebend. Bereits 1947 hielt er einen Vortrag zum Thema „Sozialpsychiatrie“ – die Geburtsstunde dieser Fachrichtung in Nachkriegsdeutschland. Als einer der ersten deutschen Psychiater nach 1945 wurde von Baeyer 1949 von der US-Militärregierung zu einer dreimonatigen Studienreise in die USA eingeladen. Sein Bericht über diese Reise zeigt, wie beeindruckt von Baeyer von der Situation der Psychiatrie in den USA war. Die Erfahrungen dort gaben Anstöße für die Entwicklung der Sozialpsychiatrie in Deutschland und insbesondere für die beispielgebenden Reformen an der von ihm geleiteten Klinik, die er in den 60er-Jahren entgitterte und weitestgehend öffnete, an der er therapeutische Teams bildete und die therapeutische Gemeinschaft einführte. Von Baeyers Klinik war die erste deutsche Universitätsklinik, an der in allen Bereichen gemischtgeschlechtliche Stationen etabliert wurden.
Ohne die grundlegenden Impulse von Baeyers und das Engagement seiner Mitarbeiter, unter denen Karl Peter Kisker und Heinz Häfner erwähnt werden müssen, ist die stürmische Entwicklung der Sozialpsychiatrie in Deutschland ab Mitte der 60er-Jahre nicht denkbar.
Als Fundament für die sozialpsychiatrischen Reformen diente eine durch von Baeyer entscheidend geformte anthropologische Psychiatrie. Denn unter den Psychiatern, die sich dieser Thematik widmeten, spielte von Baeyer eine herausragende Rolle. Mit der Studie „Der Begriff der Begegnung in der Psychiatrie“ (1955) wurde seinen Widersachern in der restaurativen deutschen Psychiatrie nach 1945 deutlich, dass von Baeyer den obsolet gewordenen Dualismus zwischen Somatikern und Psychikern überwunden hatte und sich daraus erhebliche Konsequenzen zum Verstehen und Behandeln auch von Psychosen ergaben; nun war der bisherige Endogenitätsbegriff nicht mehr zu halten. Ohne diese mitmenschliche Grundhaltung („Heilung aus der Begegnung“) ist heute keine Behandlung in der Psychiatrie denkbar.
Und noch für einen weiteren Bereich kann von Baeyers Wirkung nicht hoch genug eingeschätzt werden: Für das weite Feld der heutigen Traumalehren, für die Psychotraumatologie. Die zusammen mit Häfner und Kisker vor 40 Jahren erschienene Monographie „Psychiatrie der Verfolgten“, zum Zeitpunkt des Beginns des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, mit dem die von Mitscherlich beklagte Verdrängung und Spurenverwischung auch im medizinischen Bereich entlarvt wurde, erschütterte nachhaltig und unwiderruflich die bis dahin geltende Lehrmeinung der klassischen deutschen Psychiatrie: nämlich dass seelisch-situative (Extrem-)Belastungen ohne somatische, insbesondere zerebrale Substanzschädigung allein keine krankhaften Dauerfolgen bewirken können. Das Studium der Extrembelastungen in den Konzentrationslagern mit der dort betriebenen grauenhaften „Annihilierung“ (ein Begriff von Baeyers) der seelisch-
sozialen Substanz des Menschen führte zu einem Paradigmenwechsel, der übrigens auch die entschädigungsrelevante Entwicklung von Psychosen einbezog. Während sich von Baeyer deswegen in Deutschland auch wissenschaftlich disqualifizierender Angriffe deutscher Psychiater erwehren musste, konnte er mit diesem Paradigmenwechsel, der für die Psychiatrie eine Bewältigung ihrer Verstrickung in die nazistische Ideologie einleitete, der deutschen Psychiatrie wieder internationale Geltung verschaffen: Beim vierten Weltkongress für Psychiatrie in Madrid 1966 wurde von Baeyer für fünf Jahre zum Vizepräsidenten der Weltvereinigung für Psychiatrie gewählt.
Von Baeyers Bedeutung für die Entwicklung der Psychiatrie bis heute ist jedoch mit diesen Hinweisen keineswegs erschöpft. Herausragende Studien aus den 50er- und 60er-Jahren zum Freiheitsraum in der Krankheit, zur Freiheitsfrage in der forensischen Psychiatrie, zu willenphänomenologischen Fragen, zum humanen Sinn- und Seinsverständnis psychopathologischer Erscheinungen, über Freiheit und Verantwortlichkeit des Geisteskranken sind heute so aktuell wie zum Zeitpunkt ihrer Publikation. In den 70er-Jahren hat sich von Baeyer in führender Position mit vollem Einsatz engagiert in der Anprangerung des Missbrauchs der Psychiatrie, als die in der Sowjetunion geübte Praxis der „Psychiatrisierung“ undurchschnittlicher Verhaltens- und Erlebensweisen die Psychiatrie wieder einmal schwer in Misskredit brachte. Die ganze Fülle der von von Baeyer vertretenen Psychiatrie ist heute wohl kaum mehr zu erreichen.
Es wäre für von Baeyer eine ganz besondere Genugtuung gewesen, wenn er in den 90er-Jahren noch hätte miterleben können, dass Christoph Mundt, sein Nach-Nachfolger auf seinem Lehrstuhl, vor dem Eingang seiner Klinik einen Gedenkstein enthüllte, um die in der Nazizeit ermordeten Kranken zu ehren. Dr. med. Helmut Kretz
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