THEMEN DER ZEIT

Depression und Suizid bei Ärzten: Barriere aus Scham und Schuld

Dtsch Arztebl 2005; 102(1-2): A-32 / B-24 / C-22

Mäulen, Bernhard

Beobachtungen von der Internationalen Konferenz für Ärztegesundheit in Chicago, USA

Depressionen bei Ärzten sowie die Besorgnis erregende Inzidenz von Suiziden waren Hauptthemen bei der diesjährigen Konferenz für Ärztegesundheit in Chicago, veranstaltet von der American Medical Association (AMA) und der Canadian Medical Association. Dr. Sherwin Nuland, ein Chirurg mit einer überstandenen schweren depressiven Episode, berichtete – sehr persönlich und intensiv – über die subjektive Aussichtslosigkeit seines damaligen emotionalen Zustandes, über die immer stärkere Abkapselung, seine Versuche, die chirurgische Praxis trotz Stimmungstief und Antriebslosigkeit zu führen. Er machte den Teilnehmern deutlich, welches Erleben hinter den Statistiken steht und wie die Depression für den Arzt und seine Angehörigen existenzbedrohende Auswirkungen haben kann.
Persönliche Niederlage
Einig waren sich die Referenten aus den USA, Australien und Europa (Norwegen) darin, dass sowohl niedergelassene Ärzte als auch Ärzte in Krankenhäusern eine Depression als persönliche Niederlage erleben, die sie schamvoll vor Kollegen verstecken. Die Gründe dafür sind vielfältig: falsche Rollenannahmen, Angst, ausgegrenzt zu werden, oder die Befürchtung juristischer Konsequenzen. Nur wenige Ärzte, die bei sich eine Depression vermuten, suchen fachkompetente Hilfe unter anderem aus Angst, stigmatisiert zu werden. Viele betreiben Selbstmedikation; die meisten erlauben sich keine Krankschreibung.
Dr. Linda Logsdon, eine mutige Ärztin mit einer lebenslangen Zyklotomie, beschrieb ihr Erleben, mit Stimmungsschwankungen zu studieren, in manischen Phasen nächtelang umherzustreifen, ihre Mitmenschen über die Krankheit zu täuschen aus Angst, nicht approbiert zu werden. Auch in der Assistenzarzt-Zeit offenbarte sie sich niemandem, selbst an Tagen, an denen sie schwerstdepressiv und suizidal war.
Carla Fine, eine Arztwitwe aus New York, berichtete von ihrem Mann, der sich vor einigen Jahren in seiner erfolgreichen Praxis für Urologie mit einer Überdosis Thiopenthal suizidierte. Er hinterließ keinen Abschiedsbrief und behandelte den letzten Patienten zwei Stunden (!) vor der suizidalen Handlung. Zurück blieb seine Witwe, die Jahre brauchte, um wieder zum Leben zurückzufinden.
Noch immer liegt die Zahl der Suizide für Ärzte und insbesondere für Ärztinnen weit über den Vergleichszahlen alters-/geschlechtsentsprechender Vergleichsgruppen der Allgemeinbevölkerung. Allerdings zeigten neueste Umfragen bei US-Ärztinnen, dass die besondere suizidale Gefährdung von Ärztinnen langsam rückläufig ist. Unklar sind bislang die Gründe hierfür. Die Ursachen für Ärztesuizide sind: affektive Störungen, Suchtkrankheiten und Partnerschaftsprobleme, erst an zweiter Stelle werden Probleme im Beruf genannt. Ärzte unter Anklage (Kunstfehler, unethisches Verhalten) bilden eher eine Ausnahme. Prof. Dr. Michael Myers, der sich seit Jahren für erkrankte Ärzte einsetzt, berichtet über ein Projekt, das Leben von Ärzten zu retten. Er stellte seinen Film „When physicians commit suicide“, der von der American Psychiatric Association preisgekrönt wurde, vor. Der Film zeigt Interviews von Ärzten nach Suizidversuchen sowie Interviews mit überlebenden Angehörigen. Mit diesem Film sollen Ärzte in Ausbildung auf vertrauliche Hilfen hingewiesen werden und darauf, dass die Suizidhandlungen zugrunde liegenden Krankheiten gut behandelbar sind. Zugleich soll die Barriere aus Scham und Schuld herabgesetzt werden.
Die American Medical Association und andere Organisationen haben eine Konsensus-Konferenz „Depression und Suizid bei Ärzten“ initiiert. Die Ergebnisse: Aufklärung, Prävention, kurzfristiger Zugang zu Spezialisten, hohe Vertraulichkeit und längerfristige Medikation sollten kombiniert werden. Wichtig erscheint der Hinweis, dass sich nicht nur Ärzte mit unterdurchschnittlicher Karriere suizidieren. Im Gegenteil: Bei Ärzten, die auf dem Gipfel ihrer Karriere als Lehrstuhlinhaber oder Forscher sind, ist die Suizidrate hoch.
Ethische Verantwortung
Die ethische Frage, ob ein Arzt, der wegen eines Suizidversuches stationär behandelt wird, den Aufsichtsbehörden gemeldet werden sollte, um eine Therapie anzuordnen, löste eine lange Diskussion aus. Wie auch beim Umgang mit suchtkranken Ärzten, die im Rahmen des „impaired physician programs“ seit langem in den USA Auflagen erhalten und kontrolliert werden, argumentierte Dr. Dudley Stuart für die AMA, gegenüber der Öffentlichkeit und den Betroffenen eine ethische Verantwortung zu haben.
Bei dem Thema Vernetzung von Hilfsangeboten für Ärzte zeigte sich, dass Deutschland weit hinter dem zurückliegt, was die Ärzteorganisationen in anderen Ländern tun. Es gibt Komitees für Ärztegesundheit in den USA, Kanada, Australien, England und Neuseeland. Die British Medical Association hat eine nationale Telefon-Hotline, exklusiv für Ärzte in Not. Sie unterstützt ein Hilfe-System, damit Ärzte in Krisen kurzfristig von Spezialisten behandelt werden.

Dr. med. Bernhard Mäulen
Institut für Ärztegesundheit, Vöhrenbacher Straße 4
78050 Villingen-Schwenningen
E-Mail: docmaeulen@t-online.de
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