POLITIK: Medizinreport
Ein Modellprojekt kardiologischer Krankenhausärzte: Qualitätssicherung bei Koronararteriendilatation
Dtsch Arztebl 1996; 93(51-52): A-3393 / B-2857 / C-2653


Das Problem der Qualitätssicherung in der Medizin hat in den letzten Jahren zunehmende Beachtung
gefunden. Die Arbeitsgemeinschaft Leitender Kardiologischer Krankenhausärzte (ALKK) hat im Oktober 1992
das Modellprojekt "Qualitätssicherung bei Koronararteriendilatation" begonnen, das von Juli 1993 bis
Dezember 1994 vom Bundesministerium für Forschung und Technologie gefördert und im Jahr 1995 vom
Bundesministerium für Gesundheit finanziert wurde. Als Gegenstand der vorliegenden Modelluntersuchung
zur Qualitätssicherung in der Kardiologie wurde die Ballondilatation (PTCA) gewählt, die sich wegen der
relativ guten Erfaßbarkeit von verschiedenen Qualitätsmerkmalen und wegen ihrer erheblichen medizinischen
und kostenmäßigen Relevanz besonders anbietet.
Die am Modellprojekt teilnehmenden Kliniken führen ein gemeinsames zentrales Register, in dem sämtliche
Katheterinterventionen an Koronargefäßen erfaßt werden. Die Meldung der Eingriffe erfolgt per Telefon oder
Fax nach Möglichkeit vor Beginn des Eingriffs (intention-to-treat). Wenn dies nicht oder schwer möglich ist,
zum Beispiel bei Notfallinterventionen, erfolgt die Meldung unmittelbar nach dem Eingriff. Jede Intervention
wird auf einem Erfassungsbogen spätestens bei der Befundung dokumentiert und als Protokoll über Indikation,
Durchführung, Akutergebnis und eventuelle Komplikationen, die bis zum Verlassen des Katheterlabors
auftreten, an die Datenzentrale geschickt. Zur Dokumentation des weiteren Verlaufs bis zur Entlassung des
Patienten dient der Entlassungsbogen, auf dem insbesondere Komplikationen nach der Verlegung aus dem
Katheterlabor abgefragt werden.
Die systematische Überprüfung der Vollständigkeit der Erfassung aller Eingriffe und der Richtigkeit der
Angaben erfolgt durch Monitorbesuche bei allen Teilnehmern. Dabei werden die gemeldeten Daten und
Interventionen mit der Dokumentation vor Ort verglichen und korrigiert beziehungsweise ergänzt. Alle
Komplikationen, insbesondere Notfalloperationen, Myokardinfarkt und Tod, werden in der Datenzentrale einer
Einzelfallanalyse unterzogen und insbesondere bezüglich des kausalen Zusammenhangs mit der Intervention
bewertet. Darüber hinaus erfolgt eine zentrale Einzelanalyse sämtlicher Todesfälle anhand der Erfassungs- und
Entlassungsbögen, der schriftlichen Berichte (Arztbriefe und Angiographieprotokolle) sowie der OriginalFilmdokumentation durch eine Kommission aus drei gewählten Mitgliedern.
Ausgewählte Stichproben
Eine Qualitätsprüfung im engeren Sinne wird für eine nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Stichprobe von
zwei Prozent der Gesamtzahl der Eingriffe, mindestens aber fünf Fällen pro Zentrum, von sechs Kommissionen
mit jeweils zwei Mitgliedern durchgeführt. Die Kommissionen bewerten nach vorgegebenen Kriterien die von
der Stichprobe erfaßten Fälle vor Ort anhand sämtlicher Patientenunterlagen und Angiographiebefunde, wobei
neben der technischen Durchführung des Eingriffs vor allem die Einschätzung der Indikation im Sinne eines
vereinfachten "expert rating" im Vordergrund steht.
Seit dem Beginn des Modellprojekts im Oktober 1992 bis Ende 1995 wurden insgesamt 83 217
Katheterinterventionen erfaßt. Die vorliegenden Resultate beziehen sich auf die Pilotphase und die vom BMFT
geförderte Hauptphase bis zum 31. Dezember 1994 und umfassen insgesamt 53 835 Eingriffe.
Die Vollständigkeit der Datenerfassung und die Basisdaten der Patienten für Alter, Geschlecht, Anzahl der
befallenen Gefäße, Ventrikelfunktion und Lokalisation der dilatierten Stenosen, die Häufigkeit der Indikationen
und die Primärerfolgsraten für Dilatation und Rekanalisation zeigt getrennt für Pilot- und Hauptphase Tabelle
1. Die Komplikationen im Katheterlabor und bis zur Krankenhausentlassung sowie ihre Abhängigkeit von der
Indikation zur PTCA sind in Tabelle 2 zusammengestellt.
Diskussion
Die Ergebnisse der Erfassung von über 50 000 Koronargefäßdilatationen erlauben eine exakte Beschreibung
des aktuellen Standes bezüglich der Indikation, der anatomischen Resultate und der Risiken des Eingriffs in
einer repräsentativen Zahl von Krankenhäusern der Akutversorgung einschließlich dreier Universitätskliniken
(Aachen, Münster, Berlin-Steglitz). Die erfaßten Eingriffe entsprechen einem Anteil von 35 bis 40 Prozent der
in diesem Zeitraum in Deutschland insgesamt durchgeführten PTCA. Die anatomischen Akutergebnisse sind
mit einer Erfolgsquote von 91,6 Prozent (definiert als Reststenose <50 Prozent) für die Dilatation von Stenosen
und einer Erfolgsquote von 67,7 Prozent bei der Rekanalisation verschlossener Kranzgefäße (Reststenose <70
Prozent) den entsprechenden aktuellen Daten großer spezialisierter Abteilungen für interventionelle
Kardiologie durchaus vergleichbar (1–3).
Die Risiken des Eingriffs sind mit einer Quote von 3,4 Prozent akuten Gefäßverschlüssen, 2,1 Prozent akuten
Myokardinfarkten und 0,4 Prozent prozedurbezogenen tödlichen Komplikationen im Mittel sehr viel geringer
als in vergleichbaren Registern aus früheren Jahren (4–8) und liegen in der gleichen Größenordnung, wie sie
von spezialisierten Institutionen in jüngster Zeit berichtet wurden (3, 9–12).
Die notfallmäßige Bypassoperation spielt mit einer Inzidenz von 0,78 Prozent quantitativ kaum noch eine
Rolle, da sich die früher meist nur chirurgisch zu behebenden Akutverschlüsse mit den neuen Techniken,
insbesondere dem Stent, in aller Regel im Katheterlabor beherrschen lassen.
Das geringere Risiko führt zu einer zunehmenden Ausweitung der Indikationen, was selbst in dem kurzen
Beobachtungszeitraum des vorliegenden Registers daran abzulesen ist, daß das mittlere Lebensalter, der Anteil
an Frauen und Patienten mit Mehrgefäßerkrankungen, schlechter Ventrikelfunktion, instabiler Angina und mit
prognostischer Indikation eine geringe, aber im Sinne der Indikationsausweitung gleichgerichtete Zunahme
zeigen.
Die sofortige PTCA im Rahmen der diagnostischen Katheteruntersuchung erfreut sich mit einem Anteil von
31,8 Prozent gegenüber 24,2 Prozent in der Pilotphase offenbar trotz der Schwierigkeit einer differenzierten
Aufklärung wegen ihrer logistischen Vorteile einer zunehmenden Beliebtheit, wobei die Schwankungsbreite in
den teilnehmenden Zentren (3,0 bis 74,8 Prozent) erheblich ist.
Obwohl die primäre PTCA als Therapie des akuten Myokardinfarkts von einer zunehmenden Zahl der
teilnehmenden Kliniken der thrombolytischen Therapie vorgezogen wird, hat diese Indikation einen fast
gleichbleibenden Anteil von fünf bis sechs Prozent der Gesamtzahl der Eingriffe. Ob diese aufgrund von
Studien hochspezialisierter Institutionen (13–15) von vielen Kardiologen als Therapie der Wahl angesehene
Infarktbehandlung auch bei breiterer Anwendung in "normalen" Versorgungskrankenhäusern ähnlich
exzellente Resultate liefert, wird durch eine detailliertere Erfassung dieser Eingriffe im ALKK-Register
geprüft.
Schlußbemerkung
Die Erfahrungen mit dem "Modellprojekt Qualitätssicherung bei Koronardilatation" haben gezeigt, daß eine
vollständige Erfassung auch sehr häufiger Eingriffe einschließlich des Monitoring mit einem vertretbaren
Aufwand möglich ist. Die Kosten hierfür belaufen sich pro Eingriff auf etwa 30 Mark, was deutlich weniger als
ein Prozent der Gesamtkosten (Sonderentgelt 5 000 bis 8 000 Mark) entspricht. Im Gegensatz zur
Ergebnisqualität läßt sich die Indikationsprüfung mit dem im Modellprojekt versuchten Ansatz nicht
zufriedenstellend bewerkstelligen. Für die vom Gesetzgeber geforderte Qualitätssicherung ist aber die
Indikationsprüfung ein essentieller Bestandteil, so daß hierfür entsprechende Methoden erarbeitet werden
müssen. Denkbar ist zum Beispiel die regelmäßige Überprüfung von Häufigkeitsverteilungen der Indikationen
und der Ergebnisse mit gezielten Stichproben im Falle auffälliger Abweichungen. Voraussetzung für jedes
Verfahren ist neben einer vollständigen Erfassung der zu prüfenden Leistungen die Akzeptanz der
Qualitätssicherung durch die zu prüfenden Leistungserbringer, also die betroffenen Ärzte. Ohne deren
Motivation, die auch das hier vorgestellte Modellprojekt getragen hat, ist eine wirksame Qualitätssicherung
schwer vorstellbar. Diese Motivation zu erhalten und zu fördern setzt voraus, daß
Qualitätssicherungsmaßnahmen von allen Beteiligten als Instrument zur Verbesserung der Patientenversorgung
aufgefaßt werden. Kostendämpfende Effekte mögen als willkommene Nebenwirkung, zum Beispiel durch
Einschränkung der manchmal unkritischen Anwendung technischer Leistungen und Eingriffe, eintreten, sie
können aber nicht ohne Gefährdung des Hauptanliegens zum heimlichen Ziel der Bemühungen gemacht
werden.
Trotz der unübersehbaren Probleme, die mit der Einführung einer sinnvollen, wirksamen und nicht zuletzt
auch bezahlbaren Qualitätssicherung verbunden sind, ist die Bereitschaft der großen Mehrheit der Ärzte zur
konstruktiven und engagierten Mitarbeit vorhanden. Hierfür den Beleg erbracht zu haben ist vielleicht das
wichtigste Ergebnis des Modellprojekts Qualitätssicherung bei Koronararteriendilatationen.
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis im Sonderdruck, anzufordern über den
Verfasser.
Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Karl-Ludwig Neuhaus
Städtische Kliniken Kassel
Medizinische Klinik II
Postfach 10 36 67
34112 Kassel
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