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FEUILLETON

Gesichter des Orients: Erstaunliche Kunstfertigkeit

PP 4, Ausgabe Januar 2005, Seite 44

Scheiper, Renate V.

Elefantenkapitell aus dem „Großen Tempel“ in Petra
Nahezu 700 Exponate informieren über 10 000 Jahre Geschichte, Kultur und Entwicklung Jordaniens.

Mit ernster Würde schauen zwei Gesichter den eintretenden Besucher an. Mandelförmig sind ihre kajalgeschwärzten, schönen Augen, zierlich die Nasen über dem schmallippigen Mund. Vor fast zehntausend Jahren haben feinfühlige Künstlerhände diese zwei ineinander verschmolzenen Figuren geschaffen, die bei archäologischen Ausgrabungen in Ain Ghazal (Quelle der Gazellen) in Jordanien nach Jahrtausenden ungestörter Ruhe vom Tageslicht geblendet wurden. Weitere Figuren und Büsten ähnlichen Stils wurden im selben Areal gefunden, sorgsam gebettet in seinerzeit nicht mehr bewohnten Häusern. Waren es Gottheiten oder die Lebenden beschützende Ahnen? Niemand kann es heute mehr sagen. Nur dass die beinahe lebensgroßen Figuren aus gebranntem Kalk und Lehm über einem Schilfgerüst geformt wurden, kann aufgrund der erhaltenen Abdrücke rekonstruiert werden.
Viele Augenpaare aus den Wandvitrinen dieses Raumes scheinen den Betrachter zu beobachten, der nun seine Zeit- und Kulturreise durch zehn weitere Bereiche der Ausstellung antritt. In einem anderen Raum liefert die Rekonstruktion eines Hauses aus neolithischer Zeit (7./6. Jahrtausend v. Chr.) mit menschlichen und tierischen Knochenfunden ein anschauliches Bild der damaligen Lebensumstände.
Bereits vor neuntausend Jahren entstanden erste Großsiedlungen auf dem Gebiet des heutigen Jordanien und den angrenzenden Gebieten, die schon damals im Schnittpunkt von Handelswegen lagen. Wohlstand und dadurch freigesetzte Arbeitskraft ermöglichten handwerklich-künstlerische Spezialisierungen, wie die Exponate dokumentieren. In Tuleilat al-Ghassul verblüffte die Archäologen ein farbiges Wandfresko mit offenbar magischer Funktion. Eine Reproduktion ist in Raum IV der Ausstellung zu sehen.
Während der Wanderung trifft der Besucher auf Skarabäen, Siegel und Keilschriftfunde, die weitreichende Handelsbeziehungen mit Mesopotamien und Ägypten bezeugen. Vom Fernhandel über die Meere im 2. Jahrtausend v. Chr. fand mykenische Keramik ihren Weg nach Jordanien. Relikte aus biblischer Zeit des Alten Testaments setzten sogar die Archäologen in Erstaunen. Die so genannte Mescha-Stele aus Basalt erzählt, dass die Israeliten das Land Moab beherrschten.
Nicht zuletzt begeistern Funde aus der rosaroten
Nabatäerstadt Petra im Süden Jordaniens. Durch ihre Schlüsselstellung an der dreitausend Kilometer langen Weihrauchstraße vom Südjemen durch die Wüsten nach Norden häuften sie unermessliche Reichtümer an. Graffiti und Inschriften verschiedener Sprachen und Schriften sowie in Felsen geritzte Bilder dokumentieren die Globalität dieser Karawanenstadt. Griechisch-römisch beeinflusst sind die Statuen, Reliefs und Architekturfragmente aus Petra. Ungewöhnlich ist ein Kapitell mit Elefantenköpfen an den Ecken.
Die etwa 700 Exponate informieren über 10 000 Jahre Geschichte, Kultur und Entwicklung eines orientalischen Raumes, der in Europa weitgehend unbekannt ist. Besonders auch die Zeit des frühen Christentums offenbaren neuere Ausgrabungen jordanischer Archäologen am östlichen Jordanufer: Große Becken für Massentaufen, in die Stufen hineinführen, drei frühe Kirchenbauten und Pilgerunterkünfte wurden dem bis 40 Meter mächtigen Schlamm der Jordanüberflutungen abgerungen. Unendlich viele frühchristliche Mosaiken kamen dort, auf dem Moses-Berg Nebo und in Madaba zutage, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind. Am eindrucksvollsten und geschichtsträchtigsten aber ist die „Mosaikkarte von Madaba“ aus dem 6. Jahrhundert, die bei der Renovierung der St.-GeorgsKirche in Madaba gefunden wurde. In Raum IX ist eine begehbare Kopie im Boden eingelassen. Das gesamte Heilige Land ist dargestellt, im Original aus mehr als zwei Millionen farbiger Mosaiksteinchen zusammengesetzt.
Statuen aus Ain Ghazal um 7000 v. Chr., Kalk und Schilfrohr Foto: J. Tsantes/Staatliche Museen zu Berlin
Weiterer Raum ist den „Muslimischen Herren der Wüste“ gewidmet. Freizügige Wandmalereien aus dem Badeschlösschen Qasr al-Amra sind im Maßstab eins zu eins wiedergegeben. Den Abschluss der Ausstellung bildet ein Überblick über die Forschungsgeschichte Jordaniens, die mit frühen Reisenden begann. Renate V. Scheiper


Informationen: Die Ausstellung „Gesichter des Orients – 10 000 Jahre Kunst und Kultur aus Jordanien“war bis 9. Januar zu sehen im Alten Museum, Berlin; vom 8. April bis 21. August 2005 ist sie zu sehen in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, 53113 Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4, Telefon: 02 28/ 91 71-0. Internet: www.gesichter-des-orients.de. Das Begleitbuch „Gesichter des Orients“, Verlag Philipp von Zabern, kostet 44,90 Euro. Weitere Auskünfte: Informationsbüro Jordanien, Weserstraße 4, 60329 Frankfurt/Main, Telefon: 0 69/92 31 88 70, Internet: www.see-jordan.com.
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