MEDIZIN: Diskussion
Gesundheitliche Bedeutung der Folsäurezufuhr: Reale Ursachen erforschen
Dtsch Arztebl 2005; 102(4): A-215 / B-178 / C-171


Die Folsäurekonzentration in der Gesamtbevölkerung ist am unteren Rande der Norm. Doch führt dies bei Schwangeren bereits zur Spina bifida des Kindes? Bei Schwangeren oder im Vorfeld der Schwangerschaft kommt mit gleicher Häufigkeit wie Spina bifida, Anorexie und Bulimie vor. In diesem Fall wären selbstverständlich nicht nur für Folsäure, sondern auch für andere essenzielle Nährstoffe Defizite zu erwarten. Sind Untersuchungen durchgeführt worden, ob die Ursache für Folsäuredefizite Anorexie oder Bulimie gewesen ist? Gibt es Befunde über eine Koinzidenz von Neuralrohrdefekten und Anorexia nervosa bei Schwangeren?
Zur Einschätzung des Auftretens von Neuralrohrdefekten wäre eine Antwort darauf sehr wichtig. Denn wenn die Anorexie die Ursache dafür wäre, dürfte man die Missbildung nicht nur mit Folsäurepräparaten bekämpfen, sondern man müsste gegen die Anorexie und den Schlankheitswahn angehen. Welche Frau mit Anorexie würde wohl Folsäurepräparate einnehmen? Diese allein würden ihr auch nicht helfen.
Es ist notwendig, nach den realen Ursachen des Folsäuremangels zu forschen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei dem hohen Konsum von Joghurt, der hauptsächlich von Frauen verzehrt wird, und bei dem hohen Verbrauch an Nahrungsmitteln wie Sauerkraut oder Bier, in denen die verwertbare Folsäure enthalten ist, bei normalem Essverhalten zu Neuralrohrdefekt-auslösenden Folsäuredefiziten kommen kann. Neuralrohrdefekte wären dagegen bei Folsäuredefiziten zu erwarten, wie sie beispielsweise bei Anorexie entstehen.
Prof. Dr. med. Harald Remke
Helgoländer Weg 5
04157 Leipzig
E-Mail: H.Remke@t-online.de
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