MEDIZIN

Medizingeschichte(n): Psychiatrie – “unsinnige leut“, lunatici

Dtsch Arztebl 2005; 102(9): A-586 / B-493 / C-460

Schott, H.

Zitat: „Also wollen wir uns underrichten de lunaticis [1], was ir ursprung sei, damit sie also in dem capitulo de cura secundae methodi verstanden werden.
die obern gestirn haben in uns gewalt zu krenken und schwechen unsern leib und gestalt der gesuntheit und krankheit. und wiewol sie nit materialisch noch substantialisch in uns fallent, alein inclinirens one sichtlikeit und empfintlikeit mit der vernunft, gleich zu verstehen als ein magnes [2], der an sich zeucht das eisen, der carabe [3] das stroh und sulfur [4] das holz.
also in solcher gestalt ist virtus attractiva [5] in dem mon[d], die uns auszeucht die vernunft im haupt und das durch die beraubung der humoris und virtutis cerebri [6]. und ist nit das der mon[d] in uns gang und in uns wirke, wie fürgelegt wird; dan kein gestirn gewalt hat uns zu besizen, wie dan vil sezen mit vil lügen, aber uns das selbig zu entziehen, darzu sie in virtute attractiva bereit sein, müssen wir dulden.
als die son nimpt dem ertrich [Erdreich] sein feuchte. nit das die sonne darin sei und sie heraus treibe, wie ein wasser das ins feur gegossen wird, sonder das sie es an sich zeucht und nimpt. also auch nit alein der mon uns ein solches zufüget: sonder auch der gestirn sind vil, die uns also im ganzen leib den glidern iren humorem [7] berauben [...]. also werden vil menschen irer sinnen beraubt, alein durch die attraction des mons, da von inen ir humor cerebri [8] genomen ist und das ganz haupt also leidet und tobet one vernunft.
diese lunatische regiren sich nach dem mon, und das aus der ursach das virtus attractiva in vollem mon am sterkisten ist, darumb sie am meisten zeücht [9] und diese menschen am meisten leiden.“

Paracelsus: „Das siebente Buch in der Arznei.Von den Krankheiten, die der Vernunft berauben“ (vor 1527). Kapitel 5 :“vom ursprung der rechten unsinnigen leuten“. In: Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus: Sämtliche Werke. Herausgegeben von Karl Sudhoff, 1. Abt., 2. Bd., S. 421 f. – [1] Verrückte, Wahnsinnige (engl. lunatic asylum: Irrenhaus) von lat. luna = Mond. [2] Magnet(stein). [3] Bernstein; Wirkungen der Elektrizität und des Magnetismus wurden erst um 1600 differenziert. [4] Schwefel; „Sulphur“ ist bei Paracelsus neben Mercurius und Sal eines der drei „Prinzipien“. [5] Anziehungskraft. [6] Des Saftes und der Kraft des Gehirns. [7] humor: gemäß der antiken Säftelehre (Humoralpathologie) ein essenzieller Körpersaft (Blut, gelbe und schwarze Galle Schleim). [8] Gehirnsaft: traditionell Schleim (phlegma). [9] Zieht. – Paracelsus verknüpft Wahnsinn und „Mondsucht“ in traditioneller Weise im Begriff der „lunatici“ (von lat. luna = Mond).
Sein Ansatz einer astrologischen Medizin wird hier besonders deutlich. Die Anziehungskraft des Mondes wird mit der des Magneten verglichen. Paracelsus begründete den medizinischen „Magnetismus“, der in der frühen Neuzeit in Form der „magnetisch-sympathetischen Kuren“ ein überaus große Rolle spielte, bis hin zum animalischen Magnetismus (Mesmerismus) um 1800.

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